„Ihr die ihr eintretet, lasst alle Hoffnung fahren!“

oder Willkommen im Leben eines Fangirls

Aus der Reihe: Geständnisse einer verrückten Buchseele

Wir alle kennen Dantes göttliche Komödie. Nicht nur ist es eines der großen literarischen Meisterwerke der Menschheitsgeschichte, wenn man es richtig zu deuten weiß, ist es auch eine der ersten Fanfictions aller Zeiten, denn Dante hat sich selbst in die Geschichte hineingeschrieben, um mal ein wenig mit seinem toten Kumpel Vergil abhängen zu können. Und dann ist er auch noch der Held der Geschichte. Ich weiß, ziemliches Mary Sue Potential. Aber nicht nur deswegen, dachte ich, es wäre eine gute Analogie das Leben eines Fangirls mit Dantes neun Höllenkreisen zu vergleichen. Das Leben eines Fangirls kann auf Dauer nämlich ziemlich ermüdend werden, denn neben dem eigentlichen Leben gilt es auch noch unzählige andere zu bewältigen. Habt ihr schon mal versucht auf eine Horde Katzen aufzupassen? Genauso ist es.

Erster Höllenkreis:

Okay, fangen wir ganz entspannt an. In etwa wie Tag eins. Ihr habt gerade eine neue Buchreihe entdeckt oder seid auf eine neue Serie gestoßen, die vielversprechend aussieht. Alles noch kein Problem, denn wir wissen noch nicht, was uns erwartet. Ich meine, niemand wusste im ersten Kapitel von Harry Potter, dass man sich mal eben ohne es zu wissen, einer Sekte angeschlossen hat, in knapp 10 Jahren genausten darüber Bescheid weiß, welchem Haus man angehört, welche Länge der eigene Zauberstab besitzt und natürlich welche Gestalt der eigene Patronus annimmt. Bei der Frage nach der eigenen Blutgruppe sind viele dann aber wieder ratlos. Manchmal weiß man einfach nicht, was einen erwartet und läuft blindlings ins Verderben.
Im ersten Höllenkreis geht es demnach auch noch recht gesittet vor. Hier sitzen die Heiden, also jene Seelen, die zwar das Potential hätten in den Himmel zu kommen, aber  leider vergessen haben, den ewig-bindenden Vertrag zu Lebzeiten zu unterschreiben, ist ihnen das nun auf immer verwehrt. So ähnlich geht es uns Fangirls machmal auch mit dem ein oder anderen Fandom. Irgendwo haben wir wohl vergessen, ein Häkchen zu setzen und jetzt erwarten uns ewige Höllenqualen wie „Wird es mein OTP schaffen zusammenzukommen?“ und „Haben die gerade wirklich meinen Lieblingscharakter umgebracht?!“ Oder, mein Favorit: „Natürlich könnte ich mich jetzt auf dieses unheimlich wichtige Ereignis vorbereiten, aber ich könnte auch einfach zum dritten Mal in diesem Jahr mein Lieblingsbuch lesen.“ Das normale Leben (aka ein geregelter Schlafrhythmus, ein real existierendes Sozialleben und keine regelmäßigen Therapiesitzungen, weil Netflix mal wieder deine Lieblingsserie abgesetzt hat) zieht an uns vorbei, und wenn wir mal ganz ehrlich sind, wollen wir es auch gar nicht anders, oder?

Zweiter Höllenkreis:

Der zweite Höllenkreis ist mit Abstand mein Liebster. Hier sind wir nämlich den trocken, heißen Winden der Sehnsucht der Wollüstigen ausgesetzt. Ich meine … muss ich das wirklich ausformulieren? Wir alle haben unsere Charaktere, die wir einfach lieben. Und das nicht immer auf sehr jugendfreie Art. Sei es den Schauspielern geschuldet, dass man plötzlich eine leichte Obsession entwickelt (Lookin‘ at you, Sebastian Stan!) oder einfach nur der Tatsache, dass es verdammt gut gutgeschriebene Charaktere sind. Fangirls haben eine sehr lange Liste von „fictional hook-ups“ und mindestens einen Namen parat, sollte zufällig einmal ein Genie auftauchen und uns einen Charakter unserer Wahl für eine Nacht in unser Schlafzimmer transportieren. Fakt ist, wenn ich dafür in die Hölle komme, war es mir die Sache wert.

Dritter Höllenkreis:

Im dritten Höllenkreis sitzen jene im eisigen Schlamm fest, die der Gier verfielen. Gleichzeig ist es auch die Heimat von Cerberus, dem Höllenhund. Eigentlich wollte ich ja das ganze relativ allgemein halten, aber bei dieser Steilvorlage muss ich einfach nochmal ein Loblied auf drei meiner liebsten Fandoms singen, beziehungsweise erklären, was es bedeutet, Fangirl eines großen Fandoms zu sein. Ich liebe Harry Potter, ich liebe Supernatural, ich liebe Sherlock. (Und alle drei haben ihren eigenen Höllenhund. Zufall? Ich glaube nicht.) Damit bin ich aber nicht die Einzige. Tausende von anderen Leuten machen das auch. Dadurch kann es gerne einmal zur Reizüberflutung kommen, vor allem wenn man als Neuling versucht, einen Einblick in ein Fandom zu erhalten, welches bereits seit Jahren existiert, liebevoll gepflegt und stets aktualisiert wird. Nicht nur ist die Spoilergefahr immens auf der Suche nach geeigneter Fanart, Fanfiction oder einfach gut gemachten Fanvideos.
Tja, die Gier der Fans. Die führte auf der anderen Seite aber auch zu eine gewissen Übersättigung, die viele von uns fühlen. Sei es der heißdiskutierte achte Harry Potter Teil, die fünfzehn Staffeln Supernatural oder die Gerüchte einer fünften Staffel von Sherlock. Wir lieben unsere Fandoms und ja, irgendwie schreien wir auch ständig nach mehr, aber je mehr wir bekommen, desto größer ist das Risiko, dass der Standard einfach nicht mehr erreicht werden kann. Und nichts ist schlimmer als eine tote Kuh zu melken. Man sollte doch lieber aufhören wenn es am schönsten ist.

Vierter Höllenkreis:

Im vierten Höllenkreis sitzen die Verschwenderischen und die Geizigen. Wenn man zur Gruppe Fangirl gehört, dann sind die finanziellen Laster Teil des Package Deals. Leider allerdings nicht gratis. Seien es die monatlichen Ausgaben, die in neue Bücher gesteckt werden, die stetig wachsende Funko Pop Sammlung auf unseren Regalen oder die richtig schicke „limited awesome super special“-Edition aller Starwarsfilme auf Bluray inklusive Plakat und funktionierenden Lichtschwert. Fangirl sein bedeutet, ein teures Hobby zu haben. Da wir aber alle keine Millionäre sind und der ein oder andere ein bisschen aufs Geld gucken muss, heißt es dann einfach an anderen Ecken sparen. Neue Klamotten? In dem T-Shirt, das ich trage, sind doch nur drei Löcher. Ihr wollt Essen gehen? Ich komme gerne mit, aber mir reicht ein kleines Wasser, danke. Die Stromrechnung muss bezahlt werden? Ich hab in meiner Leselampe erst die Batterien ausgetauscht, das hält noch mindestens eine Woche!

Fünfter Höllenkreis:

Hier landen die Jähzornigen und die Verdrossenen. Und wenn Fangirls eines kennen, dann ist es Verdruss. Und Zorn. Habt ihr mal ein Fangirl gesehen, dessen OTP daran scheiterte, weil sich die Autoren für eine klischeehafte, charakterwidersprechende Beziehung mit der Figur entschieden haben, die absolut niemand ausstehen kann? Habt ihr mich erlebt, als Captain America in die Vergangenheit zurückgegangen ist und Bucky zurückgelassen hat, obwohl jeder einzelne seiner Filme darauf aufbaute, was passiert, wenn man Steve von Bucky trennt?! Oder als die Autoren von Avatar sich dafür entschieden, eine sorgsam aufgebaute Chemie über drei verdammte Staffeln einfach zu streichen, weil „es ja nicht angehen kann, dass der Hauptcharakter nicht das Mädchen seiner Träume bekommt, wenn er schon die Welt gerettet hat“. Hallo?! Nichts macht uns Fangirls wütender als schlechte Ausreden, dumme Wendungen oder sinnlose Handlungsstränge, die nicht mit dem eigentlichen Niveau gleichziehen, das man eigentlich kennt und liebt.

Sechster Höllenkreis:

Hallo bei The Walking Dead oder jedem anderen Zombiefranchise, das in den letzten Jahren von den Toten auferstand. Denn im sechsten Höllenkreis haben wir tatsächlich die lebenden Toten und damit jenen Seelen zu tun, die nicht an das Jenseits glaubten und sich deswegen komplett dem Diesseits verschrieben haben. Natürlich könnte ich jetzt über Zombies reden, aber leider hat mich das Zombiefieber nie gepackt. Natürlich könnte ich stattdessen über die andere und definitiv interessantere Sorte von lebenden Toten sprechen, aber auch wenn ich meine Vampirphase wie jedes andere „Fangirl in Ausbildung“ meiner Zeit durchlebt habe, steht mir eher der Sinn das Fangirl selbst mit den lebenden Toten zu vergleichen.
Denn, ich vermute, jeder einzelne meiner Augenringe ist ein Zeichen einer durchzechten Nacht, weil ich glaubte, dass dreihundert Seiten nicht mehr viel sind, und wer braucht denn auch schon Schlaf, wenn er am nächsten Tag früh aufstehen muss. Fangirling ist ein harter Beruf, denn wir haben nicht auf magische Art acht Stunden mehr am Tag als normale Menschen. Jeder Tag ist eine erneute Diskussion mit dir selbst, auf welche drei Pfeiler des Alltags du diesmal verzichten kannst, um mehr Zeit in das zu investieren, was du eigentlich machen willst. Arbeit, Schlaf oder Freizeit? Die Freizeit ist eh schon komplett voll damit, aber wie schaffen wir es, noch mehr da rein zu bekommen? Arbeit oder Schlaf? Arbeit oder Schlaf? Am Ende ist es leider doch immer der Schlaf, der dran glauben muss …

Siebter Höllenkreis:

Der siebte Höllenkreis ist wieder ein wenig weitergefasst worden, denn hier werden einfach die Gewalttätigen aller Art hineingeschmissen und schwerer Folter unterzogen. Da wir alle wissen, dass die katholische Kirche es in den letzten Jahrhunderten nicht so mit der gleichgeschlechtlichen Liebe hatte, wundert es also eigentlich niemanden, dass Homosexualität auch seinen eigenen Höllenkreis hat (auch wenn sie sich ihren mit den Selbstmördern und den Gewalttätern gegen Mensch und Natur teilen müssen). Das Thema Homosexualität ist bei vielen Fangirls von besonderem Interesse, da das sogenannte „gay shipping“ eigentlich auf so ziemlich alle Charaktere einmal angewendet wird. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie vom Kanon her eigentlich hetero sind, wenn die Chemie stimmt, dann wird der Rest passend gemacht. Sei es nun Johnlock, Stucky, Drarry oder Cheric. Vor allem die Rivalen werden gerne zu Liebenden gemacht, beste Freunde existieren im Kopf eines Fangirls nicht, denn in Wirklichkeit haben sie sich einfach nur noch nicht ihre eigenen Gefühle eingestanden. Dass gerade das gay shipping aber seine ganz eigene Hölle ist, zeigt, dass die Erfolgsquote solcher Pairings leider gleich gegen null geht. So flüchten wir uns weiter in unsere heile Welt aus Fanfiction und Fanart, in der unsere OTPs happily ever after leben und alles was auch nur ansatzweise mit dem Kanon zu tun hat, wird einem Exorzismus unterzogen.

Achter Höllenkreis:

Im achten Höllenkreis lebt ein Mischwesen aus Mensch, Löwe und Drache und passt auf die Betrüger aller Arten auf, die dort büßen. Ich würde sie aber weniger als Betrüger bezeichnen, verdrehen sie doch eigentlich eher die Wahrheit und die Wirklichkeit ein wenig. Dasselbe passiert auch oft im Fandom. Nicht nur retten wir damit unsere zarten Gefühle, wenn eine Staffel mal wieder nicht so geendet hat, wie wir es gerne gehabt hätten, auch die Bandbreite unserer Möglichkeiten wird immens gesteigert. Habt ihr schon mal von Dragonsherlock gehört? Oder von dem Trope, einfach alle Charaktere einmal in Katzen zu verwandeln? Ich persönlich bin auch ein großer Fan vom Genderbending jeglicher Art, in der einfach mal getestet wird, wie sich die Geschichte entwickelt hätte, wenn die Charaktere das andere Geschlecht besäßen. So oder so, gerade die Fanfiction bietet viele verschiedene Tropes, Alternative Universes und Möglichkeiten, die eigenen Lieblingscharaktere noch einmal in einer anderen Geschichte zu entdecken. Wie würde es sein, wenn die Avengers nach Hogwarts gegangen wären? Was passiert, wenn Sherlock plötzlich ein Kleinkind wäre und Watson sein Babysitter? Welche Auswirkungen gäbe es auf Hamlet, wenn es plötzlich mit Löwen erzählt wäre? Wartet, das war keine Fanfiction …

Neunter Höllenkreis:

Im neunten Höllenkreis sitzen die ultimativen Bösewichte der katholischen Kirche, jene Charaktere, die seit Anbeginn der Zeit als die Ausgeburt des Bösen gelten und für menschliche Abgründe, finstere Machenschaften und der Boshaftigkeit in Person stehen. Was in der katholischen Kirche für Kain, Judas und Lucifer gilt, sind im Fandom so ziemlich alle Bösewichte, die jemals geschrieben wurden. Aber gerade unsere Bösewichte haben wir mittlerweile so ins Herz geschlossen, dass sie eigentlich mehr adoptiert wurden, als wirklich als wahrhaft böse angesehen zu werden. Böse gibt es im Vokabular eines Fangirls nicht. Die sind nur „missverstanden“. Seien es Moriarty, Loki, Malfoy oder Magneto. Wir lieben unsere Antagonisten und vor allem lieben wir es, in ihnen immer noch einen Funken Gutes zu suchen. Außer wir reden von Umbridge. Die hat einen besonderen Platz in der Hölle verdient, der weit tiefer liegt, als der menschliche Verstand reichen kann.

 

Aber seien wir letztlich einmal ehrlich. Schaut man sich die Serie „Lucifer“ an und ihre Darstellung des Teufels an, finde ich es gar nicht mehr so schlimm, als Fangirl durch die Hölle zu gehen.

Ich hoffe ihr hattet genauso viel Spaß beim Lesen dieses Beitrages wie ich beim Schreiben.

 

Alles Liebe, Anna


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s