Die Tribute von Panem: Das Lied von Vogel und Schlange

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Autorin: 
Suzanne Collins

Darum geht’s:
Panem, zehn Jahre nach den Rebellionskriegen, die 10. Hungerspiele und Coriolanus Snow und seine Wandlung von einem harmlosen Jungen zum Raubtier.

Meine Meinung:
Als letztes Jahr kurz vor der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben wurde, dass Suzanne Collins einen vierten Teil für die Panem-Reihe geschrieben hat, wusste ich nicht, was ich davon halten soll. Zu oft treffen Nachfolgeteile oder Prequels, die mit Jahren Abstand zur Originalreihe veröffentlich werden (siehe Cursed Child), nicht die Erwartungen der Leser und schreiben etablierte Gesetzmäßigkeiten der Welten um, die der Liebe zur Reihe einen bitteren Beigeschmack beimischen. Die Euphorie des Verlags stieß mich weiter ab, war die Haltung der Fans online doch von verhalten bis kritisch diesem Buch gegenüber und die Zahl der Vorbestellungen verschwindend gering dafür, dass man so viel Hoffnung in das Buch setzte. Meine Vorbehalte verstärkten sich, als Ende Januar bekannt wurde, dass Coriolanus Snow der Protagonist sein würde. Ich war neugierig, diese Figur weiter kennen zu lernen, doch konnte ich mir nicht vorstellen, wie der einstige Antagonist als Sympathieträger eines ganzen Buches funktionieren konnte, ohne dass die Autorin damit die Integrität der ursprünglichen Reihe verriet. Weiterhin konnte ich mir nicht vorstellen, wie er seinen Aufstieg in der Gesellschaft meistern sollte, wenn sein weiblicher Tribut aus Distrikt zwölf stammte, die bekannten Gewinner der Spiele jedoch vor Katniss alle männlich gewesen waren. Wie würde Suzanne Collins dies plausibel erklären, ohne die Geschichte neu zu erfinden?

Dann kam der Mai und mit ihm das neue Buch. Mein Leseexemplar vom Verlag ließ auf sich warten, während von Tag zu Tag mehr Leute das Buch online in den Himmel lobten und meine Neugier steigerten. Aus Ungeduld und Angst vor Spoilern schwang ich mich am Ende kurzerhand selbst aufs Fahrrad und holte mir in der nächsten Buchhandlung ein Exemplar. Zum Glück handelte es sich um einen Freitag, denn kaum begann ich die erste Seite, hatte ich mich schon festgelesen. Erst im Park auf der Liege, später zuhause auf dem Sofa beendete ich dieses Buch in nur vierundzwanzig Stunden (in denen ich nur fünf Stunden schlief – man muss eben auch bereit sein Opfer zu bringen).

Das Buch ist gut, besser als erwartet, viel besser sogar. Zwar wird es nicht meinen Lieblingsteil der Reihe vom ersten Platz schubsen (übrigens Teil zwei), doch darf es sich mit Rang zwei begnügen. Denn mit seinen 604 Seiten gelang es ihm, mich nicht nur davon zu überzeugen, dass manche Prequels durchaus ihrer Daseinsberechtigung gerecht werden, sondern auch die Welt von Panem zu erweitern und der ursprünglichen Reihe eine Tiefe hinzuzufügen, ohne ihr zu schaden. Im Laufe der Handlung hatte ich viele Momente, in denen ich mich fragte, ob Collins all diese Dinge bereits über Snow wusste, als sie die Panemreihe vor Jahren schrieb, denn viele Details passen zu gut, als dass sie nachträglich hinzugefügt wirkten. Denn all die kleinen Anspielungen oder einschlagenden Momente, die Coriolanus in dem neuen Band erlebt, lassen sich zu seiner Beziehung zu Katniss 64 Jahre später verbinden und ließen mich ein ums andere mal geschockt aufatmen, als mir ihre Bedeutung bewusst wurde und ich sie in Kontext zu den anderen drei Teilen versuchte einzuordnen.

Das Buch ist qualitativ sehr gut geschrieben und geplottet und schmiegt sich perfekt in die bestehende Reihe ein. Vor allem all die Charakterstudien haben mich besonders gereizt und die Analyse der Verhaltensarten, die Menschen an den Tag legen, wenn sie in Extremsituationen reagieren sollen. Dabei die Hungerspiele mit einer Außenperspektive zu erleben, ebenso in dieser perfiden Form, bevor sie zu denen wurden, die wir aus den anderen Büchern und den Filmen kennen, hat mich sehr fasziniert. Nachvollziehbar zeigt Collins, warum die Spiele sich entwickelten, wie sie heute sind und welchen Einfluss Snow selbst auf diese Entwicklung nahm. Dass dabei der Blick in die Distrikte nicht vergessen wird, versteht sich bei der Autorin von selbst, doch zeigt sie auch, wie das Leben außerhalb des Kapitols auf dessen Bewohner beängstigend wirken und einen guten Charakter verderben kann.

Coriolanus selbst hat mich sehr überrascht. Seine Entwicklung von einem ehrgeizigen Jungen, der den Schein des Reichtums versucht, aufrecht zu erhalten, zu einem leidenschaftlichen Jungen, der zum ersten Mal verliebt ist, zu jemanden, der alles für seine Ziele tun würde, war gut geschrieben und erschreckend mitzuerleben. Dass dabei sein Leben und sein Handeln im Hintergrund von einer kranken Person gelenkt wird, die ihn in viele Situationen wirft, die seine später Persönlichkeit prägen, werfen ein anderes Licht auf Snow und seine Einstellung zum Schutz Panems. Oft erwischte ich mich während der Handlung dabei, wie ich mir ein anderes Ende wünschte und hoffte, es würde alles anders enden, auch wenn mich die Kenntnis der Handlung der anderen Teile erinnerten, dass meine Hoffnungen umsonst waren. Doch Collins gelingt es, Coriolanus menschlich erscheinen zu lassen und spielt mit uns als Lesern und unserem Leseverhalten. Wir sind es gewohnt, die Partei der Hauptfigur zu ergreifen, sind es gewohnt ihre Perspektive auf die Welt nicht zu hinterfragen (zumindest bei den meisten Büchern). Sich immer wieder in Erinnerung zu rufen, was aus Snow werden wird, fällt nicht leicht, denn die Figuren um ihn herum scheinen alle ein zweites Gesicht zu haben und umso schwieriger ist es, jemandem zu vertrauen (wahrscheinlich auch, weil es Snow selbst schwer fällt).

Das Lied von Vogel und Schlange ist eindeutig anders, als ich erwartet habe. Es ist spannend, beschäftigt sich mit verschiedenen Persönlichkeiten und Verhaltensformen in unterschiedlichen Situationen und verleiht Panem und dem Kapitol eine vielschichtige neue Facette, die in keinem Fall der Integrität der vorherigen Bände widerspricht. Gleichzeitig regt das Buch den eigenen Denkapparat an und ließ mich mein eigenes Handeln hinterfragen und darüber nachdenken, ob ich in den selben Situationen anders als Snow reagiert hätte. Diese Prequel ist absolut und in jeder Hinsicht gelungen und jeder Panem-Fan sollte dieses Buch gelesen haben. Übrigens kann man auch mit diesem Buch anfangen, wenn man die anderen Bücher noch nicht kennt, und dann die anderen Teile lesen, denn Vorwissen wird für dieses Buch nicht vorausgesetzt.


6 Gedanken zu “Die Tribute von Panem: Das Lied von Vogel und Schlange

  1. Ganz ganz tolle Rezi. Ich habe bisher sehr viel Abstand von diesem v ich genommen, da ich, genau wie du, sehr skeptisch einer Fortsetzung war besonders als heraus kam, dass Snow der Protagonist wäre. Aber nach deiner Rezi bekomme ich tatsächlich Lust auf dieses Buch.

    Vielen Dank für deine Meinung 🤭

    Gefällt 1 Person

  2. Wirklich eine sehr schöne Rezension! ich muss sagen, ich war dem Buch auch sehr skeptisch gegenüber, weil ich die vorherigen Teile so geliebt und verschlungen habe. Aber ich habe nun schon mehrere positive Rezis und Empfehlungen gelesen. Ich denke also ich werde mich auch trauen, es zu lesen 🙂

    Gefällt 1 Person

  3. Wenn du die Trilogie gelesen und gemocht hast, dann kann ich dir dieses Buch nur ans Herz legen. Es war wirklich faszinierend und ich mochte den Zwist beim Lesen, ob man jetzt mit Snow sympathisiert oder nicht. Ich bin gespannt, wie du es findest 🙂
    LG Reni

    Gefällt 1 Person

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