The Places I’ve Cried in Public

„Can you see the girl crying? […] This is the story of one. What keeps making her cry? Or is a better question: Who?

Ich komme immer wieder gerne zum Jugendbuch zurück. Zum einen zählen sie zu der Sorte Buch, die man ohne schlechtes Gewissen an einem Abend weg lesen kann. Zum anderen machen ihre positive Kurzweiligkeit sie stets zu einem willkommenen Begleiter für die Atempausen zwischen zeitintensiven Achterbahnfahrten der heißgeliebten Buchreihen. Seitdem immer ernstere Themen in dieses Genre einziehen, die weit über die erste Liebe und die klassischen Badboys gehen, ist es umso spannender geworden. Immer häufiger finden sich zeitgenössische, kritische und wichtige Themen wieder, die meine Ansichten zum Jugendbuch stets vor neue Herausforderungen stellen.

So auch Holly Bournes The Places I’ve Cried in Public. Doch vorerst muss ich zwei Geständnisse machen:

  1. Ich habe nie ein Buch von Holly Bourne gelesen.Ja, irgendwann habe ich bestimmt schon einmal von der Spinster-Reihe gehört und ja, die Cover kommen mir bekannt vor. Aber meine bisherigen Contemporary YA-Erfahrungen beschränken sich auf Alice Oseman, Rainbow Rowell und Gayle Forman.
  2. Es war ein Coverkauf.Ich meine, schaut euch das Buch an. Große, weiße Tropfen als 3D Relieflackierung. Dunkelviolette Schnittverzierung als Kontrast zum weißen Cover. Die Akzentsetzung durch türkise und pinkfarbene Elemente. Die verschmierte Schrift als würde man einen Regentropfen auf einer Fensterscheibe verfolgen. Ein solches Cover gepaart mit einer zusätzlichen Stunde Wartezeit in der kleinen Buchhandlung in der Innenstadt und einem ziemlich bequemen Sessel (die richtigen Buchhandlungen erkennt man an ihren Sitzgelegenheiten, in denen man aus Versehen einen halben Harry Potter wegliest) … was soll ich sagen.

Beginnen wir einfach am Anfang. Oder der Einleitung, bei der ich gleich wusste, ich bin verloren ohne dieses Buch. Die erste Seite rückt an Stelle der Widmung und gleichzeitig wissen wir, dass sie die Widmung ist. Denn dieses Buch ist für alle Mädchen geschrieben, die bereits in der Öffentlichkeit geweint haben und die sich bei dieser einen Seite plötzlich wieder daran erinnern, wie es war, die Tränen heimlich auf der Busfahrt wegzuwischen, sich in den Schoß ihrer Freundin zu verkriechen, um den verschmierten Mascara zu verbergen oder in den Regen hinaus zu rennen, weil das weniger verrückt schien, als vor aller Augen zu weinen.

Charaktere:

Es sind vor allem zwei Charaktere, die das Buch so lesenswert machen und natürlich sind es unsere beiden Hauptcharaktere:

Amelie, unser weiblicher Charakter, scheint im ersten Moment die typischen Eigenschaften einer YA-Hauptfigur zu haben. Neu in der Stadt, hübsch, talentiert, aber sich natürlich dessen überhaupt nicht bewusst. Was sie allerdings wieder zu einem untypischen YA-Hauptcharakter macht oder besser gesagt zu einem sympathischen und lebensechten Charakter, ist die Echtheit mit der sie diese Seiten veranschaulicht. Amelie ist Singer-Songwriterin, aber vom Typ introvertiertes Künstlergenie. Vor jedem Auftritt hat sie Angstzustände, bekommt Ausschlag und setzt sich mit ihren Selbstzweifeln so unter Druck, dass man nicht nur Mitleid sondern echtes Verständnis für sie aufbringen kann.

Und dann gibt es noch Reese. Ich muss gestehen, an einigen Stellen fiel es mir schwer ihn nicht zu mögen. Vor allem am Anfang. Aber das war genau das, was sein sollte. Ich bin gemeinsam mit Amelie in die Falle gegangen, bin genauso vereinnahmt worden von seinem Charme, seinem Boyfriend Image und diesem verdammten Gesichtsausdruck, den er jedes Mal bekommt, wenn er Amelie sieht. Dieser Blick, mit dem jeder einmal in seinem Leben angesehen werden möchte. Dieser Blick, der einem zeigt, die Sonne ist gerade aufgegangen, das Leben ist gerade perfekt und die Zeit ist stehengeblieben. Dieser typische romantische Blick voller Herzen und Glitzer in den Augen. Und Reese beherrschte diesen Blick und alle sind reihenweise darauf reingefallen. Das einzige, was mich davon abhielt ihm gänzlich zu mögen, war die Tatsache, dass ich die Handlung kannte. Amelie erzählte ihre Geschichte des weinenden Mädchens als Rückblende; von Anfang an werden wir darauf vorbereitet, dass etwas passiert. Wir sind beim Lesen bereits klüger, Amelie war es nicht.

Das Clevere und zugleich Erschreckende an Reese ist vor allem, wie bekannt er mir vorkam. Reese hatte alle Eigenschaften, die der perfekte Junge in jeder YA-Romanze besitzt. Ihn kann man getrost in eine Reihe neben Edward Cullen, Christian Grey oder Gideon de Villiers stellen. Er hat das Badboy Image, das Mädchen verändern wollen, er ist der Missverstandene, der verletzliche Junge mit Mutterkomplex, den wir halten und liebhaben wollen und vor allem ist er dieser Typ Junge, der einem das Gefühl gibt, etwas besonderes zu sein und dessen Liebe all den Schmerz und die Probleme nichtig macht. Dieser Typ Junge war er für die ersten hundert Seiten. Denn Mädels, wacht auf: Solche Jungs gibt es nur in Büchern. Bei Reese setzte irgendwann die Realität ein. Aus dem perfekten Jungen wurde der Musiker, der eifersüchtig auf die Erfolge seiner Freundin ist. Aus ihm wurde der Junge, der in einem Moment süß und wundervoll war und im nächsten beleidigend und verletzend. Aus ihm wurde der Junge, der Amelie immer und immer wieder zum Weinen brachte und sie gleichzeitig psychisch so fertig machte, dass sie sich selbst die Schuld an ihrem Elend gab. Am Ende reagierte Amelie wie beinahe jedes Missbrachsopfer. Sie verurteilte sich selbst, ging auf Eiern, hatte Angst, aber wollte trotzdem an dem festhalten, was einmal da war. Denn das war doch immer noch der Reese, indem sie sich verliebt hatte, oder?

Fazit:

Holly Bourne schaffte es in diesem Buch, die bittere Realität zu zeigen, was eigentlich in all den angeblichen Bilderbuchromanzen passiert wäre, wenn sie tatsächlich stattgefunden hätten. Mit großen Gefühlen und sensibler Erzählweise wird uns vor Augen geführt, was psychischer und physischer Missbrauch in unserer Gesellschaft bedeutet und wie schleichend er jeden treffen kann. Ein wichtiges Buch, dass jedes Mädchen lesen sollte, das von der großen Liebe träumt.

 

Alles Liebe,
eure Anna.


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