Schneekugel

Teilen

Und dann war da nur noch der Regen. Schwer fiel er auf seine Schultern, hüllte ihn ein. Er war allein, hatte verloren, was ihm am wichtigsten war. Warum hatte er dies zugelassen? Warum war er nicht selbst gegangen? Er hatte noch versucht, ihr klar zu machen, welches Risiko sie einging, versucht ihr zu erklären, welche Folgen das ganze haben würde. Doch sie hatte sich nur allzu bereit geopfert, für sie alle, für ihn. Sie hatte ihn zurückgelassen, allein. Ja, das war er jetzt, allein, für immer, ohne sie. Tränen flossen seine Wangen herunter, verwässerten seinen Blick und mischten sich mit dem Regen. Zitternd gaben seine Knie nach und er sank zu Boden. Wirre Erinnerungsfetzen drangen in sein Bewusstsein und ließen abermals jene Gefühle aufflammen, die er die letzten Tage sosehr versuchte hatte zu verdrängen. Nun drohten sie ihn zu übermannen. Und er ließ es zu. Er konnte ihre Stimme in seinen Gedanken hören. Sie lachte und rief ihn zu sich. Wie ein Blinder folgte er ihrem Rufen durch die Finsternis und fand sich an jenem Ort wieder, der schon so viele Jahre zurücklag.

***

Die Wärme des Kaminfeuers empfing ihn, als er in den Raum trat. Hastig klopfte er sich den Schnee von den Schultern und hängte seinen schweren Mantel neben die Tür. Mit kurzen Handbewegungen fuhr er sich durch die nassen Haare und wischte sie aus seinem Gesicht. Schnell trat er näher an das Feuer heran und hielt ihm dankbar seine tauben Finger entgegen. Sie saß ein Stück abseits am Tisch, vor sich jede Menge Kleinteile ausgebreitet, die für ihn keinen Sinn ergaben. Ihr Kopf ruhte auf der Tischplatte und ihre sanften Atemzüge verrieten ihm, dass sie eingeschlafen war. Ihre langen Locken ergossen sich über den Tisch wie Rinnsale. Lächelnd ging er zu ihr herüber und schaute ihr prüfend über die Schulter. Mit einer Hand hielt sie noch immer eine kleine Glaskugel umklammert. Vorsichtig, um sie nicht zu wecken, nahm er sie ihr aus den Händen und legte ihr eine Decke um die Schultern.

Plötzlich nahm ihm dunkler Rauch die Sicht und drängte ihn aus der Erinnerung heraus. Verzweifelt schrie er ihren Namen, doch sie hörte ihn nicht. Der Rauch wurde immer dichter und dichter und ließ ihn in der Finsternis zurück. Schreiend rannte er los, immer wieder ihren Namen auf seinen Lippen. Schließlich wies das Geräusch von sanftem Meeresrauschen ihm den Weg und ohne zu zögernd lief er darauf zu.

***

Es waren einige Monate vergangen seit jenem Abend und warmes Sonnenlicht drang durch das Fenster in den Raum.
„Schau mal, ich bin endlich fertig geworden!“, sagte sie freudestrahlend und hielt ihm eine kleine Schneekugel entgegen. Aus seinen Gedanken gerissen, betrachtete er sie einen Moment verwirrt und nahm schließlich die Schneekugel. Kleine Ornamente waren in den dunkelroten Boden eingelassen, die im Licht des Sonnenlichts zu tanzen schienen. Langsam legte sich das kleine Schneegestöber in der Kugel und stirnrunzelnd schaute er hinein.
„Warum ist die Schneekugel denn leer?“, fragte er verwirrt und drehte sie noch einmal um sicher zu gehen, dass er nichts übersehen hatte. Ohne darauf zu antworten legte sie den Kopf schief und schaute in eindringlich an.
Er erinnerte sich nicht an ihre Antwort und bevor er sie hören konnte, begann abermals der Rauch um die beiden herum aufzusteigen und beendete damit die Erinnerung, in der er gerne noch ein wenig länger geblieben wäre.

***

Erschrocken hielt er den Atem an. Sie um sich zu haben, war wundervoll und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich irgendwo zu Hause. Aber wollte er das? Als er ihr nicht entgegen kam, stellte sie sich auf ihre Zehenspitzen und presste ihre Lippen noch fester auf seine. Er schmeckte das Salz in ihrem Mund. Schließlich gab er jeden sinnlosen Widerstand auf und lehnte sich leicht zu ihr herunter.

***

Über ihm war eine große Kuppel aus Glas, durch die sanft das Licht der Sonne fiel. Die reflektierten Staubpartikel in der Luft glitzerten als würde es schneien.

***

Er konnte nicht genau sagen, an welchem Zeitpunkt er sich nun befand, denn solche Momente hatte es viel zu häufig gegeben, um sie genau bestimmen zu können. Sie lag in seinen Armen und hatten den Kopf sanft auf seine Schulter gebettet. Beunruhigt folgte er ihren kurzen, flachen Atemzügen. Die Anfälle kamen in immer kürzer werdenden Abständen und jedes Mal konnte er nur tatenlos dabei zu sehen, wie sie vor Leid verging. Ihr Herz pochte so stark in ihrer Brust, dass er Angst hatte, es könne jeden Moment aufgeben. Alpträume suchten sie stetig in ihren Fieberträumen heim, dass sie keine Zuflucht finden konnte. Weder wach, noch schlafend. Sanft presste er seine Lippen auf ihre nasse Stirn und hoffte, all das würde bald ein Ende finden.

***

Sie zuckte mit den Schultern, aber vermied es, ihm in die Augen zu schauen.
„Vielleicht ein paar Jahre, vielleicht aber auch nur wenige Monate.“

***

Ein Gedanke wuchs in seinem Kopf. Tief in ihm vermehrte er sich, bis er sein ganzes Bewusstsein einnahm und nichts mehr existierte, außer diesem Gedanken: Die Welt muss brennen.

***

Sie sahen sich nun schon eine ganze Weile und trotzdem war er sich noch immer nicht sicher, wer sie eigentlich war. Ihre fröhliche Art faszinierte ihn. Wenn in ihm diese wütende Hitze tobte war es ihr Lachen, dass ihn beruhigte und wieder in die Realität zurückholte. Doch er kannte auch ihre dunkle Seite, wie sie die seine kannte. Unter der fröhlichen Fassade brodelte eine Kraft und beängstigende Stärke. Er fühlte sich manchmal wie ein Schiffsbrüchiger auf rauer See, wenn die Träume ihre Augen grau färbten.

***

„Wie lange verschweigst du mir das schon?“, fragte er zornig und versuchte seine Gefühle einigermaßen im Zaum zu halten, doch versagte.
Kummervoll schaute sie ihn an und sagte nichts.
„Denkst du nicht, nach all der Zeit hätte ich ein Recht zu erfahren, wie schlecht es dir geht?“, fuhr er unbeirrt fort und redete sich immer weiter in Rage. Aufgebracht lief er auf und ab und raufte sich die Haare. Er befürchtete, ihr weh zu tun, wenn er sie jetzt berühren würde.
Ein kehliges Husten unterbrach ihn schließlich und endlich schaute er sie an. Das Fieber hatte ihre Wangen rot gefärbt, als würde sie in Flammen stehen. Sanft hob er eine Hand, um sie zu trösten, doch ließ er sie fallen, bevor er sie erreichte. Ein Blick in ihre glasigen Augen nahm ihm sämtlichen Wind aus den Segeln.
„Wie lange noch?“, flüsterte er.

***

Eine schwere Staubschicht hatte sich mit der Zeit über die Schneekugel gelegt, die einsam auf dem Tisch stand.

***

Keiner von beiden war bereit nachzugeben.
„Ich lasse das nicht zu!“, schrie er sie an und ballte die Hand zu Fäusten. Der tiefe Drang auf irgendwas einzuschlagen, kroch langsam an die Oberfläche.
„Du weißt nicht einmal, ob es wirklich eintrifft, warum also willst du dich um jeden Preis opfern?“
Mit kaltem Blick schaute sie ihn an. Die See darin war zugefroren.
„Ich habe mein ganzes Leben bereits diese Träume. Das alles hat eine Bedeutung und darum werde ich es auch aufhalten!“ „Aber das macht doch keinen Sinn! Willst du wirklich für ein paar Wahnvorstellungen in den Tod gehen?“
„Das sind keine Wahnvorstellungen und das weißt du auch!“, fuhr sie ihn an. Schmerz lag in ihrer Stimme als sie fortfuhr: „Gerade von dir habe ich das nicht erwartet.“
„Was? Hast du etwa erwartet, dass ich dir fröhlich zuwinke, wenn du dich von mir verabschiedest? Hast du wirklich gedacht, dass ich zulasse, dass du dich umbringst?“
„Ich habe erwartet, dass du dein Versprechen hältst!“, schrie sie ihn an.

Einen Moment war er still und versuchte sich zu beruhigen, doch der Zorn brodelte noch immer tief in ihm.
„Das ist nicht fair! Das hat nichts mit meinem Versprechen zu tun und das weißt du auch“ sagte er mit belegter Stimme und drehte den Kopf weg.

Ein wenig versöhnlicher ging sie auf ihn zu und nahm seine Hand.
„Ich sterbe.“, sagte sie mit sanfter Stimme. Müde schüttelte er den Kopf.
„Sag das nicht …“
„Doch, denn auch, wenn du es schon lange weißt, musst du es auch endlich begreifen. Ich sterbe und wenn mein Tod vorher noch zu etwas Gutem beiträgt, dann möchte ich das so. Das darfst du mir nicht nehmen.“
Angespannt starrte er an ihr vorbei und versuchte stur die Tränen weg zublinzeln.

***

Von Schuldgefühlen geplagt, blickte er zur Seite. Er konnte es nicht ertragen, seinen Fehler noch einmal vor Augen geführt zu bekommen. Wenn er damals noch etwas gesagt hätte, wenn er sie nicht hätte gehen lassen, sondern weiter auf sie eingeredet hätte. Wäre das alles dann nicht passiert? Wäre sie jetzt noch am Leben?

***

Die Hitze in ihm wurde immer größer und schmerzhaft flackerte sein Herz auf, als er abermals zusehen musste, wie er sie gehen ließ. Immer wütender schlug sein Herz gegen seinen Brustkorb und versuchte sich verzweifelt aus seinem brennenden Gefängnis zu befreien. Bald würde er ausgebrannt sein.

***

Schweigend schaute sie ihn an.
„Ich weiß es nicht“ sagte sie schließlich, „Aber wenn ich es nicht wenigstens versuche, werde ich mir das nie verzeihen können.“

***

Verzweifelt rannte er in den Raum und riss die Tür auf. Völlig außer Atem rief er nach ihr und schaute sich hastig um. Sie war fort. Der Raum war vollkommen leer und all ihre Dinge waren fort. Einsam und verlassen stand die leere Schneekugel auf dem Tisch. Ein Abschiedsgeschenk, dachte er bitter. Doch sie war nicht länger leer.

***

„Ich bin nicht schwach!“ Wütend funkelte sie ihn an und langsam ließ er die Arme sinken.
„Das weiß ich doch“, versuchte er beruhigend auf sie einzusprechen.
„Aus diesem Grund habe ich es so lange wie möglich verheimlicht! Jeder, der davon erfährt, hört auf, mich als mich selbst zu betrachten und sieht nur noch eine zerbrechliche Puppe vor sich. Aber ich bin nicht schwach!“

Ihr aufgewühlter Blick erinnerte ihn an Wasserwirbel die ganze Schiffe auf den Grund des Meeres zogen. Plötzlich fing er an zu lachen. Überrascht starrte sie ihn an und vergaß für einen Moment ihren Zorn.
„Wer könnte jemals denken, dass du schwach bist, wenn du ihn so anstarrst?“ sagte er noch immer lachend. Verwirrt blinzelte sie, dann lächelte sie traurig.
„Versprich mir nur, dass du mich niemals bemitleidest.“

Leise fügte sie hinzu.
„Gerade von dir könnte ich es nicht ertragen.“

***

„Wie ist dein Name?“
Überrascht schaute er das Mädchen vor sich an, dass sich neugierig zu ihm hinunterbeugte. Ihre meerblauen Augen glitzerten lebhaft, wie die aufgewühlte See an einem sonnigen Herbsttag.
„Warum möchtest du das wissen?“, fragte er verbittert.

Fragend legte sie den Kopf zu Seite und schaute ihn eindringlich mit diesen Augen an, als würde er darin ertrinken müssen. Wie ein kalter Schauer ergoss sich das Wasser über ihn und erstickte das Feuer seines Trotzes im Keim.

 ***

„Was ist, wenn du es gar nicht aufhältst?“ fragte er angespannt. „Was ist, wenn du es damit erst beginnst?“

***

Schreiend wachte sie auf.
„Ich habe es gesehen!“, sagte sie mit zitternder Stimme und klammerte sich verzweifelt an sein Hemd. Schluchzend versuchte sie die Tränen zu unterdrücken. „Der Himmel wird ertrinken, während die Welt in Flammen steht!“, fuhr sie panisch fort.
Erfolglos versuchte er sie zu beruhigen.
„Du hast schlecht geträumt. Alles ist gut, glaube mir“, sprach er mit ruhiger Stimme auf sie ein. Wild schüttelte sie den Kopf.
„Nein, du verstehst nicht! Das war kein Traum! Es sind keine Träume, nie! Es wird wirklich geschehen!“

 ***

Plötzlich wurde sie ganz still und das Zittern ließ nach. Gedankenverloren strich sie die Falten seines Hemdes glatt, dass sie gerade noch fest umklammert hielt. Das machte ihm mehr Angst, als ihr Ausbruch zuvor.

„Ich muss es aufhalten“, flüsterte sie.

***

„Warum lässt du mich nicht einfach gehen?“ Wütend funkelte sie ihn an, sodass ihre blauen Augen fast schwarz erschienen. Sein Zorn flammte stärker denn je auf und entlud sich in seiner donnernden Stimme.
„Weil du verdammt noch mal, nicht vernünftig handelst!“, schrie er sie an. Sie hatte ihm schon oft vorgeworfen, sich irrational zu verhalten und seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Doch diesmal war sie es, die stur blieb und einfach nicht einsehen wollte, wie falsch das alles war.

***

„Bald wird es regnen“, sagte sie gedankenverloren. Belustigt schaute er in den klaren Himmel. Sie spürte seine Skepsis, denn lächelnd öffnete sie die Augen.
„Nein, wirklich. Heute Nacht wird es regnen. Ich kann es in der Luft riechen.“
Bevor er antworten konnte, unterbrach sie ein weiterer Hustenanfall. Besorgt legte er seine Hand auf ihre Schulter.

***

Wie ein Kaleidoskop aus Farben flackerten die Erinnerungen nun immer schneller und heller vor seinem inneren Auge auf. Langsam wurde ihm schwindelig und benommen schüttelte er den Kopf. Es war schon länger keine klare Reihenfolge mehr erkennbar, noch ergaben sie einen Sinn für ihn. Mit immer größer werdender Tortur sah er immer wieder ihr Gesicht vor sich, bis es vom Rauch verschluckt wurde.

***

Ungläubig starrte er sie an, wie sie vor ihm stand. Ihr Gesichtsausdruck sagte ihm, dass sie bereit war zu sterben. Mit einem verzweifelten Schrei versuchte er sie aufzuhalten, doch es war bereits zu spät. Die ersten Regentropfen fielen vom Himmel, als ihm bewusst wurde, dass er gerade dabei war, sie für immer zu verlieren.

***

Am Rande bemerkte er, wie sie ihm aus den Fingern glitt. Wie in Zeitlupe sah er dabei zu, wie die Schneekugel langsam zu Boden fiel und sofort zerbrach.

***

„Wie ist dein Name?“

***

Abermals spürte er ihren Kopf auf seiner Schulter ruhen, während sich ihre Brust sanft im Takt ihrer Atemzüge hob und senkte.

***

Wütend schrie er sie an. Mit kalten Blick wartete sie seine Schimpftirade ab, ohne ein Wort zu sagen.

***

Als er ihren Namen rief, drehte sich sich langsam zu ihm um. Tränen liefen über ihr Gesicht. Das Eis in ihren Augen schmolz.

***

„Warum lässt du mich nicht einfach gehen?“

 ***

 „Schau mal, ich bin endlich fertig geworden!“

***

Rauch.

***

Ein glückliches Lachen erhellte ihr Gesicht.

***

Ihre Lippen auf seinen.

***

„Versprich mir, dass du mich niemals bemitleidest“

***

Die Welt muss brennen.

***

Rauch

***

Tränen in der Dunkelheit.

***

Ihr Gesicht.

***

Rauch.

***

Ihre Augen.

***

Das Meer.

***

Dunkelheit.

***

Regen.

***

Rauch.

***

Fort.

***

Fort.

***

Fort.

***

Langsam verzog sich der Rauch um sein schwelendes Herz und züngelnde Flammen traten an seine Stelle. Sie entzogen jeglichen Sauerstoff um ihn herum, und nahmen ihm die Luft zum Atmen. Doch stattdessen erwachte tief in seinem Inneren etwas Dunkles und sehr Altes, von dem er bis jetzt noch nichts geahnt hatte. Dankbar beobachtete er, wie sich die Flammen von seinen Erinnerungen nährten und nichts als Asche übrig ließen.

Dort wo sie noch vor wenigen Minuten stand, zeugte nichts mehr von ihrer Existenz. Wütende Flammen traten in sein Sichtfeld und mit einer beängstigenden Ruhe stand er auf und sah zu, wie sie den Ort um ihn herum verschlangen, alles verbrannten, was ihn noch hätte halten können. Eine Welt aus Schwarz und Rot offenbarte sich ihm, in der ihre meeresblauen Augen keinen Platz mehr fanden. Lächelnd schloss er die Augen und breitete seine Arme dem Feuer entgegen. Glücklich ließ er sich vom Feuer aufnehmen, ließ es in jede seiner Poren eindringen und langsam seine Haare vom Kopf fressen. Sein Schmerz war mit ihr gegangen, darum nahm er nicht wahr, wie die Flammen stetig bis zu seinen Knochen vordrangen und alles auf ihren Weg zerstörten.

Es war gut so. Dies war das Ende, das er sich gewünscht hatte. Auch wenn es ihm erst jetzt bewusst wurde. Gierig sog der den Rauch um sich auf und ließ ihn in seine Lungen. Mit jedem Atemzug wurde er stärker und gab den Flammen mehr Kraft. Er spürte, wie seine Haut unter der sengenden Hitze verkohlte, wie sein Fleisch als Zunder diente und wie sich seltsame Symbole in seine Knochen einbrannten, bis sie schließlich ächzend nachgaben und in tausend Stücke zersplitterten. Heute Nacht war er selbst das heiß lodernde Feuer und auf seinem gnadenlosen Weg durch die Finsternis würde niemand ihn noch aufhalten können. Licht würde er bringen, aber auch Zerstörung. Um ihretwillen. Für sie. Was sie angefangen hatte, würde er beenden. Ein letztes Mal noch blickte er in den Wolken verhangenen Himmel, doch das Feuer wütete bereits in seinem Bewusstsein und fraß an seiner Seele, bis schließlich nichts mehr von ihm übrig blieb.

***

Zischend fielen die letzten Regentropfen auf die heiße Erde. Nichts würde hier noch wachsen, kein Leben würde sich jemals wieder mit diesem verfluchten Stück Land verwurzeln können. Nichts erinnerte mehr an die zwei Seelen, die hier ihren Tod fanden. Doch waren sie wirklich tot? Bedeutete es wirklich zu sterben, wenn man die Welt verließ, so wie sie es getan hatte? Und war es wirklich der Tod, der einen erwartete, wenn man seinen Leben aufgab und zu etwas Altem, Gefährlichen wurde, genau wie er?
Nichts war übrig geblieben. Nur ein dunkler Ring aus verbrannter Erde, die sanft vom Wind über das Meer hinfort getragen wurde.

***

Langsam fiel der Schnee um sie herum herab. Wie Asche umhüllte sie das Paar in der Glaskugel. Ein Moment voller Frieden für immer hinter Glas eingefangen. Eine kleine Welt in welcher der Himmel aus Wasser bestand und manchmal, wenn die Abendsonne durch die Fensterscheiben schien, der dunkelrote Boden den Anschein erweckte, er hätte Feuer gefangen. Als ich noch ein Kind gewesen war, hatte ich immer mit großen Augen dabei zugesehen, wie meine Mutter die Schneekugel vom Kaminsims holte, sie sanft drehte und auf den Tisch stellte. Während wir dabei zusahen, wie sich der Schnee langsam legte, stellte ich mir immer vor, wie sie nachts, wenn alle schliefen aus der Kugel heraustraten. Ich fragte mich dann stets, wer die beiden Menschen wohl waren und was ihr Schicksal war.


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s