Embrace. Du bist schön

Ich werde nächsten Monat dreißig. All die Jahre hatte ich Angst vor dieser Zahl. Angst, bis dahin nicht erreicht zu haben, was man von einer Frau dieses Alters erwartet. Kind, Ehe, sexuelle Erfahrung, Haus, Traumjob … ihr wisst schon. Doch vor allem bedeutete es, dass ich ab dieser Zahl alt sein und es von da an kein Zurück mehr geben würde. Bis zu dieser Zahl wollte ich jung, schön, begehrenswert und schlank sein. Das Einzige, was ich davon war nach meiner eigenen Wahrnehmung, war jung.

Die Wahrheit ist: Ich hasse meinen Körper. Und ich heule, während ich dies schreibe, weil mir gerade eine riesige Last von meinen Schultern fällt, das überhaupt zuzugeben. Ich hasse es, dass er schwabbelt, hasse meine hängenden, viel zu großen Brüste. Ich hasse das Fett, hasse meine Oberschenkel und vor allem meine Unterschenkel, die seit Ende meiner Teenagerjahre so dick sind, dass ich keine Stiefel tragen kann, die höher als fünf Zentimeter über das Sprunggelenk gehen. Ich hasse mein pausbäckiges, rundes Gesicht und meine schwabbeligen Oberarme. Meinen Bauch, meinen Po, meine knubbeligen Füße, meine kurzen Stummelfinger. Und vor allem hasse ich es, dass ich nicht meine eigenen Vorstellungen an meinen Körper erfülle, weil ich nicht das nötige Durchhaltevermögen habe, Diäten hasse, zu gerne gut und oft auch ungesund esse und noch mehr esse, wenn ich einen depressiven Schub habe. Ich sehe nicht aus wie ein Supermodel, passe seit dreizehn Jahren nicht mehr in Größe S hinein und es ist unnötig, nach Ähnlichkeiten zwischen mir und Frauen in der Werbung, den Magazinen und Filmen zu suchen.

Es tut weh, wenn andere sich erlauben, auch noch ihren Senf zu meinem Aussehen hinzuzugeben. Wenn sie an meinem Outfit, dass ich mühsam ausgesucht habe und mich ausnahmsweise darin wohl fühle, rummeckern und meinen, ich sei darin besonders dick, oder es betone zu sehr meine Brüste oder ich sehe einfach nicht gut darin aus. Das sind die Outfits, die am Ende des Tages in der hintersten Ecke meines Schrankes verschwinden und nie wieder getragen werden, egal wie sehr ich sie vorher geliebt habe. Und dann fange ich an, an mir zu zweifeln und an meinem Geschmack und all meinen anderen Klamotten und dann esse ich Süßkram oder Chips, um mich nicht mehr schlecht zu fühlen. Ich hasse mich schon genug für mein Aussehen, doch jeder Kommentar bestätigt mir, dass ich recht habe.

Ende September bin ich in meinen Recherchen zu Rules for Being a Girl über den Film Embrace. Du bist schön gestolpert. Einer Studie zufolge, die im Film genannt wird, sind 91 Prozent aller Frauen unzufrieden mit ihrem Körper, egal wie sie aussehen. Schlanke Frauen wollen schlanker sein, oder größere Brüste, straffere Hintern, weniger hier und mehr da haben. Füllige Frauen wollen weniger fett sein, oder verstecken sich in dem Körper, mit dem sie leben, weil sie vergewaltigt oder anderweitig „beschädigt“ wurden. 

Die Australierin Taryn Brumfitt hasste ihren Körper nach dem dritten Kind so sehr, dass sie darüber nachdachte, sich operieren zu lassen. Doch sie konnte den Gedanken nicht ertragen, welches Vorbild sie damit für ihre Tochter sein würde. Stattdessen trainierte sie sich ihre Kilos weg mit dem Ziel, an einem Body-Building-Wettbewerb teilzunehmen. Doch als sie auf der Bühne stand und von allen bewundert wurde, blieb das erhoffte Glücksgefühl aus. Um ihr Wunschgewicht zu erreichen hatte sie ihr komplettes Leben umgestellt, Zeit mit ihren Kindern geopfert und bei jedem Essen abgewogen, ob und wie viel sie zu sich nehmen darf. Dieses Leben wollte sie nicht länger führen. 

Nach dem Wettbewerb begann sie, ihre Einstellung zu ihrem Körper grundlegend zu ändern. Als sie eines Tages ihre Freundinnen hörte, wie die sich über den eigenen Körper beschwerten, setzte sich Taryn Brumfitt an den Computer und postete ein Foto von sich auf Facebook, das um die ganze Welt ging.

Wir alle kennen Vorher/Nachher-Fotos. Auf der einen Seite das traurige, unzufriedene, dicke Mädchen (wahlweise auch ein Junge), auf der anderen eine glückliche, dünne, schöne Frau. Oh, wie ich diese Fotos hasse. Brumfitt drehte den Spieß um, als sie an diesem Tag ihr Vorher/Nachher-Foto postete.

Quelle: https://bodyimagemovement.com/embrace/embracethedocumentary/

Nach diesem Foto erreichten sie tausende von Nachrichten von Frauen aus aller Welt, die ihren Körper auch hassten und ihre Geschichten mit ihr teilten. Überwältigt von dieser Reaktion und mit dem Wunsch, all diesen Menschen irgendwie zu helfen, begann sie, ihr Buch Embrace zu schreiben. Darin erzählt sie, wie sie und andere gelernt haben, ihre Körper zu lieben mit all ihren Fehlern und wie verkorkst unsere Gesellschaft ist mit all den Erwartungen an den weiblichen Körper. 

Nach dem Buch widmete sie sich der Dokumentation Embrace. Du bist schön zum gleichen Thema, die sie dank Crowdfunding finanzierte. Genau diese Dokumentation ist es, über die ich in den letzten Wochen auf Amazon Prime gestolpert bin und seitdem mehrfach angeschaut habe, denn nicht nur hat sie mich tief berührt und in einigen Dingen wachgerüttelt, sie hat mich auch mit vielen Fragen an mich selbst zurückgelassen und dem Wunsch nach den letzten 15 Jahren Selbsthass anzufangen, meinen Körper mehr zu schätzen und lieben zu lernen. 

In der Dokumentation reist Taryn Brumfitt einmal um die halbe Welt, um sich mit verschiedenen Frauen zu treffen. Darunter ist das Model Nathalia Novaes, die davon berichtet, wie hoch die Erwartungen an die Modelkörper sind und was Models tun, um ihre Jugend so lange wie möglich zu erhalten. Sie trifft Mia Freedman, eine der jüngsten Chefredakteurinnen der australischen Cosmopolitan, die sich dafür einsetzte, mehr Frauen mit Kurven in das Magazin zu bringen, um die Beautystandards mehr der Realität zu nähern. Sie unterhält sich mit Lea, einer trans Frau, die von ihren eigenen Erfahrungen und den Erwartungen an ihren Körper berichtet und wie gefangen sie sich oft in den Vorurteilen anderer bezüglich auf den weiblichen Körper fühlt. In L.A. geht sie in eine Schönheitsklinik und lässt einschätzen, was man an ihr verändern müsste, damit sie wieder „schön“ aussieht (gruselig – ganz ehrlich). Neben vielen weiteren Frauen werden auch immer wieder Interviews eingespielt mit Frauen, die sie auf der offenen Straße angesprochen hat und die von ihren Makeln berichten. 

Es ist erschreckend, dass fast alle von uns sofort Dinge nennen können, die wir nicht an uns mögen und die uns unsicher mit unserem eigenen Aussehen machen. In unserer Kindheit hat uns all das nicht gestört, doch irgendwann wurden wir für dieses angebliche Idealbild von Schönheit empfänglich und begannen, uns schlecht dafür zu fühlen, es nicht erreichen zu können. Und so viele Industrien profitieren davon, dass wir nicht mit uns selbst zufrieden sind. Milliarden von Euros, Dollars, was auch immer werden jedes Jahr für Kosmetik- und Diätprodukte ausgegeben. Wie viele von uns rennen jede Woche mehrfach ins Fitnessstudio, nicht um fit zu sein, sondern um überflüssige Kilos loszuwerden, damit wir dem Idealbild von uns selbst entsprechen können. Wie viele Frauen legen sich unters Messer, damit ihre Brüste straffer, ihr Hintern voller, ihr Bauch flacher, die Nase zierlicher oder unsere Vulva wie auf den erotischen Bildern im Internet oder in Pornos aussieht.

Und das alles für was? Das wir attraktiver sind? Und selbst mehr mögen? Ist das all die Arbeit wert? Und wer garantiert uns, dass wir danach glücklich sind? Wer sagt uns, dass wir danach nicht noch mehr Fehler an uns finden und immer weiter an uns rumdoktern, bis wir uns am Ende komplett verloren haben? 

Ja, ich weiß, dass klingt jetzt ein wenig übertrieben, aber wahr ist, dass unser Streben nach Perfektion kein Ende nehmen wird, wenn wir unterwegs nicht lernen, uns selbst zu lieben und so zu akzeptieren, wer wir sind. All die Schönheitsprodukte sollten doch unterstreichen, wer wir sind und nicht Mittel zum Zweck sein, um dies zu verschleiern. Sind wir uns das selbst nicht schuldig?

Im November werde ich dreißig und ich habe mich im Laufe des letzten Jahres dazu entschieden, diese Zahl mit Stolz zu tragen. Ich habe nur dieses eine Leben, nur diesen einen Körper und ich will nicht die nächsten dreißig Jahre damit verbringen, jeden Gedanken an Diäten oder Essen oder überflüssige Kilos zu verschwenden. Ich will leben und genießen und mit der freien Gedankenkapazität meine nächsten Ziele erreichen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich glaube, ich habe mir das verdient.

In diesem Sinne hoffe ich, dass ihr da draußen heute Abend vielleicht in den Spiegel schaut und etwas entdeckt, was ihr an euch lieben könnt. Fügt dieser Kleinigkeit jeden Tag eine neue hinzu und wer weiß, vielleicht fühlen wir uns damit am Ende wohler in unserer Haut.

Habt eine tolle Woche!

Alles Liebe,
Eure Reni.


2 Gedanken zu “Embrace. Du bist schön

  1. Liebe Reni, deine Worte haben mich zutiefst berührt. Mein Herz bricht für dich und alle Menschen, die sich in ihrem Körper nicht wohlfühlen. Besonders getroffen hat mich der Absatz zu den Kommentaren Anderer – denn wie häufig erleben wir es, dass jemand unser Äußeres kritisiert oder schlichtweg ungefragt kommentiert? Du hast mich dazu inspiriert, in solchen Situationen meine Stimme zu benutzen und für mich selbst und Andere einzustehen.
    Es gibt mir Mut, dass du beschlossen hast, dein Alter mit Stolz zu akzeptieren und dich Schritt für Schritt mit deinem Körper anzufreunden. Das hast du wahrlich verdient!
    Ganz liebe Grüße an dich,
    Ella

    Gefällt 1 Person

  2. Liebe Reni,
    ich danke dir wirklich aus ganzem Herzen für diesen persönlichen Beitrag. Der ist nicht nur unglaublich gut, sondern vor allem unglaublich wichtig. Und ich finde es besonders schön, dass du zum Ende hin hoffnungsvolle, ermutigende Worte gefunden hast!
    Ich habe „Embrace“ vor Jahren im Kino gesehen und der Film hat mich sehr berührt. Danke, dass du mich wieder daran erinnert hast. Das Buch möchte ich demnächst auf jeden Fall auch lesen!
    Liebe Grüße,
    Luna

    Gefällt 1 Person

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