Kapitel für Kapitel 1: Auf den ersten Blick

Von Kapitel zu Kapitel

In diesem ersten Kapitel-für-Kapitel-Beitrag erkläre ich euch kurz, nach welcher Struktur ich die nächsten Monate vorgehen werde, damit ihr wisst, was euch erwartet. In den nächsten Beiträgen liste ich die Punkte dann nur noch auf, also keine Angst, ich schwafle euch nicht jedes Mal vorher so viel voll wie hier.

Für diese Beiträge werfe ich nicht nur einen Blick in Stephenie Meyers neustes Buch Biss zur Mitternachtssonne (Hardcover, 1. Auflage, 2020, Carlsen), sondern, weil es sich eben anbietet, auch in Biss zum Morgengrauen (Taschenbuch, 17. Auflage, 2017, Carlsen) und vergleiche beide Bücher und vor allem die Wahrnehmungen der beiden Protagonisten hinsichtlich ihrer Gefühle während der jeweiligen Interaktionen. Ihr bekommt jedes Mal einen kurzen inhaltlichen Abriss zu den Kapiteln, die in beiden Büchern zum großen Teil identisch benannt sind. Übrigens hat Edwards Fassung vier Kapitel mehr als Bellas Geschichte; sie kommt auf eine Anzahl von 26 in ihrem Buch, während Edwards Fassung 30 Kapitel umfasst. Es versteht sich von selbst, dass bei den Analysen der vier zusätzlichen Kapitel die Sichtweise von Bella wegfällt. Außerdem lasse ich die Kapitel von Bella raus, die bei ihr vorkommen, jedoch nicht in Edwards Buch, da unser Hauptfokuspunkt auf seiner Geschichte liegt.
Außerdem habe ich die Seiten der Kapitel gezählt und werde euch die jeweilige Anzahl hinzufügen, denn uns hat es schon ein wenig gewundert, warum das gleiche Buch aus Edwards Sicht 330 Seiten länger ist.
Sind diese beiden Punkte abgehandelt, komme ich zur eigentlichen Liste all der  schädlichen Inhalte, wie sexuellen Belästigungen und Nötigungen, traditionelle Rollenklischees, Eifersucht, Kontrollverhalten (physisch, verbal, emotional) und männliche Aggressivität (Territorialverhalten, Wut und zur Verteidigung von Bella). Dieses Verhalten taucht übrigens nicht nur bei Edward auf, sondern auch bei anderen männlichen Nebenfiguren, die wir eigentlich als harmlos oder gar nett einstufen, doch ebenso wie Rassismus schleicht sich auch dieses Verhalten oft unbewusst bei uns ein, ohne dass wir uns darüber bewusst sind. Wieder ein Grund, warum wir es so wichtig finden, diese Momente herauszustellen.

Wir haben übrigens eine eigene Unterseite geschaffen, wo ihr alle Beiträge findet, die wir während dieser Zeit zu und um diese Buchreihe schreiben. Hier listen wir euch auch alle Kapitel auf, die wir, sobald sie online gegangen sind, mit den jeweiligen Analysen verknüpfen. Damit ist fürs erste alles gesagt und es kann losgehen mit dem ersten Kapitel.

Edwards Kapitel – Darum geht’s:

Dieses Kapitel ist der Start seines Buches. Wir begleiten Edward in die Schule und erleben die Mittagspause mit ihm. Er hört in die Gedanken seiner Mitschüler rein, um die Sicherheit seiner Familie zu gewährleisten, um bei dem kleinsten Anzeichen dafür, dass jemand ihre Tarnung als Menschen anzweifelt, Alarm zu schlagen. Doch an diesem Tag drehen sich alle Gedanken um das neue Mädchen, Bella Swan. Er entdeckt, dass sie eine Lücke in seinem System ist, denn im Gegensatz zu denen der anderen kann er ihre Gedanken nicht hören. Doch noch bevor er sich richtig in dieses Thema vertiefen kann, klingelt es zur Stunde.
Wir begleiten unseren Vampir in seine Biologiestunde. Da neben ihm der einzig freie Platz im Klassenzimmer ist, setzt sich Bella neben ihn. Ihr Geruch ist so verführerisch für den Vampir, dass er sich auf nichts anderes mehr konzentrieren kann. Er versucht, sie nicht umzubringen, während er im Kopf alle Möglichkeiten durchgeht, wie er sie töten kann. Am Ende der Stunde flüchtet er, schwänzt die Nächste und versucht dann, sich in einen anderen Kurs versetzen zu lassen – doch ohne Erfolg. Auf dem Heimweg sieht seine Schwester Alice vorher, dass er sie verlassen wird, um Bellas Geruch zu entkommen.

Bellas Kapitel – Darum geht’s:

Bei Bella handelt es sich bei diesem Kapitel nicht um das Erste. Ihr Buch beginnt mit einem Vorwort, dass die Geschehnisse des Finales ein wenig ankündigt. Erst danach beginnt dieses Kapitel. Bellas Geschichte startet in Phoenix, als ihre Mutter sie zum Flughafen bringt; geht über zu dem Einzug bei ihrem Vater Charlie und konzentriert sich dann auf ihren ersten Schultag. In der Mittagspause sieht sie zum ersten Mal die „Kinder“ der Familie Cullen und dann geht es wie bei Edward direkt zum Biologieunterricht. Sie ist verstört von Edwards Verhalten und fragt sich, ob etwas nicht mit ihr stimmt. Nach dieser furchtbaren Stunde begleitet Mike sie zu Sport und nach dem Unterricht muss Bella zum Sekretariat, um dort einen Zettel mit Unterschriften ihrer Lehrer abzugeben. Dort begegnet sie noch einmal Edward, der seinen Kurs wechseln will. Als ihm das nicht gelingt, flüchtet er und lässt Bella verstört zurück, die vollkommen überfordert von seinem Verhalten ihr gegenüber. Auf dem Heimweg kämpft sie die ganze Zeit mit ihren Tränen.

Seitenanzahl der Kapitel:

Edward: 28 Seiten
Bella: 26 Seiten

Schädliches Verhalten:

1. Seite 8, Edwards Buch:

Rosalie dachte, wie üblich, an sich selbst – ihre Gedanken waren ein seichter Tümpel ohne besondere Überraschungen. Sie hatte ihr Profil in jemandes Brille erhascht und sonnte sich in ihrer Vollkommenheit.

Warum: traditionelles Rollenklischee – ein schönes Mädchen denkt natürlich nur über sich nach und hat keine tief-gehenden Gedanken. Damit wird Rosalie fürs Erste als Stereotyp abgehakt.

2. Seite 12, Edwards Buch:

Jessica Stanley. Sie hatte mich schon länger nicht mehr mit ihrem Gedankengeschwätz belästigt. Wie erleichtert war ich gewesen, als sie ihre deplatzierte Schwärmerei überwunden hatte.

Warum: Aus zwei Gründen: Nummer eins – Edward stuft Jessicas Gefühle herab, indem er sie als „Geschwätz“ und „deplatzierte Schwärmerei“ abtut. Jeder hat das Recht auf seine eigenen Gefühle und nur weil Edward ihre nicht erwidert, heißt dass noch lange nicht, dass er ihre Verliebtheit als „deplatziert“ betiteln darf. Hier hätte ich mir wirklich ein wenig mehr Respekt gewünscht, auch wenn er ein unsterbliches Wesen ist und diese Gedanken seit Jahren ertragen muss.
Nummer zwei – Das Wort „belästigt“ ist absolut unpassend in diesem Kontext. Können wir uns kurz daran erinnern, dass Edward die Gedanken anderer belauscht und ihnen damit jede Privatsphäre nimmt? Wie kann man da von Belästigung sprechen, wenn Jessica diese Gedanken nur denkt? Das wäre nur der Fall, wenn sie diese auch ausspricht und er sich dabei unwohl fühlt. Solange es nur in ihrem Kopf bleibt und sie nicht danach handelt, ist es eine reine Schwärmerei und keine (sexuelle) Belästigung.

3. Seite 12, Edwards Buch:

Ich weiß echt nicht, wieso Eric sie so anstarrt … oder Mike.

Warum: Eifersucht und Territorialverhalten – Jessica ist eifersüchtig auf Bella, da Bella von den Jungs angehimmelt wird, um deren Aufmerksamkeit Jessica buhlt. Dadurch fühlt Jessica sich bedroht durch das neue Mädchen.

4. Seite 15, Edwards Buch:

Wie der sie anstarrt. Reichts ihm noch nicht, dass die Hälfte aller Mädchen nur darauf wartet, dass er …

Warum: Territorialverhalten – Eric steht auf Bella und sieht Mike als Bedrohung, da dieser Bella ebenfalls anstarrt.

5. ab Seite 18, Edwards Buch / ab Seite 28, Bellas Buch:

Edward riecht Bellas Blut und plant daraufhin ihren Tod und den aller Zeugen. Nicht schädlich für einen Vampirroman, da sich Vampire eben so verhalten – zumindest normale Vampire. ABER: seine Körpersignale, die er Bella sendet, sorgen dafür, dass sie sich unwohl fühlt und an sich selbst zweifelt.

[…] als ich direkt neben ihm war, zuckte er zusammen und versteifte sich auf seinem Stuhl. Wieder schaute er mich an, dieses Mal mit einem seltsam feindseligen, wütenden Ausdruck. Erschrocken schaute ich weg und wurde schon wieder rot […] doch aus den Augenwinkeln konnte ich sehen, dass er sich von mir weglehnte, auf der äußersten Kante seines Stuhles saß und sein Gesicht abwandte, als würde es plötzlich schlecht riechen […] Wieder funkelte er mich wütend an, wieder war der Blick seiner schwarzen Augen voller Abscheu. Ich wich so weit zurück, wie es mein Stuhl zuließ. – Seite 28 bis 30, Bellas Buch

Warum: Einige werden jetzt sicher argumentieren, dass Edward ja nichts tut und sich zurückhält und damit Bella, ihre Mitschüler und auch seine Familie schützt, doch Belästigung fokussiert sich nicht auf die Verteidigung des Täters, sondern die Wahrnehmung des Opfers, in diesem Fall Bellas. Bella fühlt sich eindeutig unwohl in dieser Situation, vor allem durch seinen hasserfüllten Blick. Aus diesem Grund landet diese Situation und Edwards Verhalten hier auf unserer Liste.

6. Seite 29, Edwards Buch:

Aber ich konnte charmant sein, wenn ich wollte. Es fiel mir leicht, weil ich immer sofort wusste, wie meine Worte und Gesten beim anderen ankamen. | Ich beugte mich vor und erwiderte ihren Blick, als schaute ich ihr tief in die ausdruckslosen, kleinen braunen Augen. Schon waren ihre Gedanken in Aufruhr. Es würde ein Kinderspiel sein.

Warum: Edward provoziert mutwillig sexuelles Verlangen bei der Schulsekretärin und führt sie in Versuchung. Er weckt Verlangen nach sich in ihr, einem Teenager. So etwas wird als Secondary Violence in der englischen Sprache genannt, heißt, er manipuliert die Person gegenüber an, missbräuchliches Verhalten ihm gegenüber in Betracht zu ziehen. Da er die Auswirkungen auf sie durch sein Talent in ihren Gedanken miterlebt und diese Tat mutwillig heraufbeschwört, handelt es sich hier um schädliches Verhalten, dass zu einem Missbrauch führen könnte, auch wenn sich die Sekretärin beherrscht.
Übrigens wird auch hier wieder Edwards Herabwürdigung von Menschen sichtbar durch das Adjektiv „ausdruckslos“ als Beschreibung ihres Blicks. Auch die degradierende Art, wie er vorgibt, ihr in die Augen zu schauen, dient der Unterstreichung seiner Haltung gegenüber Menschen. Warum begibt er sich überhaupt in die Nähe von Menschen, wenn er sie doch so sehr hasst?

7. Seite 32, Bellas Buch:

Edward Cullen versteifte sich; langsam drehte er sich um und starrte mich wütend an. Sein Gesicht war fast überirdisch schön, doch sein Blick war stechend und hasserfüllt. Panik durchfuhr mich; die Haare auf meinen Armen stellten sich auf. Sein Blick währte nur eine Sekunde, doch er brachte mich stärker zum Frösteln als der kalte Wind.

Warum: Wir wissen, dank Biss zur Mitternachtssonne, dass in Edward in diesem Moment gerade Mordlust und Hass duellieren. Doch wie schon in der Szene im Biologieunterricht, zählt nicht seine Wahrnehmung, sondern die von Bella. Bella fühlt sich eindeutig unwohl, verspürt sogar Panik. Im letzten Satz des Kapitels erwähnt sie sogar, dass sie den ganzen Heimweg mit den Tränen kämpft.
Ein Kerl, der solche Gefühle in euch hervorruft, sollte niemand sein, mit dem ihr zusammen sein wollt. Niemals! Das ist nicht mehr ein Beziehungsstart á la Darcy & Lizzy Bennet, das ist gruselig und schädlich.

Das war das erste Kapitel aus beiden Blickwinkeln. Wenn ich etwas übersehen habe oder ihr diese Sequenzen anders seht als ich, lasst es uns in den Kommentaren wissen.

Alles Liebe,
eure Reni


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