Abbrechen oder Beenden?

Kennt ihr das? Es gibt so Bücher, die einfach keinen Spaß machen, durch die man sich quält, bei denen jede Seite zur Tortur wird. Oder diese Bücher, die so mit Klischees bestückt, deren Charaktere unsympathisch oder total stupide sind, sodass man sich eher die ganze Zeit beim Lesen aufregt, als wirklich Spaß zu haben.
Wenn es sich um Literatur für den Unterricht oder die Vorlesung handelt, quält man sich eben weiter durch (oder mogelt ein wenig und liest das Ende in Wiki, schaut die Verfilmung oder guckt, ob das Buch bei shmoop gelistet ist und zieht sich daraus alle wichtigen Daten). Bei Leseexemplaren ist die ganze Sache verzwickter; die sollte man wirklich lesen, egal wie furchtbar sie sind. Doch was ist mit Büchern, die man einfach so zwischendurch zum eigenen Vergnügen liest?

Ich lese viele Bücher und adoptiere noch viel mehr. Da ich beim Kauf leicht vom Cover beeinflussbar bin, passiert es ab und an, dass ich dabei auch mal daneben greife. Nicht hinter jedem tollen Buchcover versteckt sich nun mal auch ein gutes Buch (damn you, Buchindustrie!!!) und andersrum übrigens genauso.  Ich versuche, jedem Buch eine Chance zu geben, doch bei gefühlt einem von zehn Büchern werde ich am Ende doch von Plotschwächen, schlecht geschriebenen/klischeehaften Charakteren oder schlecht recherchierten Inhalten enttäuscht. Und genau dann stehe ich immer vor dem gleichen Dilemma: Breche ich das Buch ab oder quäle ich mich bis zum Ende durch.

Diese Frage löst immer gleich einen ganzen Gewissenskonflikt aus, in dem die unterschiedlichen Seiten meines Gehirns anfangen, Argumente auszugraben, um ihren jeweiligen moralischen Standpunkt zu verteidigen. Da prallt „du hast soundsoviel Geld dafür ausgegeben“ auf „aber die Charaktere sind doof“ oder „das Buch hat doch so vielen anderen gefallen“ auf „aber der Plot ist furchbar“. (In solchen Situationen holt man sich am besten eine Tüte Chips, setzt sich hin und lässt die beiden Seiten das Ganze unter sich klären. Zwischenrufe werden da nicht akzeptiert, oder aber als „Partei ergreifen“ ausgelegt.)

Am Ende läuft es  in den meisten Zeiten bei mir darauf hinaus, dass ich das Buch abbreche (wenn es sich nicht gerade um einen Klassiker handelt, den ich wenigstens einmal in meinem Leben gelesen haben will). Es gibt zu viele gute Bücher da draußen, die alle noch von mir gelesen werden wollen, zu viele Abenteuer zu erleben, zu viele Geschichten, die mir so richtig schön das Herz brechen könnten. Wenn ich mich durch ein Buch quäle, brauche ich zum Lesen oft drei- oder gar viermal so lang dafür, weil einfach die Motivation fehlt. Das ist alles Zeit, die ich in einem anderen Buch verbringen könnte. Da ich jedoch zu den Ein-Buch-Auf-Einmal-Lesern gehöre, fasse ich kein anderes Buch an, wenn ich noch mitten in einer anderen Geschichte bin, und will deshalb nebenbei nicht einfach in eine schönere Geschichte abtauchen. Dann bleibt das andere Buch ja noch länger liegen und redet mir auch noch ein schlechtes Gewissen ein. Also lieber abbrechen, oder?

Ich habe eine Bekannte, die sich durch wirklich jedes Buch kämpft, dass sie einmal begonnen habt. Auf die Frage, warum, antwortete sie, dass das Beenden eines Buches für sie einfach eine Befriedigung innehält, auf die sie nicht verzichten will, egal wie furchtbar das Buch ist. Denn in jedem Buch, meint sie, finde sie immer irgendwas, dass dann doch nicht so schlecht war, sei es eine Idee, ein Nebencharakter oder eine unerwartete Wendung am Ende. Denn dieses Risiko gehe ich beim Abbrechen ein: Ich weiß nicht, wie die Handlung am Ende wirklich ausgeht und ob das Buch auf den letzten Seiten nicht doch noch besser wird. Ich nehme lieber Unwissen in Kauf, als bis zum Ende an der Geschichte dran zu bleiben. Und wenn das Buch doch wirklich so richtig schlecht ist, so meine Bekannte, dann kann man es auch immer noch als ungewollte Komödie sehen und trashlesen.

Nach dem Standpunkt meiner Bekannten berauben wir uns selbst einer Erfahrung, wenn wir ein Buch vorzeitig abbrechen. Dieses Argument lässt mich irgendwie nicht los. Haben wir uns zu sehr daran gewöhnt, Dinge aufzugeben, wenn sie keinen Spaß machen oder Unterhaltungswert haben? Sind wir zu ungeduldig? Ist die Ablenkung der anderen potenziellen Bücher zu groß, als dass wir uns auf den Moment konzentrieren und damit das Buch in unserer Hand?

Ich gebe zu, wenn ich einen Film oder ein Buch konsumiere, dass mich nicht voll und ganz einnimmt, dann bin ich oft schon ab der Hälfte mit den Gedanken beim nächsten Buch, dem nächsten Film oder der nächsten Serie. Dann erstelle ich mir selbst mentale Listen à la Who’s next. Manchmal hasse ich das an mir, meine Ungeduld und meine Unfähigkeit, den Moment zu genießen. All die Dinge, die ich noch nicht kenne, üben einen Druck auf mich aus, dessen Präsenz ich oft zu sehr an mich herankommen lasse. Vielleicht verstärkt sich dieser ja mit jedem Buch, dass ich abbreche, und vielleicht liegt es manchmal auch gar nicht am Buch, sondern einfach daran, dass ein anderes Buch in diesem einen Moment verführerischer ist, als das in meiner Hand. Ich weiß es nicht, denke aber, dass ich das in den nächsten Monaten mal intensiver an meinem Leseverhalten hinterfragen werde.

Wie ist das so bei euch? Brecht ihr Bücher ab, die ihr nicht mögt, oder quält ihr euch durch? Aus welchen Gründen legt ihr ein Buch zur Seite? Lasst es mich wissen (ihr wisst ja, wie neugierig ich bin).

Habt eine tolle Woche und lest fleißig Bücher!

Alles Liebe,
Eure Reni

 


9 Gedanken zu “Abbrechen oder Beenden?

  1. Liebe Reni!

    Ich kann Dir nur unterstützend zurufen: „Abbrechen…!!!“

    Es gibt so viele wunderbare, wertvolle und inspirierende Geschichten da draußen, da werde ich meine rare Zeit nicht mit den (für mich) schlechten Geschichten verplempern. Auch wenn viele andere Leser gerade diese Geschichte toll finden, heißt es nicht, dass sie zu mir passt. Der Geschmack aller muss nicht zwangsläufig auch meinem Geschmack entsprechen.

    Darum: Bleibe Dir treu!

    Lieben Gruß
    Andreas

    Gefällt 2 Personen

  2. Ohhh das ist mal ein cooler Beitrag. Also ich lese eigentlich alle Bücher zu Ende und ich muss deiner Bekannten zustimmen meistens kann man sich trotzdem was rausziehen. Ein Beispiel wäre ich habe den Sammelband bon Colleen Hoover Will und Layken gesehen und ich war wirklich schon richtig genervt aber da gab es dieses Spiel Säurebad und Zuckerstück und seitdem ist dieses Spiel fest in unseren Alltag integriert. Bis jetzt habe ich ein Buch oder besser gesagt Reihe abgebrochen und das war die After Reihe. Das ging einfach nicht mehr danach hatte ich auch ein richtiges Lesetief sodass ich erst gar nicht mehr gelesen habe.
    Liebe Grüße

    Gefällt 1 Person

  3. Liebe Reni,
    ich breche keine Bücher ab, bin allerdings auch nicht der Immer-nur-ein-Buch-zur-Zeit-Leser. Es gibt die dicken Bücher, die man nicht unbedingt mit durch die Gegend schleppt, das sind meine Wohnzimmer- und Frühstücksbücher.
    Die Bücher, die ich abbrechen möchte, aber nicht kann, weil es könnte noch etwas tolles kommen, wandern auf die Toilette, wo sie dann so nach und nach weg gelesen werden.
    Und dann habe ich immer ein dünnes Taschenbuch (wobei Tom Clancy jetzt nicht gerade dünn ist) dabei ist.
    Liebe Grüße
    Nella

    Gefällt 1 Person

  4. Ich bin eigentlich auch ein Abbrecher – aber dieses Jahr habe ich mich schwer getan – es gab zwei Bücher, die ich wirklich durchgezogen habe, obwohl ich mich durchquälte. Die hätte ich eigentlich abgebrochen, warum diesesmal nicht, kann ich echt nicht sagen.
    Ich sehe es nämlich auch so – die Zeit für „schlechte“ Bücher ist verloren für gute Geschichten.

    LG

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  5. Liebe Reni,
    es gibt Bücher, die möchte ich am liebsten in die Ecke schmeißen (geht nicht:Bibliothekseigentum).
    Aber zu Ende lese ich DIESE nie!
    Da ich zumeist Jugendbücher lese, fantasievoll, utopisch, gerne mit Happx End, entdecke ich immer wieder neue AutorInnen, lese auch vier dicke Folgebände, wenn sie gut geschrieben sind und suche dann, ob der oder diejenige noch mehr geschrieben haben.
    Zwischendurch leihe ich mir auch Sachbücher aus, die mein Interesse erregen- Die habe ich bis jetzt (toi-toi-toi) immer ganz gelesen. Zur Zeit habe ich welche über historischhe Orte, Straßennamensgeber und Geschichte der Stadt Bad Homburg am Wickel, in der ich seit 5 Jahren lebe. Habe sogar entdwckt, dass das Haus, in dem meine Großeltern mütterlicherseits und meine Mutter, Tanten und Cousinen und Cousins lebten, früher ein berühmtes Hotel war und illustre Gäste beherbergt hatte…
    War ein interessantes Thrma, welches du da angeschnitten hast, liebe Reni; auch die Kommentare fand ich interessant, obwohl ich meist anders denke.
    Danke und tschüss
    Gerel

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  6. Ich bin kein sonderlich geduldiger Mensch. Daher neige ich auch eher zum Abbrechen, wenn mir das Buch so gar nicht gefällt. Neulich las ich “ Dort, Dort“ von Tommy Orange. Ein Native American, was mich grundsätzlich schon mal interessiert. Das Buch begann mit Aufzählungen von Massakern an Amerikanischen Ureinwohnern. Seitenlang. Das war zutiefst frustrierend. Zwar ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass es diese Massaker gegeben hat, aber als Leserin hatte ich das Gefühl, der Autor möchte mir stundenlang in die Fresse hauen. Also habe ich das Buch zur Seite gelegt. Dann las ich, Orange sei nominiert für den Pulitzer Preis und dachte, so schlecht kann das Buch dann ja nicht sein….Also überschlug ich die ersten Kapitel, stieg in die eigentliche Geschichte ein. Und stellte fest: Ein sehr gutes Buch. Ein wirklich gutes Buch. Manchmal zahlt sich etwas Geduld also doch aus. Ich habe mir vorgenommen, das Buch auch noch einmal von vorn zu lesen.

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