Amy und die geheime Bibliothek

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Autor:
Alan Gratz

Darum geht’s:
Verbannte Bücher, eine machtlose Bibliothekarin und ein kleines Mädchen, das Initiative ergreift, um ihre geliebten Bücher zu retten.

Meine Meinung:
Jährlich findet in den USA die „Banned Book Week“ statt, in der Ende September von der American Library Association (kurz ALA) in Zusammenarbeit mit Verlagen, Buchhändlern und, wie der Name schon verrät, Bibliotheken auf Bücher aufmerksam gemacht wird, die durch Beschwerden aus Bibliotheken verbannt und entfernt werden. Gegen diesen Eingriff in die Meinungsfreiheit (die tatsächlich auch in der Verfassung der Vereinigten Staaten verankert ist) kämpft die Vereinigung und ihre Unterstützer seit 1982, als die Aktion von einer Bibliothekarin ins Leben gerufen wurde.

Jedes Jahr im September wird eine Liste veröffentlicht mit den zehn (dieses Jahr zum ersten Mal elf) am meisten verbannten Büchern. Ein Dauerkandidat auf dieser Liste ist übrigens immer wieder Harry Potter (unter anderem für die Verherrlichung des Okkultismus angeklagt). Auf der diesjährigen Liste (hier übrigens) finden sich unter anderem A Day in the Life of Marlon Bundo, (weil es politisch ist und die Kaninchen homosexuell), Captain Underpants (weil es störendes Verhalten gegenüber Erwachsenen in Kindern animiert und in einem Band ein gleichgeschlechtliches Pärchen vorkommt), Thirteen Reasons Why (weil es wohl den Selbstmord verherrlicht bei Teenagern), The Hate U Give (weil es die Autorität der Polizei untergräbt, Drogenkonsum normalisiert und sexuelle Anspielungen enthält) und dieses Jahr auf Platz eins George (weil es Kinder dazu animiert, ihre Browser-Historie zu löschen, es hormonelle Behandlungen zur Veränderung des eigenen Geschlechts zum Thema macht, „schmutzige Magazine“ erwähnt, die männliche Anatomie beschreibt, Verwirrung stiftet und Transgendercharaktere beinhaltet). Ihr seht, die meisten Gründe sind wirklich schwachsinnig, aber wir sprechen hier über ein Land, das Donald Trump zum Präsidenten gewählt hat (sorry, aber das musste sein).

Doch was hat das alles mit Amy und die geheime Bibliothek zu tun, fragt ihr euch jetzt sicher. Nun, in diesem Buch geht es darum, dass Amys Lieblingsbuch (Gilly Hopkins – Eine wie keine von Katherine Paterson) aus der Bibliothek verbannt wird und mit ihm zehn andere:

Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna von Fynn
Onkel Montagues Schauergeschichten von Chris Priestley
Matilda von Roald Dahl
Harriet – Spionage aller Art von Louise Fitzhugh
Die Gespensterjäger-Reihe von Cornelia Funke
Total normal von Robie Harris
alle Harry Potter Bücher von JKR
alle Captain Underpants Bücher von Dav Pilkey
Der Fluch der schwarzen Katze von R.L. LaFevers
alle Gänsehaut Bücher von R.L. Stine

Verbannt werden sie von einer besorgten Mutter, die bei ihrem Sohn eines Tages die Captain Underpants Reihe findet und sie für vollkommen ungeeignet für Middle School Kinder hält (übrigens aus den gleichen Gründen, wie in der Liste der ALA angegeben). Sie setzte sich beim Schulrat ein und dieser willigte ihr zu, die Bücher zu entfernen. Für Amy jedoch ist das absolut nicht nachvollziehbar. Ihr Buch wurde verbannt, weil darin ein Mädchen von Zuhause wegläuft. Doch so oft sie es auch gelesen hatte, nie hatte sie selbst das Bedürfnis, es Gilly nachzuahmen. Kurzerhand entwendet sie mit zwei anderen Kindern, deren Lieblingsbücher ebenfalls verbannt wurden, die Bücher und gründet ihre eigene Bibliothek: Die G.S.B. – Geheime Schließfachbibliothek.

Dieses Buch hat meine beste Freundin Anna auf einem unserer Streifzüge durch Buchhandlungen auf einem Tisch nahe der Kasse entdeckt und machte mich darauf aufmerksam. Nicht nur sprach mich das Cover sofort an, auch der Klappentext klang so gut, dass es kurze Zeit später unter dem Scanner an der Kasse landete. Das Buch ist super witzig und bietet Kindern einen guten Blick hinter die Kulissen einer Bibliothek und zeigt auch, wie Bibliothekare vor der Einführung von Computern und elektronischen Hilfsmitteln einen Überblick über ausgeliehene Bücher behielten. Gleichzeitig thematisiert dieses Buch natürlich die Verbannung von Büchern und auch, wie man selbst als Kind dagegen kämpfen und den Erwachsenen Paroli bieten kann (ich bin ja gespannt, ob das Buch nächstes Jahr auf der ALA Liste landet). Ein weiterer Vorzugspunkt dieses Buches ist die Leseliste, die man erhält, wenn man sich alle vierzig genannten Bücher und Buchreihen notiert, die im Buch erwähnt und/oder verbannt werden.

Als Leser begleiten wir die Protagonistin Amy, die im Laufe des Buches ihren eigenen Mut kennen lernt und erkennt, dass es sich für manche Dinge lohnt, aufzubegehren und zu kämpfen. Sitzt sie am Anfang noch nüchtern in der ersten Schulratsversammlung, in der es um die Verbannung der Bücher geht, so traut sie sich am Ende vor der Versammlung eine Rede zu halten, warum Bücher nicht verbannt werden sollten (und vorher zu einer ziemlich coolen Aktion aufzurufen, um Aufmerksamkeit zu erregen).

Ich liebe dieses Buch und bin gleichzeitig immer wieder geschockt, wie viele meiner Lieblingsbücher in der Handlung verbannt werden. Dass die Harry Potter Reihe verbannt wurde, war für mich keine große Überraschung, denn viele Berichte darüber landen immer wieder auch in unseren Zeitungen. Verwundert war ich eher beispielsweise über Der Fluch der schwarzen Katze von R.L. LaFevers, dass ich als Jugendliche regelrecht verschlungen habe und an dessen Geschichte ich noch heute gerne denke. Irgendwie ist es für mich vollkommen surreal, wie diese Bücher überhaupt auf einer Verbannungsliste landen können.

Klar, manche Bücher in meiner Jugend waren vielleicht auch nicht gerade für mein Alter geeignet, doch verstand ich diese Teile der Bücher meist sowieso nicht oder legte die Bücher einfach weg. Und viele Bücher, nehmen wir als Erwachsene auch ganz anders wahr als Kinder. Ein gutes Beispiel dafür, finde ich, ist immer Coraline von Neil Gaiman. Vor ein paar Jahren habe ich den Film mit meinem kleinen Cousin geschaut, der den Film total cool fand. Ich hingegen saß auf dem Sofa und gruselte mich vor der Mutter hinter der Tür und ihren Knopfaugen.

Je mehr Erfahrung wir im Leben sammeln, desto mehr lesen wir in Geschichten hinein und interpretieren sie anders als andere. Ich glaube, aus diesem Grund werden Bücher/Filme wie Coraline anders von Kindern wahrgenommen als von Älteren. Deswegen aber den Kindern das Recht zu nehmen, ihre eigene Meinung über etwas zu bilden, haben nur Eltern, nicht aber echauffierte Erwachsene, die glauben, fremde Kinder vor bedrohlicher oder unpassender Literatur schützen zu müssen, die nicht ihrer Weltanschauung entspricht. Wir können Kinder sowieso nicht vor allem behüten – schon das Internet und das Fernsehen machen uns da einen Strich durch die Rechnung. Und Kindern Bücher zu verwehren, nur weil darin LGBTQ+ Charaktere vorkommen, ist das Dümmste, was wir tun können – ganz ehrlich!

Lest das Buch, verschenkt es an andere, redet mit euren Kindern, Neffen, Nichten, Schwestern, Brüdern, Patenkindern usw. über es und erklärt ihnen, warum niemand das Recht haben sollte, Bücher zu zensieren oder zu verbannen und ihre Meinungsfreiheit damit einzuschränken (ausgeschlossen natürlich gewaltverherrlichende, rassistische, pornografische oder indoktrinierende Literatur). Und wenn ihr es schon nicht mit Kindern teilt, dann gewinnt ihr zumindest ein tolles Buch für euer Bücherregal.


2 Gedanken zu “Amy und die geheime Bibliothek

  1. Hallo Reni,

    ich wusste gar nicht das Bücher zensiert werden und aus Bibliotheken fliegen. Was für ein Blödsinn! Ich gehe immer mal wieder zu einem LeseClub in der Buchhandlung vorort. Dort können wir Bücher testlesen und besprechen sie dann. Das ist echt super, aber eine Sache stört mich dabei. Wenn wir uns die Bücher leihen, dann wird immer wieder darauf geachtet, dass es eventuell nur ein Buch für Mädchen oder nur für Jungs ist. Außerdem wird aufs Alter geguckt. Natürlich gibt es die Altersempfehlung. Aber wie du schon geschrieben hast, nehmen sie es ja anders wahr und im schlimmsten Fall legen sie das Buch halt weg. Ist leider echt traurig.

    Dein Artikel ist wirklich gut geschrieben. Hat mir sehr gefallen! 😊👍

    LG
    Moritz

    Gefällt 1 Person

  2. Hi Moritz,
    danke dir.
    Ich habe tatsächlich noch nicht rausgefunden, ob es dieses Phänomen auch in Deutschland gibt. Wenn ja, dann wird es zumindest sehr gut verschwiegen.

    Liebe Grüße,
    Reni

    Gefällt 1 Person

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