Rules For Being a Girl

Autorinnen:
Candace Bushnell & Katie Cotugno

Darum geht’s:
Verknallt sein in den Lehrer, sexuelle Belästigung und wie man sich dagegen wehrt, wenn das Geschehene als „Bist du nicht selbst schuld?“ heruntergespielt wird.

Meine Meinung:
Die englische Ausgabe dieses Buches lag seit Ende Mai auf meinem TBR und ich hatte auch schon hineingelesen, es jedoch wieder zurückgelegt, weil ein anderes Buch meine Aufmerksamkeit mehr gefordert hatte. Bis September dümpelte es dort vor sich hin, bis zu dem Tag, als mich der Verlag beruflich anschrieb. Die Key Accounterin erinnerte sich, wie sehr ich mich in der Herbstreise (Vertretertermine im Sommer, wo wir alle Herbstnovitäten einkaufen) über das Erscheinen der deutschen Ausgabe gefreut hatte und bot uns nun eine Marketingaktion zum Buch für unsere Buchhandlung an. Plötzlich klopfte mein schlechtes Gewissen wieder an und einen besseren Motivator zum Lesen gibt es nun wirklich nicht.

Ich will euch eigentlich nicht zu viel über den Inhalt verraten, denn für mich gab es in diesem Buch diesen einen Moment ziemlich am Anfang, der mich überrumpelt hat. Ein, zwei Seiten vorher ahnte ich bereits, was geschehen könnte und hoffte inständig, ich würde diesmal falsch liegen. Doch leider tat ich das nicht und der Moment kam und ließ mich geschockt zurück. 

Da ich, wie Anna es so schön bezeichnet, unter Spoiler-Tourette leide (nun ja, eher die anderen als ich) und ich auf das eingehen möchte, was im Buch passiert und warum es so toll ist, dass dies hier zum Thema gemacht wird, breche ich mit meiner vorherigen Aussage und erzähle euch ein bisschen mehr von diesem überraschenden Moment – wer nicht gespoilert werden will, der sollte gleich bei der offiziellen Warnung nicht weiterlesen. Besorgt euch aber trotzdem das Buch, denn ihr wollt es definitiv nicht verpassen.

Also, jetzt: ACHTUNG SPOILER!!!

Marins Lehrer lockt sie unter einem fadenscheinigen Grund in seine Wohnung, berührt sie dort unangemessen und küsst sie. Zum Glück gelingt es ihr, rechtzeitig die Notbremse zu ziehen und zu flüchten, doch dieser Moment stellt Marins ganzes Leben auf den Kopf. Dieser Lehrer war ihr Lieblingslehrer, jemand, dem sie sich anvertrauen konnte und der sie ernst nahm. Ein Lehrer, in den sie ein wenig verknallt war, doch sie hat einen Freund und keinerlei Bedürfnis, ihren Lehrer zu daten. Drei Absätze später, nachdem sie die Wohnung des Lehrers verlässt, beginnt sie, die Situation zu verarbeiten und sucht bei sich selbst die Schuld. Ist sie nicht freiwillig mitgegangen? Wollte sie vielleicht sogar von ihm geküsst werden?

Am nächsten Tag bringt sie endlich die Kraft auf, es ihrer besten Freundin zu gestehen, was in der Wohnung passiert ist. Doch statt der Reaktion, die man in so einer Situation von der besten Freundin erwartet, reagiert Chloe so:

Chloe ist stumm. Sie zerbricht einen Tortillachip in hundert Stückchen und legt sie in ihrem Schoß aus wie ein Mosaik. „Bist du sicher?“, fragt sie schließlich.
Ich runzle die Stirn. „Was meinst du damit? Ob ich mir sicher bin, was passiert ist? Ja, bin ich. Ich war da.“
„Nein, das weiß ich, ich meine bloß … Bist du dir sicher, dass er tatsächlich versucht hat … also, du bist nicht einfach zufällig in ihn hineingelaufen oder so?“

(Seite 60, 1. Auflage 2020, Dragonfly)

Statt die Schuld ihrem Lehrer zu geben, sucht sie eine Erklärung für dessen Verhalten in den Signalen, die Marin ausgesendet haben könnte und hat eher Angst, dass Marin diesen Lehrer in Schwierigkeiten mit ihren Anschuldigungen bringen könnte. Marin weiß am Ende nicht mehr, was sie denken soll, vor allem nicht, als Chloe plötzlich aufbricht und sie allein zurücklässt. Das ganze Wochenende steigert sie sich so in ihre Schuld und das hinein, was ihr Lehrer ihr angetan hat, dass sie sich kaum traut, am Montag in seinen Unterricht zu gehen, doch sie ist ein pflichtbewusstes Mädchen und deshalb geht sie dennoch.

Nach dem Unterricht bittet der Lehrer (Bex – so nennen ihn seine Schüler) sie, kurz zu ihm zu kommen. Sie fühlt ich unwohl, mit ihm allein zu sein, hofft jedoch auch auf eine Erklärung für sein Verhalten, die sie prompt bekommt:

Bex lächelt. „Marin“, sagt er und hebt die Hände. „Ich bin’s nur, okay? Du musst keine Angst vor mir haben oder aussehen, als wüsstest du, du wärst tot, oder sonst irgendwas in der Art.“ Er reibt sich wieder über die Wange und wirkt verlegen. „Natürlich habe ich … haben wir einfach … Ich denke mal, wir sind ein bisschen in Verwirrung geraten, sonst nichts.“
Ich blinzle. „Verwirrung?“, entfährt es mir.
„Kommunikationsprobleme“, sagt Bex und schüttelt den Kopf. „Peinlich für uns beide, natürlich. Aber so was kommt vor.“
[…]
„Wie dem auch sei“, sagt Bex, rutscht von der Pultkante und geht in Richtung Tür, „ich wollte nur Klarheit schaffen und sichergehen, dass jeder von uns beiden ganz normal weitermachen kann. Du bist eine fantastische Schülerin, und dieses Vorkommnis soll dir bei all dem Schönen, was du nach dem Abschluss vorhast, nicht im Weg stehen.“ Er hält mir die Hand hin, als wären wir mit einer geschäftlichen Besprechung zu Ende. „Also dann. Alles okay?“

(Seite 66-67, 1. Auflage 2020, Dragonfly)

Ich lass das einfach mal so stehen … unkommentiert. 

Doch für Marin ist natürlich nicht „alles okay“. Ihre Freundin verhält sich immer komischer und abweisender und lässt Marin allein zurück. Als dann auch noch ihr Direktor in der Mittagspause eine Mitschülerin vor versammelter Schülerschaft hervorhebt, um über sein Lieblingsthema zu dozieren – die Schuluniform der Mädchen und wie sie nicht aussehen sollte – platzt bei Marin der Kragen. Sie nutzt ihren Einfluss als Chefredakteurin der Schulzeitung und veröffentlicht einen Artikel mit dem Titel „Rules for Being a Girl“ über all die Regeln, die die Gesellschaft für Mädchen hat, um uns in Zaum zu halten.

Obwohl mit keinem Wort darin Bex und seine Tat erwähnt wird, fühlt er sich angegriffen und ändert sein Verhalten gegenüber Marin. Er stellt sie zur Rede, führt sie in der Klasse vor, bewertet sie unfair und tut noch etwas viel Schlimmeres (das ich euch tatsächlich nicht verrate), als Marin endlich den Mut aufbringt, es ihren Eltern zu erzählen und dann auch dem Direktor. Und hier höre ich jetzt mit der Handlungsnacherzählung auf, denn den Rest sollt ihr ja noch selbst lesen wollen.

Das Buch ist gut. Wirklich gut. Und komplett anders, als ich erwartet habe. Der englische Klappentext besteht nur aus Auszügen aus Marins Artikel und ich dachte tatsächlich, das Buch geht mehr in Richtung Moxie von der Handlung her. Ihr wisst schon, Revolution an der Schule gegen die Kleidernorm bei Mädchen, gepaart mit ein bisschen Feminismus in Form von Clubs an der Schule, was man eben so gewohnt ist. Rules for Being a Girl hat all das (inklusive eines feministischen Buchclubs mit wirklich guten, diversen Buchtipps) und bietet doch so viel mehr.

In so vielen Momenten in diesem Buch war ich so sauer. Sauer über die Reaktionen der besten Freundin, des Lehrers, der Schule. Sauer darauf, dass sich Marin selbst die Schuld an allem gibt. Sauer darüber, dass alle Marin, dem Opfer, die Schuld an der sexuellen Belästigung geben, statt dem Belästiger, der eindeutig Grenzen überschritten hat, die ihm als Lehrer gesetzt sind. Doch vor allem bin ich wütend darüber, wie real diese Geschichte ist, denn genauso reagieren so viele Menschen auf sexuelle Belästigung. Lieber beschützen wir das geliebte Mitglied unserer Gesellschaft und beschützen dessen Ansehen, statt uns einzugestehen, dass auch „gute“ Menschen, schlechte Entscheidungen treffen und anderen Schaden zufügen können, egal ob Lehrer, Priester, Chef, fürsorgender Vater, Arzt, Promi oder wer auch immer. Wie gerne würde ich in einer Welt leben, in der wir die Opfer schützen, in der wir ihnen schon beim ersten Mal ihre Geschichte glauben, statt nach Gründen zu suchen, warum sie selbst an dieser Tat schuld sein könnten.

Mit Marin erhalten wir Leserinnen und Leser ein mutgebendes Beispiel, dass es wichtig ist, die Wahrheit zu sagen und für sich selbst zu kämpfen. Doch vor allem auch dafür zu sorgen, dass die Täter für ihre Fehler geradestehen müssen und keinem anderen mehr schaden können. Ihre Geschichte zeigt gleichzeitig auch all die Misserfolge, Schuldgefühle und Rückstöße, die Opfer ertragen müssen. Viele geben auf, verkriechen sich und versuchen, dieses Kapitel aus ihrem Gedächtnis zu löschen. Manche verletzen sich selbst, werden depressiv, glauben, sie haben es nicht besser verdient oder nehmen sich gar das Leben. 

Ich weiß nicht, wie ich reagieren würde, wenn mir so etwas passiert wäre. Ich wünsche so etwas keinem Menschen. Doch ich lege euch dieses Buch ans Herz. Dank Büchern können wir diese Situationen erleben, ohne selbst verletzt zu werden; nachfühlen, wie es den Protagonisten dabei geht. Und vielleicht trifft dieses Buch auch am Ende genau auf diese eine Person, die vielleicht das Gleiche oder etwas ähnliches erlebt hat und Marin kann ihr ein Vorbild sein, für sich selbst einzustehen und zu erkennen, dass sie keine Schuld an dem hat, was ihr angetan wurde. 

Mit Hashtags wie #Metoo oder #EnoughisEnough setzen sich viele Prominente, Organisationen, Feminist*innen und Opfer dafür ein, dass dieses Thema mehr Sichtbarkeit in unserem Leben erhält, damit die Gesellschaft sensibilisiert wird, Opfer erkennen, dass das, was ihnen angetan wurde, falsch ist und damit Regierungen endlich für mehr Sicherheit sorgen und es Tätern schwerer macht, sich als unschuldig hinzustellen.

Diese Rezension endet diesmal nicht mit einem Schlusssatz, sondern einem Video. Aufgenommen wurde es im Auftrag von Girls.Girls.Girls. Magazine; die Sprecherin ist passenderweise Cynthia Nixon (die Darstellerin von Miranda Hobbes aus Sex and the City – einer Serie geschrieben von Candace Bushnell), die das Gedicht Be a Lady They Said von Camille Rainville vorträgt.


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