Ungeliebt und Ungelesen (II)

Teil 2: Die Lösung?

Letztes Mal haben wir über ungelesen Bücher im Regal gesprochen, die sich auf wundersame Art zu vermehren scheinen, aber niemals weniger werden wollen. Statt dies aber wie bisher stillschweigend zu akzeptieren, warum nicht einfach eine Gegenmethode entwickeln, die speziell diesem Problem entgegen wirken soll? Denn seien wir mal ehrlich: Marie Kondo lehrt uns zwar solche Regalleichen direkt auszumisten, aber wenn wir Buchfetischisten einmal anfangen, alle Bücher auszusortieren, die wir nicht gelesen haben, weine ich nicht nur den Büchern hinterher, sondern vor allem dem vielen Geld, welches scheinbar sinnlos in etwas investiert wurde, was nie gefruchtet hat. Ich bin an diesem Punkt also nicht nur geizig, sondern vor allem auch viel zu stur, um das schlafende Potential dieser Bücher einfach schwinden zu sehen. Und Marie-San hat in einem auf jeden Fall Recht: Wir haben diese Bücher irgendwann einmal behalten, weil sie etwas bei uns auslösten. Wenn auch nur in diesem Moment.

Das Leseverhalten

Im letzten Beitrag haben wir uns bereits das Kaufverhalten angesehen. Aber ich weiß, dass auch mein Leseverhalten mir dauerhaft für derartige Unterfangen im Wege steht. Ich gehöre zu der Sorte „Alles auf einmal“-Leser. Das heißt, ich lese grundsätzlich fünf bis zehn Bücher auf einmal. Überall ist ein Lesezeichen drin und wenn ich nach drei Jahren mal wieder ein Buch aus dem Regal ziehe, in dem ein Lesezeichen steckt, dann lese ich auch an dieser Stelle weiter. Komme was wolle. Manchmal dauert es seine Zeit, bis ich wieder in der Geschichte drin bin, aber das ist egal. Hauptsache ich muss nicht von vorne anfangen, nur um an derselben Stelle erneut das Interesse zu verlieren. Einerseits ist dieses Leseverhalten für ungelesene Bücher sehr schlecht, weil fast jedes Buch in meinem Regal per Definition als ungelesen oder nur zum Teil gelesen (aber nicht abgebrochen!) gilt. Andererseits jedoch ist bei mir die Wahrscheinlichkeit auch höher, Bücher wieder anzufassen, die ich das letzte Mal vor zehn Jahren in der Hand hatte.

Das kuratierte Bücherregal

Wenn ich mir mein perfektes Bücherregal erträume, habe ich mittlerweile ganz bestimmte Vorstellungen davon, wie es auszusehen hat. Nicht nur das Design des Regals selbst spielt dabei eine Rolle, auch die Frage, was hinein gestellt wird, steht natürlich im Vordergrund. Es gibt mittlerweile zahlreiche Ratgeber, wie man das perfekte Bücherregal kuratiert, zB. nach Inhalt der Bücher oder Anordnung und Gegenpole schaffen im Sinne von Gegenständen, die auflockernd und ein wenig Spannung in die Komposition bringen sollen. Bei mir ist es ähnlich. Ich lese sämtliche Beiträge, die ich dazu finden kann, sammle Bilder von schönen Regalen und mache mir immer gerne Notizen zu Möglichkeiten und Ideen. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass neben Büchern in meinem Regal auch Buchvitrinen, kleine Puppenstübchen, Koffer, Vasen und Aufbewahrungsboxen zu finden sind. Ja, ich bin ein Messie und habe ein kleines Sammelproblem. Daher stimme ich Marie-San zumindest in dem zu, dass es sinnvoll wäre, nicht weiter zu expandieren. Auch meine Angst, irgendwann den Überblick zu verlieren, wie Carlos Brauer in »Das Papierhaus« von Carlos María Domínguez, kommt da ganz wie gerufen. Dass ich meine Bücher allerdings mehr als Sammelobjekte statt als Gebrauchsgegenstände ansehe, erweitert meine Sammlung wiederum in Punkten, die nach der Konmari-Methode als definitiv wegwerfwürdig gelten. Ich bin nämlich ein Coversammler, heißt, ich besitze ein Buch nicht nur einmal, wenn es mir gefällt, sondern mehrfach in verschiedenen Ausführungen, Sprachen und Editionen. Es ist also in dem Moment eine Sammlung und der Wert des Lesens rückt in den Hintergrund. Tja, Minimalismus im Bücherregal existiert für mich einfach nicht. Daher stellt sich mir aber auch die Frage, ob sich Sammlungen und Bücher, die weniger nach ihrer Lesbarkeit und vielmehr nach ihrem Sammlerwert beurteilt werden, überhaupt in die Konmari-Methode eingegliedert werden können.

Dennoch bringt uns das nur teilweise näher an die Lösung, was man mit ungelesenen Büchern machen kann. Außer viellecht die Idee, sie einfach als solche zu akzeptieren und sie ihren wohlverdienten Ruhestand in eurem Bücherregal genießen zu lassen. Aber ich habe euch ja Lösungen versprochen.

Doch zuerst ein Beispiel, an dem ich zeigen möchte, dass nicht jedes ungelesene Buch im Regal gleich als Metapher für einen verlorenen Kampf steht:

Als ich noch zur Schule ging, hatte ich eine Klassiker-Phase. Was in meinem Fall hieß, dass ich besonders belesen wirken wollte und dank pubertierender Minderwertigkeitskomplexe Werke von Goethe, Tolstoi und Shakespeare als die Lösung aller meiner Probleme betrachtete. So stand natürlich auch Oscar Wilde auf meiner Abschussliste und was hätte ich denn anderes lesen können, als Das Bildnis des Dorian Gray? Vor allem, wenn man eine kleine Sonderausgabe mit dunkelroten Leineneinband, Goldschnitt und Lesebändchen ergattert hat (nicht sieht mehr nach „Hoher Literatur“ aus, als dunkle Leineneinbände, Goldschnitte und hauchdünne Bibelseiten). Dumm nur, wenn man als Vierzehnjährige keine Ahnung von dem Zerfall der menschlichen Seele hat, geschweige denn jemals etwas vom Fin de siècle gehört hatte. Aber in meiner postkindlichen Naivität versuchte mir einzureden, dass dieses Buch mein neues absolutes Lieblingsbuch werden musste, allein schon weil es darin um Kunst ging. Ich kann euch heute nicht mehr sagen, ob ich damals geschafft habe, das Buch durchzulesen oder ob ich stillschweigend kapituliert habe.

Was ich allerdings noch weiß, ist, dass ich das Buch Jahre später zu Abiturzeiten noch einmal aus dem Regal genommen habe. Und an dieser Stelle war ich tatsächlich verliebt. Nicht in die Idee eines Klassikers, vielmehr in die Darstellung von verzweifelter Menschlichkeit, fragwürdiger Moralität und der Kunst als Spiegel zur Seele. Lange Rede, kurzer Sinn. Jedes Buch hat seine Zeit und hätte ich jedes Buch vorzeitig aussortiert, hätte ich viele meiner Lieblinge wohl niemals kennengelernt.

Hier aber nun ein paar Ideen, wie man zu den ungeliebten und ungelesenen Büchern eine neue Liebe entfachen kann:

1. Bücher sind Neuware

Versuche, die ungelesen Bücher wieder mit den Augen von Neuware zu betrachten. Vergiss die Altlasten und erinnere dich vielmehr daran, wie es war, das Buch im Laden zu entdecken, es in die Tasche zu packen und mit nach Hause zu nehmen. Oder das Weihnachtsfest, als das Buch unterm Weihnachtsbaum lag und du es bei Kerzenschein auspacken durftest. Das Glücksgefühl, welches du hattest, als du das Buch mitnehmen durftest. Und wenn du dir damit wieder den Reiz vor Augen führst, weckt es vielleicht auch wieder dein Interesse neu. Wenn du ein Onlineshopper bist, geh noch einmal auf die Verkaufsseite des Buches und führe dir noch einmal vor Augen, wie du damals auf das Buch gestoßen bist, es in den Warenkorb gelegt hast und als es endlich mit der Post ankam. Die Gefühle, mit denen wir auf ein neues Buch herangehen, unterscheiden sich nun mal von denen, die wir zu den ungelesenen Wälzern im Schrank haben. Fakt ist, Bücher sind wie Liebschaften und auch eine alte Flamme kann neu entzündet werden, wenn man sich ein wenig ins Zeug legt und sich beide Seiten ein bisschen für das Date herausputzen.

2. Bücher sind Geschenke

Verstehe das Buch als ein Geschenk von deinem vergangenen Ich an dein jetziges Ich. Wenn du es ganz genau haben möchtest, kannst du es auch als Geschenk verpacken und es als ein Geheimnis ins Regal stellen. Schreibe dazu vielleicht noch eine kleine Synapsis auf eine Seite und stelle es mit dieser Seite zur Wand hin. Wenn du das nächste Mal einfach etwas neues entdecken willst oder nicht weißt, was du lesen möchtest, greife einfach zu einer Überraschung und schau selbst, was du dir da geschenkt hast. Natürlich sind die Geschmäcker doch immer verschieden und wenn man gerade keinen Thriller lesen möchte, dann ist das einfach so. Statt sich also wieder einmal damit herum zu quälen, kann man auf der Rückseite bereits in etwa erahnen, was einen erwartet und dahingehend ausmachen, ob man es auch wirklich auspacken und lesen möchte. Denn wenn wir eines vermeiden wollen, ist es, ein Buch immer wieder ein- und auspacken zu müssen. Nicht nur der Umwelt zu liebe. Kleiner Tipp: Geschenkpapier mag schön aussehen, aber ich bekomme bei dem Papierverbrauch bereits seit geraumer Zeit Bauchschmerzen. Warum nicht einfach Zeitung nehmen? Gerade Zeitungen in anderen Sprachen haben plötzlich wieder diesen exotischen Reiz und können gerade in einer Sammlung von mehreren Geschenken wieder sehr schön aussehen. Einfach Garn dazunehmen und der Vintage-Stil hat auch bei der Verpackung Anwendung gefunden.

3. Bücher sind Kinder

Ja, ich weiß. Wir haben eine komische Zuneigung zu unseren Büchern. Aber der Vergleich zu Kindern kommt nicht von irgendwo. Manchmal lieben wir sie vom ersten Moment an, an dem wir sie sehen. Wir wachsen mit ihnen und während wir Seite um Seite umblättern, werden sie vor unseren Augen erwachsen. Dazu gehört aber auch oft Abschied nehmen. Manche Bücher bleiben uns erhalten, andere müssen flügge werden. Und daher muss ich Marie-San auch hier wieder Recht geben. So sehr wir uns auch an sie klammern wollen, viele von unseren Lieblingen müssen wir gehen lassen. Vor allem jene Bücher, die wir selbst beim dritten Anlauf nicht geschafft haben zu lesen, jene die uns nicht gefallen haben und von denen wir einfach wissen, dass wir sie nicht erneut lesen wollen, aber auch jene, die eigentlich nur als Trophäe wie ein erlegtes Tier dort stehen (Schau her, dich hab ich gelesen, auch wenn du es mir nicht leicht gemacht hast!). Auch wenn ich hier den ungelesenen Büchern in unserem Regal noch eine weitere Chance geben möchte, gilt es zu verstehen, dass diese Chance nicht jedem zu Teil werden muss. So wie wir einer geliebten Person nicht ein weiteres Mal erlauben, uns das Herz zu brechen, heißt es auch im Bücherregal oft Abschied nehmen und nur das zu behalten, was auch wirklich erhaltenswert ist. Und auch wenn ich von sämtlichen Aufräumspezialisten damit eins auf den Deckel bekomme, sage ich es trotzdem: Wenn im Regal wieder was frei geworden ist, kann ein neues Buch dort einziehen.

Ich hoffe, ich konnte euch mit dieser kleinen Duologie den Zugang zu unseren kleinen Problemkindern erleichtern. Mir fällt es immer noch schwer, die Ungelesenen endlich aus ihrem Schlaf zu reißen oder ein für alle Mal auszusortieren. Trotzdem werde ich sie niemals ganz aufgeben. Wie geht ihr mit den ungelesenen Büchern in eurem Regal um? Gibt es ein Buch, dass sich partout dagegen wehrt, endlich gelesen zu werden?

Alles Liebe für euch und eure ungelesenen Bücher,
eure Anna


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