Ungeliebt und Ungelesen (I)

Teil 1: Das Problem

Jedes Mal, wenn ich mir mein Regal ansehe, voller Bücher, die ich letztlich nie gelesen habe und daneben mein SUB, der droht jeden Moment einfach umzufallen, stellt sich mir die Frage, wie es eigentlich so weit kommen konnte. Warum übt ein neues Buch in der Buchhandlung soviel mehr Reiz aus, als jene Bücher, die schon seit Jahren bei uns zu Hause stehen? Und vor allem, wie lassen sich diese ungeliebten und ungelesenen Bücher endlich lesen?

Mein Kaufverhalten

Um das herauszufinden, muss man wieder einmal das eigene Kaufverhalten unter die Lupe nehmen. Für mich ist es vor allem der plötzliche Drang Bücher zu kaufen, die in diesem Moment unheimlich interessant aussehen, der wohl mehr als die Hälfte meiner ungelesenen Bücher im Regal ausmacht (Problem #1: Marketingopfer). Was ein ziemliches Problem darstellt, wenn man bedenkt, wie oft ich in Buchläden bin. Mein komplettes Social Media- und Konsum-Verhalten ist auf Bücher spezialisiert und neuerdings begleitet mich auch beruflich die Buchbranche.

Dazu ein Beispiel: Ich habe letztens zum zweiten Mal die Serie »You – Du wirst mich lieben« angesehen. Da ich schon einige Zeit die Romanreihe, auf der die Serie basiert, im Auge hatte, war es also kein Zufall, dass ich sie immer und überall zu sehen schien. Aber erst als ich zufällig den zweiten Band der Reihe als Mängelexemplar auf dem Wühltisch liegen sah (Problem #2: Schnäppchenjäger), griff ich zu und musste natürlich auch den ersten Teil dazu holen (Problem #3: Reihensammler mit Hang dazu, entweder eine Reihe nicht chronologisch zu erwerben (siehe Problem #2) oder gleich alle Teile zu kaufen, damit ich im Idealfall alle nacheinander lesen kann).

Auf einmal hatte ich also zwei neue Bücher im Regal stehen, denen ich mich aber nicht sofort zu widmen wagte, da andere Bücher bereits viel länger darauf warteten, gelesen zu werden und der Fairness halber, müssen also Neuerwerbungen zugunsten alter Neuerwerbungen weggelegt werden und plötzlich sieht man, dass man ein Problem hat (Problem #4: Die Angewohnheit, Bücher zu empathischen Wesen zu machen, die wie Personen behandelt werden müssen).

Ihr seht, Bücher kaufen ist einfach. Bücher lesen hingegen …

Die Konmari-Methode

Aber wie kam es eigentlich dazu, mein Kaufverhalten von Büchern einmal mehr zu überdenken? Bin ich fast von einem Bücherstapel erschlagen worden und sah mein ganzes Leben noch einmal an mir vorbei ziehen, während ich mir dachte: »Ich möchte nicht als Todesursache „Stumpfe Gewalteinwirkung durch eine Hardcover-Ausgabe von „Fifty Shades of Grey“ in meinem Autopsiebericht stehen haben«? Die Antwort ist leider Nein, auch wenn der echte Grund nicht minder ironisch ist, wenn auch weniger makaber.

Es fing nämlich mal wieder mit einem Second-Hand-Haul an, als ich nach einer Ausgabe von Wo die wilden Kerle wohnen suchte, da ein Charakter aus einem anderen Buch sich daraus verkleidet hatte und das Buch einige Male während meines Aushilfsjobs über den Tresen wanderte und ich ihm jedes Mal wehmütig hinterherschaute, wenn es in der Tasche verschwand. Auf jeden Fall wurde ich schnell fündig und schnell mussten noch ein paar andere Schnäppchen dazu, damit der Mindestbetrag für den Gratisversand überschritten wurde. Die personalisierte Werbung schlug mir schnell einige Bücher vor, die bereits in irgendwelchen meiner Listen und Einkaufswünschen abgelegt waren. Darunter auch Marie Kondos Aufräum-Ratgeber, die mich schon eine Weile interessierte. Ja, ich kaufte gleich all ihre Bücher und die Ironie, Bücher übers Ausmisten zu kaufen, mit der Intention sie irgendwann zu lesen und vorher allerdings im Regal verstauben zu lassen, entging auch mir nicht.

Aber es sollte so kommen, dass ich ihre Bücher doch schneller zur Hand nahm, als erwartet. Ihre Methode ist nicht ganz einfach zu erklären und jeder, der sich dafür interessiert, sollte ihre Bücher lesen oder einen kurzen Blick in die Netflix-Serie werfen. Im Wesentlichen lässt sich allerdings sagen, dass ihre Methode darauf beruht, alles auszumisten, was einen nicht glücklich macht und nur jenes zu behalten, was bei einem ein wohliges Glücksgefühl auslöst. Also im Prinzip „Weniger ist mehr“ und Minimalismus triumphiert über das Chaos.

Mir gefallen ihre Tipps wirklich sehr und beim Umziehen habe ich dank ihr schon einige Sachen loswerden können, aber bei einem Thema tue ich mich nach wie vor schwer: Bücher.

Klar gehe ich absolut entgegen der Konmari-Methode, wenn ich mich gegen die Veränderungen wehre, aber seien wir einmal ehrlich: Für uns Buchnerds ist ein volles Bücherregal doch purer Himmel (natürlich unter der Prämisse, dass es gut kuratiert ist und aus allem besteht, dass uns Freude bereitet). Aber jedem, der Bücher liebt, werden die Augen ganz glasig, wenn er an ein Bücherregal denkt oder sogar einen ganzen Raum voller Bücher. Daher funktioniert die „Weniger ist mehr“-Methode bei uns einfach nicht so gut, wie bei anderen. Vor allem, wenn dann auch noch hinzukommt, dass wir Blogger, Buchhändler, Lektoren, Autoren oder Poeten sind, deren ganzes Leben von Büchern diktiert wird.

Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass in der Diskussion um ungelesene Bücher, Marie-San und ich leider getrennte Wege gehen. Für sie sind ungelesene Bücher im Regal nämlich nicht mehr oder weniger als ungelesene Bücher. Also Gegenstände, zu denen wir keinerlei emotionale Verbindung aufgenommen haben und es mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft nicht werden. Ungeliebt und Ungelesen. Für Marie-San haben Bücher eine Haltbarkeitsdatum von kurzer Dauer und wenn wir sie in diesem Zeitraum nicht gelesen haben, lesen wir sie eigentlich nie. Daher können sie eigentlich auch gleich aussortiert werden, statt als mahnende Zeugen einer niemals kommenden Zeit weiter im Regal zu schlafen und keinerlei Glücksgefühl bei uns auszulösen, sondern vielmehr eine Form von Frustration und Stress beherbergen.

Aber ich mag diesen Ansatz einfach nicht, vermutlich gerade weil er viel zu viel Wahrheit beinhaltet. Wenn ich meine ungelesenen Bücher betrachte, müsste ich eigentlich die nächsten zehn Jahre keine Bücher mehr kaufen. Ich tue es aber trotzdem und die Stapel werden immer größer und die Aufgabe schier unmöglich zu bewältigen.

Daher, herzlich willkommen bei den anonymen Bookaholics:
Mein Name ist Anna und ich habe ein Problem.

Nächstes Mal betrachten wir die andere Seite der Medaille und versuchen, zu unserem Problem eine Lösung zu finden. Bleibt bis dahin gesund!

Alles Liebe,
eure Anna


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s