Cover up! Geschichten der Insel Errance

Im Comic haben Cover oft einen anderen Stellenwert als bei Romanen. Das liegt daran, dass neben der Handlung auch der Stil des Illustrators soweit vorgestellt werden muss, dass dem potentiellen Leser keine Überraschungen erwarten. Anders als im Bilderbuch wird aber selten eine Illustration aus dem Inhalt entnommen und für das Cover aufgefrischt, schlichtweg weil es beinahe unmöglich ist, ein Panel der Geschichte zu entwenden und als Cover zu verkaufen. Damit bleibt der Vorteil, dass der Illustrator, der ohnehin das Buch gestaltet, gleich für das Cover gestalten kann und sich seiner Aufgabe von vornherein bewusst ist. Er hat sich bereits lange genug mit seinem Werk auseinander gesetzt, um zu wissen welche Schlüsselelemente die Geschichte aufweist und was sich für ein Cover eignet.

Als Beispiel stelle ich euch heute nicht nur ein Cover vor, sondern gleich drei! In der Comic-Reihe Geschichten der Insel Errance sind bisher drei Bände erschienen, entstanden aus der Zusammenarbeit der französischen Autorin Flora Grimaldi und der deutschen Illustratorin Maike Plenzke. Jeder Teil ist einem Charakter der Reihe gewidmet, deren Erzählungen sich wie ein Mosaik zu der Handlung zusammenfügen.

Teil 1: Bran

bran
Quelle: Carlsen Verlag

 

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Covern, die besonders viel schwarzen oder weißen Anteil haben. In vielen Fällen wirken sie langweilig, lieblos und distanziert. Aber nicht bei Bran. Absolut nicht bei Bran. Das Cover des ersten Teils war der Grund, warum ich überhaupt mit den Comcis anfing und bisher bin ich nicht enttäuscht worden. Im oberen Teil des Covers findet man den Titel in weißen Buchstaben. Eine leicht türkisfarbene Umrandung gibt dem Anschein, dass die Schrift leuchtet und setzt sich so schwummrig schön vom Hintergrund ab. Die Nachnamen der Illustratorin und Autorin sind dem Titel in kleinerer Schrift beigesetzt, darunter findet sich unscheinbarer der Untertitel der Reihe „Eine Geschichte der Insel Errance“. Teil der Schrift ist auch eine kleine Insignie in Form eines Schwertes, die sich in jedem Band ändern wird. Im unteren Rand des Covers sieht man das Logo von Carlsen Comics, die es im deutschsprachigen Raum veröffentlicht haben.

Illustrationsebene und Hintergrund verschwimmen miteinander und sind durch ihre größenteils schwarze Färbung kaum zu unterscheiden. In der Mitte sieht man Bran, den Hauptcharakter des ersten Bandes, der den Betrachter mit festen Blick anstarrt. Fast hypnotisierend ziehen die dunkelblauen Augen den Betrachter in seinen Bann. Kleine Kratzer auf der Wange geben ihm zudem einen rauen Ausdruck. Seine schwarzen Haare fallen ihm ins Gesicht und werden von einem unbekannten Wind dramatisch verweht und verschmelzen gleichzeitig mit dem Hintergrund. Der untere Teil seines Gesichtes wird von schwarzen Rabenfedern verdeckt, die ebenfalls mit dem Hintergrund verschmelzen. Die herumwirbelnden Federn und Haare geben der Szene eine unheimliche Dynamik. Türkisfarbene Lichtsplitter sind über das gesamte Cover verteilt und sind die einzige Lichtquellen im dunklen Cover.

Die offene Bildsprache des Covers ist recht eindeutig, verrät der Comic Stil bereits alles, was man über das Genre wissen muss. Die mystisch magische Atmosphäre zeigt bereits seinen Fantasy-Bezug, der düstere Anteil mit einem jugendlichen Charakter, dass die Zielgruppe irgendwo ab 12 oder 14 Jahren liegt. Der graphische Comicstil spricht vor allem die illustrationsverliebten Comicnerds an (also mich). Auf universeller Ebene gingen meine ersten Gedanken tatsächlich in Richtung Popkultur oder besser gesagt Game of Thrones. Auch dort gibt es einen Charakter namens Bran mit einer Affinität zu Raben. Erst meine Schwester wies mich darauf hin, dass der Name Bran aus dem Keltischen kommt und nichts anderes bedeutet als Rabe.

In der geschlossenen Bildsprache, also jene, die sich mit dem Inhalt des Buches beschäftigt, haben wir nicht nur den Hauptcharakter der Geschichte bereits vorgestellt, sondern auch sein primäres Problem. So wird Bran zu Beginn auf Grund seines schlechten Charakters mit einem Fluch belegt und muss tagsüber nun sein Dasein als sprechender Rabe fristen, während er sich nachts zwar in seine menschliche Gestalt zurückverwandelt, aber nicht sprechen sondern nur krähen kann. Somit haben wir auf dem Cover die Darstellung einer abstrahierten Szene, zeigt sie Brans Verwandlung zum Raben in einer Form, die so nicht im Buch selbst vorkommt.

Teil 2: Macha

macha
Quelle: Carlsen Verlag

Band zwei hat mich covertechnisch genauso sehr angesprochen wie bereits Band eins, sprich, ich war sofort verliebt. Genau wie auf dem ersten Teil, besteht das Cover aus den selben Elementen. Vom Portrait des Hauptcharakters bis zur gleichen Schriftanordnung sowie Komposition. Teil der Schrift ist an dieser Stelle jedoch Machas Kette, die einen wichtigen Teil ihres Charakters ausmacht. Zu sehen ist Macha, Hauptcharakter dieser Geschichte, die wir bereits als Schlüsselfigur der Ereignisse rund im Errance im ersten Band kennengelernt haben. Hier wird nun ihre Vorgeschichte erzählt.

Interessant ist, dass Großteil der Coverfläche von Efeu eingenommen wird, der sich auch über Machas Erscheinung hebt und sie so mit der Umgebung verschmelzen lässt. Ihre grünen Augen starren ähnlich wie Bran zuvor, den Betrachter ernst an, aber auch eine gewisse Sorge lässt sich in ihrem Blick erahnen. Verschwommene Blütenblätter geben der Szenerie wieder einen dynamischen Anblick und lassen das Cover lebendig wirken.

Die geschlossene Bildsprache wiederum zeigt den Perspektivwechsel von Bran auf Macha. Wichtige Elemente ihrer Persönlichkeit sind bereits durch das Cover erkennbar. So erzählt ihr ernster aber sorgenvoller Blick von den Problemen, denen sie sich zu stellen hat, aber mit einer Entschlossenheit und Stärke entgegenstellt, die sie schnell zu einem meiner Lieblingscharaktere gemacht haben. Ihre roten Haare sind zu einem seitlichen Pferdeschwanz gebunden, der nach unten hin weißlich wird und damit an einen Fuchsschwanz erinnert. Das zeigt ihre Fähigkeit als Kreatur sich in die Gestalt eines Fuchses zu verwandeln. Die Efeuranken rund um sie herum zeigen ihre Affinität zum Wald und zur Natur.

Teil 3: Sarah

sarah
Quelle: Carlsen Verlag

Ironischerweise war das Cover von Band drei bisher das Cover, was ich von den dreien am wenigsten mochte. Nicht weil es nicht schön oder besonders ist, sondern einfach nur, weil die anderen so „WOW“ sind. Das dritte Cover schließt sich an den Strukturen der ersten beiden an und präsentiert seinen Hauptcharakter in einem ihn repräsentierenden Milieu.

Diesmal haben wir Sarah, Brans Halbschwester als Leitfigur. Ihr Blick ist nicht auf den Betrachter gerichtet, sondern von einem Schatten abgelenkt, der sich zwischen dem Bücherregal und dem Betrachter entlang schlängelt. Sarahs Insignie ist ein kleiner Schlüssel, der im ersten Moment zwar wenig mit der Handlung zutun haben scheint, aber im übertragenden Sinne gar nicht so abwägig ist.

Als junge Königstochter bei den Menschen überzeugt Sarah vor allem mit ihrer Intelligenz und ihrem scharfen Verstand, beugt sich aber den Regeln und Gesetzen des Patriarchats. Aus ihrer Sicht wird der Handlungsstrang des ersten Bandes wieder aufgegriffen und zeigt die Konsequenzen, die Brans Verschwinden auf Seiten der Menschen mit sich ziehen. Viel Zeit verbringt sie in der Bibliothek und als Schriftführerin ihres Vaters, der ihre Fähigkeiten zwar duldet und wohlwollend annimmt, sie dennoch nicht als fähige Thronfolgerin anerkennen kann. Ihr wacher Blick spricht für ihre Persönlichkeit, die Bücher, die sie umrahmen von ihren Kenntnissen und Fähigkeiten. Der Schatten im Vordergrund ist in den Hanldungsstrang eingewebt und steht für die seltsamen Dinge, die in Sarahs direkten Umfeld vor sich gehen.

Fazit:

Die Cover sind ein wahrer Blickfang und eigentlich viel zu schade, um sie nach dem Lesen einfach zurück ins Regal zu stellen. Ich sehe sie vielmehr als potentiellen Wandschmuck, den man wie ein Bild präsentiert und ausstellt. Aber nicht nur die Cover sind ein Qualitätsmerkmal dieser Comics. Auch die Illustrationen im Inneren zeugen von einem fantasievollen und fantastischen Stil. So wusste ich sofort, dass ich gerade mein Herz verloren habe, als ich das Vorsatzpapier gesehen habe, mit dem ich sofort meine Wände tapezieren würde.
Wann der nächste Teil rauskommt, konnte ich leider noch nicht in Erfahrung bringen, aber ich kann es jetzt schon kaum erwarten zu erfahren, wie es mit Bran, Macha und Sarah weitergehen wird und vor allem die große Frage:
Wer wird wohl das nächste Cover schmücken?

Bis dahin.

Alles Liebe,
Anna


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