Sexuelle Belästigung und Nötigung – Was gehört dazu?

Gerade beschäftigen wir uns mit Biss zur Mitternachtssonne und listen alles auf, was normalerweise schon zu Nötigung und Belästigung zählt. Damit ihr eine Referenz habt, wonach wir Ausschau halten, gebe ich euch heute einen Überblick darüber und erkläre euch auch den Unterschied zwischen Belästigung und Nötigung, der mir tatsächlich vorher auch nicht so ganz klar war.

Belästigung:

Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz (AGG§ 3 Begriffsbestimmungen:

(3) Eine Belästigung ist eine Benachteiligung, wenn unerwünschte Verhaltensweisen […] bezwecken oder bewirken, dass die Würde der betreffenden Person verletzt und ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird.
(4) Eine sexuelle Belästigung ist eine Benachteiligung […], wenn ein unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, wozu auch unerwünschte sexuelle Handlungen und Aufforderungen zu diesen, sexuell bestimmte körperliche Berührungen, Bemerkungen sexuellen Inhalts sowie unerwünschtes Zeigen und sichtbares Anbringen von pornographischen Darstellungen gehören, bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird, insbesondere wenn ein von Einschüchterungen, Anfeindungen, Erniedrigungen, Entwürdigungen oder Beleidigungen gekennzeichnetes Umfeld geschaffen wird.

Sexuelle Belästigung wird nur strafrechtlich verfolgt, wenn das Opfer die Belästigung selbst anzeigt. Da die Opfer sich jedoch oft schämen oder von ihrem Umfeld gespiegelt bekommen, dass das, was ihnen passiert ist, doch nicht so schlimm sei, werden viele sexuelle Belästigungen auch heute noch nicht zur Anzeige gebracht.

Diese Handlungen zählen übrigens zu sexuellen Belästigungen:

  • offensives Anstarren
  • anzügliche Bemerkungen
  • unangebrachte Kosenamen
  • unerwünschtes Folgen einer Person
  • sexuelle oder schmutzige Witze
  • Zeigen oder Verteilen sexuell eindeutiger Zeichnungen, Bilder oder Videos
  • Briefe, Notizen, Emails, Telefonanrufe, die sexuelle Anspielungen, Aufforderungen oder Bedrängungen beinhalten
  • Pfeifen und Nachrufe
  • Wiederholte Fragen nach Dates oder Sex
  • unerwünschte Fragen zum eigenen Sexualleben, Intimrasuren, Vorlieben …
  • unerwünschtes Berühren, Umarmen, Küssen, Streicheln, Massieren und auch Anfassen im Vorbeigehen
  • unerwünschte bedrängende Nähe
  • Einschüchterungen, Beschimpfungen und Anfeindungen, dazu zählt, jemanden als Schlampe, Hure oder Bitch zu bezeichnen
  • Menschen nach physischen Eigenschaften bewerten (zB. Busen, Hintern …)
  • sexuelle Kommentare über Kleidung, Anatomie oder auch Aussehen einer Person
  • sexuell suggestive Geräusche oder Gesten, wie Sauggeräusche, Zwinkern oder auch Beckenbodenstöße
  • direkte oder indirekte Drohungen oder Bestechungsgelder für unerwünschte sexuelle Handlungen
  • Stalking
  • unsittliches Entblößen (Exhibitionismus)
  • Androhung von sexueller Gewalt, Nötigung oder auch Vergewaltigung

Wichtig ist immer, ob eine Handlung einvernehmlich ist (die englisch-sprachigen Länder nennen das Consent – habt ihr bestimmt schon mal gehört), das heißt, sind beide beteiligten Personen einverstanden mit der Handlung, dem Flirt, der Berührung oder nicht. Viele Täter argumentieren, dass die Opfer das ja wollten, weil sie sich so anzogen oder eben so redeten, oder sich so verhielten. Sie haben es provoziert und damit ihre Einladung für das jeweilige Verhalten deutlich gemacht. Doch ein kurzer Rock, ein wenig Haut oder ein Lächeln ist keine Einladung; war es nie und wird es nie sein, wenn darauf nicht ein eindeutiges JA folgt. Die Regel also: Fühlt sich eine Person unangenehm in der Situation, ist die Handlung auf keinen Fall einvernehmlich!

Wenn euch so etwas passiert, egal ob in der Schule, in der Uni, im Ausbildungsbetrieb, auf Arbeit, in der Stadt, im Restaurant, wo auch immer, dann redet mit jemanden. In öffentlichen Einrichtungen und auch in Firmen gibt es immer Stellen, an die ihr euch wenden könnt. Und wenn es euch schwer fällt, dann wendet euch erst einmal an einen Freund/eine Freundin, denen ihr vertraut, oder an eure Eltern, euren Partner oder andere Verwandte. Steht das nicht alleine durch und wehrt euch. Wenn ihr mit niemandem aus eurem Umfeld reden wollt, dann wendet euch an diese Nummer:

08000 116 016

Diese gehört zum Hilfe-Telefon für Frauen vom Bundesministerium für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben. Hier bekommt ihr Unterstützung, Hilfe und auch Beratungsstellen in eurer Nähe vorgeschlagen oder könnt auch einfach nur mit jemanden Reden.

 

Nötigung:

Strafgesetzbuch (StGB§ 177 Sexueller Übergriff; sexuelle Nötigung; Vergewaltigung

(1) Wer gegen den erkennbaren Willen einer anderen Person sexuelle Handlungen an dieser Person vornimmt oder von ihr vornehmen lässt oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem Dritten bestimmt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren bestraft.

(2) Ebenso wird bestraft, wer sexuelle Handlungen an einer anderen Person vornimmt oder von ihr vornehmen lässt oder diese Person zur Vornahme oder Duldung sexueller Handlungen an oder von einem Dritten bestimmt, wenn

  1. der Täter ausnutzt, dass die Person nicht in der Lage ist, einen entgegenstehenden Willen zu bilden oder zu äußern,
  2. der Täter ausnutzt, dass die Person auf Grund ihres körperlichen oder psychischen Zustands in der Bildung oder Äußerung des Willens erheblich eingeschränkt ist, es sei denn, er hat sich der Zustimmung dieser Person versichert,
  3. der Täter ein Überraschungsmoment ausnutzt,
  4. der Täter eine Lage ausnutzt, in der dem Opfer bei Widerstand ein empfindliches Übel droht, oder
  5. der Täter die Person zur Vornahme oder Duldung der sexuellen Handlung durch Drohung mit einem empfindlichen Übel genötigt hat.

Nötigung bedeutet übrigens immer, dass jemand gezwungen wird, etwas zu tun, was er nicht möchte. Theoretisch auch, wenn Lehrer uns zu Hausaufgaben oder Eltern uns zum Zimmer aufräumen zwingen, aber das ist nicht strafbar, da es uns nicht schadet. Und ehm … Mithelfen im Haushalt ist leider auch gesetzlich geregelt im BGB (§1619, Dienstleistungen in Haus und Geschäft) – sorry, wenn ich euch da enttäuschen muss (liebe Eltern, die ihr das hier lest, nutzt diese Waffe nicht allzu streng aus!).

Nötigung heißt immer auch, dass das Opfer kaum eine Möglichkeit hat, sich der Handlung zu entziehen, wie beispielsweise 2015 in Köln, als in der Silvesternacht viele Frauen durch Gruppen von Männern sexuell belästigt und genötigt wurden. Nötigung ist auch das, was Harvey Weinstein und anderen Hollywoodgrößen oder auch dem olympischen Teamarzt Larry Nassar vorgeworfen wird. Vor allem durch Kampagnen wie #MeToo oder #EnoughIsEnough erhalten sexuelle Belästigungen und Nötigungen immer mehr Aufmerksamkeit und weniger Opfer (vor allem Frauen) sind bereit, länger zu schweigen.

 

Ich hoffe, ihr habt nun ein besseres Verständnis zu diese beiden Begriffen. Vielleicht versteht ihr nun auch, warum es uns so aufregt, wenn in Büchern, vor allem YA und New Adult, diese Handlungen als „nicht so tragisch“ oder vollkommen normales Bad-Boy-Verhalten dargestellt wird. Wir verlieren damit die Perspektive dafür, was eigentlich nicht in Ordnung ist und verharmlosen damit diese Handlungen. Aus diesem Grund haben wir uns an die Kapitelanalysen von Biss zur Mitternachtssonne gemacht, stellvertretend für all die anderen Bücher da draußen, die ebensolche Beziehungen als erstrebenswert darstellen.

Weitere Infos zu diesem Thema findet ihr übrigens auch hier:

 

Passt auf euch auf und informiert euch, wenn euch das Thema noch mehr interessiert.

Alles Liebe,
eure Reni


2 Gedanken zu “Sexuelle Belästigung und Nötigung – Was gehört dazu?

  1. Richtig guter Artikel, danke dafür! Solche Aufklärung ist mega wichtig. Ich habe als Jugendliche zweimal solche Erfahrungen gemacht, und sie waren wirklich beängstigend. Und ich habe geschwiegen. Beim ersten Mal hatte ich Angst, ich sei selbst Schuld gewesen, weil ich mich vorher auf ein bißchen Flirten eingelassen hatte. Beim zweiten Mal hat mir ein Erwachsener Mann im Kino immer wieder den Oberschenkel gestreichelt, obwohl ich seine Hand immer weggeschlagen habe. Aber es war im Kino, neben mir die Plätze waren besetzt, ich habe mich nicht getraut, laut zu schreien oder aufzustehen. Und nach dem Film war der Mann sofort weg. Ich habe nie jemandem davon erzählt, denn… Es war ja nicht wirklich was passiert.

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  2. Hallo Wortverloren,
    wir fühlen mit dir und es tut uns unglaublich weh, dass dir das passiert ist. Danke, dass du den Mut hattest, diese beiden furchtbaren Momente mit uns zu teilen. Bitte schäme dich nicht dafür und glaub uns, keine der beiden Momente war deine Schuld. Nur weil du geflirtet hast, ist es nicht in Ordnung gewesen, dass die andere Person sich so dir gegenüber verhalten hat.
    Das letzte Wort über deinen Körper hast immer du selbst und wenn du dich unwohl fühlst, dann ist das legitim und keiner kann dir dieses Gefühl streitig machen. Jeder von uns nimmt Situationen anders wahr und hat andere Grenzen. Ab dem Moment, wo du dich unwohl gefühlt hast, war etwas passiert. Und das, was dein Sitznachbar im Kino getan hat, war auf keinen Fall in Ordnung.
    Auch wenn es wie eine Binsenweisheit klingt, es hilft sich anderen anzuvertrauen. Gerne stehen wir dir auch auf Instagram per DM oder über Mail bei, wenn du weiter mit uns darüber reden möchtest.

    Alles Liebe, Anna und Reni

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