Papyrus oder Filmrolle?

Oder: Sind wirklich alle Verfilmungen schlechter als das Buch?

Die Frage aller Fragen: Buch oder Film? Manche sagen ja, jede Buchverfilmung ist dazu verdammt, der Vorlage nicht gerecht zu werden. Andere lesen aus Prinzip keine Bücher von Filmen, die sie mögen. Oder andersrum: Der Film wird nicht geschaut. Ich mag das Buch zu sehr dafür. Ich gehöre ja zu der Fraktion, der es drauf ankommt, was zuerst da war: Die Henne oder das Ei? Im Sinne von: Habe ich den Film vor dem Buch gesehen? Auch wenn meine Meinung sich gerne im Nachhinein noch ändert.

Im Falle der Verfilmung von Howl’s moving castle habe ich sehr viel zum Film zu sagen und überraschenderweise fast nur Positives, auch wenn das Buch mein Liebling ist. Habe ich denn schon erwähnt, dass es mein Lieblingsbuch ist? Ich glaube noch nicht.

Kleine Geschichtsstunde:
(Schon wieder? Kollektives Stöhnen in den Leserkreisen, das die Autorin gekonnt ignoriert. Ich hab Geburtstag, ich darf in diesem Monat alles! Muhaha!)

Auch wenn ich mit den Disney-Filmen aufgewachsen bin, habe ich früh die Ghiblifilme kennen und lieben gelernt. Alle? Nein! Ein von unbeugsamen Leuten gemachter Film hörte nicht auf, mir immer wieder durch die Lappen zu gehen. Und ich bin ehrlich. Es war komplett meine Schuld. Während ich Chihiros Reise ins Zauberland und Das Schloss im Himmel mit großem Genuss gleich mehrfach sah, interessierten mich bestimmte Filme einfach nicht. Und welch Wunder? Howl’s moving castle aka Das wandelnde Schloss gehörte dazu. Jedes Mal, wenn ich mir die Zusammenfassung des Filmes durchlas, hatte ich schon keine Lust mehr. Als Teenager stand mir einfach nicht der Sinn nach Protagonisten, die älter waren als ich und dann sollte ich mir einen ganzen Film über eine alte Dame ansehen? Ja, ich habe den Film verurteilt, bevor ich mich überhaupt damit beschäftigte. Irgendwann jedoch an einem Nachmittag voller Verzweiflung und Langeweile kam ich abermals auf diesen Film zurück. Ich wollte einen Ghiblifilm sehen, der gut war, den ich aber noch nicht kannte. Irgendwie kam ich im Filmregal meiner Schwester wieder zu dem einen Film zurück, den ich so lange nicht sehen wollte. Und gab nach. Eine meiner besten Entscheidungen, die ich wohl jemals getroffen habe, denn schon in den ersten paar Minuten war ich am Haken und über zehn Jahre später frage ich mich immer noch, was da eigentlich genau passiert ist.

Aber ist der Film nun wie immer eigentlich schlechter als das Buch? Nein.
Das Einzige, was man sagen kann, ist, dass er anders ist. Der Film hat sich auf so clevere Art und Weise von seiner Vorlage losgelöst, dass es für mich zwei verschiedene Erzählungen der selben Geschichte sind. Klar, die Grundelemente sind da und ich werde Hayao Miyazaki auf ewig dankbar sein, dass er die legendäre Schleimszene drin gelassen hat, aber Stil, Handlung und vor allem Charaktere haben sich so sehr verändert, dass sie meist nicht wieder zu erkennen sind.

Die wichtigsten Unterschiede (Achtung, ab hier kann es zu einigen Spoilern kommen):

  1. Die Charaktere:
    Aus dem liebenswerten Zauberlehrling Michael ist plötzlich ein kleines Kind geworden, Sophies Schwestern wurde zu einer Person geformt und Calcifer ist ein kleines niedliches Feuer anstatt eine große Fratze im Kamin. Sämtliche Charaktere haben einen Filter bekommen, sodass von Howls sarkastischen Sticheleien, Sophies Magie oder den generellen kleinen Bösartigkeiten, die ich so liebe, nichts übrig geblieben ist. Stattdessen bekommen wir eine gewisse Müßigkeit und Ruhe in die Geschichte projiziert, die sehr viel besser zu Miyasakis liebevoller Erzählweise passen.
  2. Howl’s Hintergrundgeschichte:
    Das Buch hat viele Überraschungen auf Lager, die es nicht in den Film geschafft haben. Darunter auch Howls Hintergrundgeschichte, also wo er eigentlich herkommt und was er war, bevor aus ihm Zauberer Howl wurde. Es gehört wohl zu meinen Lieblingsstellen, als die drei durch die schwarze Tür des Schlosses gehen und „Howells“ Familie begegnen.
  3. Die Handlung:
    Natürlich wurden einige Änderungen in der Handlung vorgenommen. Alleine schon, um das Filmformat einigermaßen zu gewährleisten. Allerdings hat sich so ziemlich die gesamte Haupthandlung rund um die Hexe aus dem Niemandsland so weit verändert, dass sie allemal als Nebencharakter und Auslöser der Handlung fungiert. Die Rolle des Antagnoisten verschiebt sich vielmehr Richtung Madame Sulliman (im Buch Mrs. Pentstemmon) und dem Krieg, der das Land in Angst und Schrecken versetzt.

 

Fazit:
Wer die Ghiblifilme kennt und liebt, dem muss ich nicht erzählen, den Film anzuschauen, weil sie ihn bereits kennen. Wenn ihr jedoch Lust auf die britische Version bekommt, dann lest das Buch. Und wer das Buch kennt, aber noch nie den Film gesehen hat, den muss ich vorwarnen, denn wenig erinnert noch an die Vorlage. Aber das macht den Film nicht weniger sehenswert. Sowohl Buch als auch Film haben einen besonderen Platz in meinem Herzen und ich weiß, ohne den Film hätte ich das Buch vermutlich niemals entdeckt. Denn irgendwann, als ich mal wieder den Film anmachte, fiel mir schließlich ein Detail auf, das mir bis dato nie aufgefallen war. Direkt in der Anfangssequenz (wenn der Titel auf japanisch eingeblendet wird) stand es:

From the novel by Diana Wynne Jones

Den Rest der Geschichte kennt ihr schon, denn Tage später stand ich mit meiner Schwester in der Buchhandlung, von der ich bereits erzählt habe. Der Anfang vom Ende, wenn ihr mich fragt.

Alles Liebe, Anna


2 Gedanken zu “Papyrus oder Filmrolle?

  1. Es gibt ein Buch, das ich als Jugendliche mit so viel Ehrgeiz und Interesse gelesen hatte (weil sehr dick), von dessen Autor ich fast alle Bücher verschlungen habe, dessen Verfilmung wirklich nicht an das Buch herankommen kann: „Es“ von Steven King. Seitdem ich diese Enttäuschung als junges Ding erleben musste, bin ich – leider – auch sehr voreingenommen, wenn Bücher verfilmt werden. Aber ich gebe zu, ich bin auch eine harte Filmkritikerin.

    Gefällt 1 Person

  2. Im Zusammenhang mit völlig anderer Literatur: ich habe mir vor kurzem gleichzeitig Faladas „Wolf unter Wölfen“ und „Kleiner Mann was nun?“ zugelegt nebst den DEFA Verfilmungen. Ich mag das. Auch wenn mir das manchmal nicht gefällt.
    Liebe Grüße
    Uwe

    Gefällt 1 Person

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