Codename: Shelley’s Monster

Aus dem Archiv der P.V.O.:
Aktenzeichen 302_B4
Sachbearbeiterin: R. Ruby

Bericht vom 14.01.12 (Außenstelle London)
Sachbearbeiterin: R. Ruby

Unser Klient kam in den frühen Morgenstunden über die üblichen, verschlüsselten Kanäle auf unsere Zentrale zu und wurde nach kurzer Befragung an mich als seine Sachbearbeiterin weitergeleitet. Bereits nach wenigen Minuten im Gespräch zeigten sich meine ersten Eindrücke einer psychopathische Persönlichkeitsstörung mit obsessiven Verhalten gegenüber seinem „Nemesis“, einem gewissen Sherlock Holmes ansässig in der Baker Street 221B, London, als bestätigt und wurde von mir daher als potentieller Klient des P.V.O. eingestuft.
In Folge dessen wurden erste Beratungsmaßnahmen einer weiteren Zusammenarbeit eingeleitet. Hinweise zu finanziellen Hilfen löste beim Klienten nur ein Lachanfall aus, der mich zur Schlussfolgerung von ausgeprägten narzisstischen Verhaltensmustern führte.
Bei Erwähnung unserer medizinischen Einrichtungen zeigte er allerdings wieder Interesse, insbesondere bei Erläuterung der Larzarus-Kur. Auch wenn wir stets versuchen, unseren Klienten dies als letzten Ausweg aufzuzeigen, war ihm anzusehen, dass er mir bei den folgenden Sicherheitsbestimmungen und potentiellen Risiken nicht länger zuhörte.
Den Rest unseres Beratungsgespräches verbrachten wir mit einer hitzigen Diskussion über mögliche Codenamen für weitere Korrespondenzen. Auch nach zwei weiteren Stunden unter Erklärung unseres Namenssystem zeigte er sich nach wie vor unnachsichtig, wodurch ihm schließlich sein eigener (und einziger) Vorschlag gewährt wurde.

Rettungsmission von Codename „Shelley’s Monster“ (selbstgegebend)
Leitung: Agent Sigma

Heute, den 15.01.12 GMT, wurde mein Team für eine Mission in die inneren Bezirke der Stadt London geschickt. Offenbar handelte es sich um ein schiefgelaufendes, psychologisches Spiel zwischen einem unserer Kunden und einem Privatdetektiv. Auch wenn sein Unterfangen mit scheinbarem Erfolg gekrönt zu sein schien, der in den Suizid des Detektives gipfelte, erlitt auch unser Kunde schwere Verletzungen, sodass uns nur noch die Sicherstellung seines Leichnams übrigblieb. Nach dem üblichen Vorgang vom Verwischen aller Spuren und dem Hinterlegen einer identischen Stellvertreterleiche (ähnliches Verhalten war auch beim Team des Helden festzustellen, was auf beiden Seiten eine gewisse Irritation auszulösen schien, einer Ironie aber auch nicht zu entbehren vermochte) wurde „Shelley’s Monster“ unverzüglich in unseren medizinischen Trakt verlegt und dort für weitere Behandlungen dem leitenden Arzt Dr. Tibia übergeben.

Aus den Notizen von Dr. Ossa Tibia
Als Patient „Shelley’s Monster“ Aktenzeichen 302_B4 bei uns eintraf, konnte nur noch der Tod festgestellt werden. Zeitpunkt der Feststellung 19:05 Uhr.

Weiterleitung zu Larzarus-Kur.

20:36 Uhr: Auferstehungsprozess erwies sich als schwieriger als gedacht. Grund dafür sind definitiv die Verletzungen an Hirn und Cranium, resultierend aus der Schußwunde, die vom Inneren des Mundes durch den gesamten Schädel führte. Nach mehreren Versuchen ist es uns allerdings gelungen, erneute Lebenszeichen zu verzeichnen und den Patienten schließlich an unser plastisches Chirurgen-Team für letzte Feinheiten und Rekonstruktionen weiterzuleiten.

Bericht von 16.01.12 (Außenstelle London)
Sachbearbeiterin: R. Ruby

Wie vermutet, ließ uns unser Klient keine andere Wahl als die Larzarus-Kur durchzuführen. Nach seinem Aufwachen waren seine ersten Worte „So einen klaren Kopf hatte ich seit Jahren nicht mehr. Darf ich das nochmal machen?“, was mich zu der Ansicht bringt, dass eine Verlegung in unser Schutzprogramm nicht nur angebracht, sondern auch absolut nötig sei, um weitere Schäden des geistigen und körperlichen Wohls unseres Klienten zu vermeiden. Erste Schritte wurden bereits eingeleitet.

Bericht vom 17.01.12 (Außenstelle London)
Sachbearbeiterin: R. Ruby

Erneute Diskussionen über mögliche Aufenthaltsorte während der Resozialisierung führten schließlich im Kompromiss, ihn nach Kuba zu schicken. Vorherige Vorschläge wie „ganz Australien für mich alleine“ seiner Seiten und Kanada (ich zitiere: „Urgh, die sind da alle so nett“, gefolgt von wiederholten Gesten, die einen Kopfschuss imitieren sollten) meinerseits konnten nicht weiter verfolgt werden. Der frühestmögliche Termin für eine Verlegung wurde für den kommenden Sonntag festgelegt. Ich kann nicht behaupten, dass ich diesem Tag nicht mit einer gewissen Wehmut entgegensehe. Dies könnte vor allem daran liegen, dass sich Klient „Shelley’s Monster“ (selbstgebend) bisher als äußerst unkooperativ und uneinsichtig erwies.

Bericht von 22.03.20 (Außenstelle London)
Sachbearbeiterin: R. Ruby

Heute erhielt ich eine Postkarte von einem unser alten Klienten, „Shelley’s Monster“ (selbstgebend). Auch nach mehreren Aufforderungen derartige Korrespondenzen zu unterlassen, ließ er sich bisher nicht davon abbringen. Trotzdem war es bisher stets beruhigend zu wissen, dass er seine von uns ausgewählte Residenz auf Kuba nicht verlassen hatte, auch wenn Berichte aus zuverlässigen Quellen nur die Schlussfolgerung zulassen, dass nicht nur mehrere kriminelle Kartelle unter seiner Führung stehen, sondern auch die Regierung selbst seinen Anforderungen nachgehe. Auf Anfragen, wie dies mit unserer Vereinbarung vom unauffälligen Verhalten vereinbar sei, sagte er nur, dass er lediglich seiner Freizeitbeschäftigung nachginge und es kein Grund zu Sorge bestehe. Danach vermerkte ich seine Akte mit dem Roten Stempel „Grund zur Sorge“. Zuvor erwähnte Postkarte führen nun dazu, dass seine bisherige Einstufung noch einmal erhöht werden muss. Darin stand, dass Klient „Shelley’s Monster“ (selbstgebend) sich vor Kurzem einen Film angesehen hätte und er nun seine Verlegung in ein anderes Universum beantrage, da sein alter „Nemesis“ mitsamt seines Sidekick nun als Superheld agiere und er dies auf jeden Fall zu stoppen hätte. Auf weitere Anfragen verhielt er sich uneinsichtig und störrisch und argumentierte allein mit der bereits erschaffenen Rolle eines Alten Egos, der sich wunderbar in das Milieu des sogenannten „MCU“ eingliedern ließe. Weitere Diskussionen werden ausstehen. Bisher lässt sich nicht vorhersehen, in welcher Form dies enden könnte.


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