Zwischen Prokrastination und Ruhelosigkeit

Menschen sind kompliziert und ich bin keine Ausnahme. Momentan stelle ich mir immer wieder der Frage, was mich eigentlich ausmacht. Damit meine ich nicht unbedingt, worüber ich mich definiere, was meine Persönlichkeit ausmacht oder was mein Handeln über mich aussagt. Es ist etwas zwischen all dem, etwas das irgendwo zwischen Identität und Psyche liegt.

Es fängt meist damit an, dass ich mir selbst bewusst werde im Alltäglichen. Ich fange an, von mir geschaffene Strukturen und Gedankenkonzepte zu hinterfragen und ihrem Ursprung auf den Grund gehen zu wollen.

So saß ich wie so viele Male zuvor nach Mitternacht auf meinem Bett und tat alles, was ich tun wollte und konnte, nur nicht schlafen. Ich bin das, was man als Nachteule bezeichnet. Morgens kann man mit mir nichts anfangen, aber wenn alle anderen schlafen gehen beginnt meine Zeit des Schaffens. So saß ich nun auf meinem Bett, gegen elf hatte sich kurz der Gedanke eingeschlichen, heute einmal früher schlafen zu gehen und nur noch ein paar Videos auf YouTube zu schauen. Ich weiß, das geht eigentlich so gut wie immer schief.

Was ich aber immer wieder mit Faszination betrachte, ist der Zustand des Fließens, der sich in meinen Gedanken und Handlungen einstellt, wann immer ich abends eigentlich schlafen sollte. Ein Zustand, der ohne jeglicher Kontrolle auskommt, der von momentanen Entscheidungen beeinflusst wird und sich jeden Abend ohne Planung, ohne Komposition, ohne Drehbuch einstellt. Während ich also von einem Video über Näharbeiten (ich beschloss im Laufe der nächsten Tage, dass darin gezeigte einmal auszuprobieren, denn manche Dinge lassen sich einfach nicht mehr nach Mitternacht verwirklichen), zu ein paar Stand-up-Comedians wechselte und schließlich bei Liedern von Ben Platt endete, glitt mein Blick immer wieder durch den Raum. Ohne nachzudenken griff ich so nach dem Buch „The Clothing of Books“ von Jhumpa Lahiri auf meinem Nachttisch, dass schon seit Monaten ungelesen darauf lag und schlug es auf. Einfach so. Ich machte mir keine Gedanken darüber, um diese Uhrzeit ein Buch anzufangen oder wo der Rest der Nacht noch hingehen würde. Noch immer hatte ich aber die Playlist nebenbei laufen und neue Lieder forderten meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich muss mich auf den Text konzentrieren, ich versuche die Lieder zu ergründen und darauf zu testen, ob sie es Wert sind, ein weiteres Mal von mir gehört zu werden oder sogar so oft hintereinander, bis ich jede einzelne Strophe mitsingen kann. Nun war das Buch aber auch faszinierend genug, um mich zu fesseln und ich wusste, beides konnte ich nicht zur selben Zeit aufmerksam genug betrachten, um ihrer würdig zu werden.

Dieses Gefühl von Gleichzeitigkeit, dass ich hier zu beschreiben versuche, kommt oft in den Momenten nach Mitternacht zu mir. Ich will alles gleichzeitig machen, alles aufnehmen und nichts aufgeben zum Wohle des anderen. Natürlich könnte ich planen und eines nach dem anderen machen, aber wenn deine Stunden nach dem Prinzip des Flusses verlaufen, dann lässt sich nichts planen. An diesem Abend hätte ich mich entscheiden müssen, den Liedern weiter zuzuhören oder YouTube zu schließen und mich stattdessen voll und ganz dem Buch zu widmen. Wenn in diesem Moment aber beides von gleicher Wichtigkeit, von gleichem Interesse für dich sind, ist nur schwerlich an eine zufriedenstellende Entscheidung zu denken. Ich trat stattdessen einen Moment zurück und betrachtete mich in diesem Chaos von Wollen, Handeln und Fühlen. Wann immer ich beginne, eine Außenperspektive anzunehmen, fange ich an, in Worten zu denken statt in Bildern und diese Worte verlangen es aufgeschrieben zu werden.

Ich stand auf, ließ die Lieder und das Buch liegen und fing so an, diesen Beitrag zu schreiben. Denn so schön die Muße des Flusses auch sein mag, so sehr ist sie ihren eigenen Gesetzen unterlegen und jede Motivation, jede Idee, jede Änderung muss in dem Moment ausgeführt werden, in dem sie zu dir kommt. Anders ist sie für immer verloren. Ich habe gelernt, die besten Dinge entstehen, wenn man sich ihnen dann hingibt, wenn sie nach dir rufen.

Es ist aber unheimlich ermüdend, ein Leben voller Dualismen und Bipolarität zu führen. Es vergehen Tage, an denen die Prokrastination mich zur absoluten Tatenlosigkeit verdammt. Keine Produktivität in irgendeiner Art und Weise schafft es durch die dicke Wand aus sorgsam gewebten Gedanken des Verdrängens und während es mir immer schwerer fällt, die letzten Stunden oder Tage Revue passieren zu lassen und einen Sinn daraus zu machen, was aus der ganzen freien Zeit geworden ist, erscheinen zwischenzeitlich die Leuchtfeuer des Multitaskings, die erfüllt werden müssen, mit allem was in diesem Moment wichtig erscheint. Plötzlich möchte ich drei Bücher gleichzeitig lesen, neue Beiträge schreiben, ein neues Hobby erlernen und die Tassen im Küchenschrank farblich sortieren und ich weiß, mir etwas vorzunehmen, auf den nächsten Tag zu verlegen oder eine To-Do-Liste anzufertigen wird nichts bringen, denn sobald ich wieder in dem Sumpf der Prokrastination gezogen werde, geraten die Pläne in Vergessenheit oder sie verlieren solange an Wichtigkeit, bis ich mich frage, warum ich mir überhaupt die Mühe machte.

An diesem Abend hörte ich trotzdem weiter Ben Platt zu, während er und Jhumpa Lahiri meinen hiesigen Erzählstil formten. Sie waren es, die jene Stunden nach Mitternacht prägten und das macht diese Leuchtfeuer so einzigartig und so faszinierend, sind sie doch letztlich nichts anderes als Aneinanderreihungen zufällig gefundener Mosaikstücke, die nur für diese eine Nacht jenes Bild ergeben, dass ich nun betrachten darf. Es ist nun halb zwei Uhr morgens und ich kann nicht sagen, ob ich gleich tatsächlich schlafen gehe, oder stattdessen „Macha“ von Grimaldi wieder lesen werde, die mir vor wenigen Minuten in den Sinn gekommen ist.

Zwischen Genie und Wahnsinn verläuft nur ein schmaler Grad aber manchmal kommt es mir so vor, als ob zwischen Tage des Nichtstun und Stunden der Produktivität überhaupt keine Grenze liegt.

Alles Liebe,
Anna


Ein Gedanke zu “Zwischen Prokrastination und Ruhelosigkeit

  1. Super Beitrag, Anna! Ich finde mich aucd darin wieder.
    Wenn du dir Gedanken darüber machst bist du ja schon auf einer anderen Ebene als die meisten Menschen – an denen zieht das Leben nur vorbei …
    Mir hilft immer gut auch mal locker zu lassen. Vor allem mit dir selbst (-;
    LG Samuel

    Gefällt 1 Person

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