Das süße Leiden der Bücherwürmer …

Der durchschnittliche Vielleser (19% der deutschen Bevölkerung), je nachdem, welcher Statistik man glauben möchte, liest im Jahr zwischen 20 und 36 Bücher. In einem Jahr erscheinen alleine auf dem deutschen Buchmarkt zwischen 70.000 und 75.000 Bücher. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein zweiter Mensch im engen Umfeld also gerade genau das gleiche Buch wie man selbst liest, ist relativ gering. Außerdem hat jeder von uns einen anderen Geschmack. Liest der eine lieber Krimis und Thriller, verliert sich ein anderer lieber in historischen Romanen, während der nächste lieber in fremde Welten mit Science Fiction oder Fantasy-Literatur reist. Für jeden Geschmack und mittlerweile zu fast jedem Thema gibt mindestens ein Buch und jedes findet seine Leser. Und das ist auch gut so, denn wenn wir alle das Gleiche lesen würden, wäre der Buchmarkt nun wirklich sehr langweilig und weniger vielfältig und bunt.

Ihr kennt es jedoch alle: Ab und an stolpert man über ein Buch, dass so gut ist und einen so mitreist, dass man das Gelesene nicht für sich behalten will, sondern am liebsten mit jedem darüber reden will oder zumindest jedem im Bekanntenkreis dazu zwingen will, es zu lesen, damit man endlich deren Sichtweise auf das Buch erfahren kann. Wir labern jedes unfreiwillige Opfer mit dem Inhalt des Buches voll, in der Hoffnung dass es endlich klein beigibt und ebenfalls das Buch liest, sodass wir noch mehr und noch tiefer uns darüber austauschen können.

Doch seien wir mal ehrlich; dass ein Gespräch so ausgeht, geschieht fast nie. Menschen, die es gewöhnt sind, den verrückten Bücherwürmern in ihrem Bekanntenkreis zuhören zu müssen, wenn diese mal wieder Redebedarf haben, weil das neuste Buch einfach unglaublich, genial und ein absolutes Must-Read für jedes atmende Individuum ist, schalten auf Durchzug und bekommen glasige Augen. Sie haben gelernt, dass es ratsamer ist, den Bücherwurm einfach quatschen zu lassen, bis er genug geredet hat, und Interesse zu heucheln, sodass sie nicht ganz abwesend beim Zuhören wirken. Meist kommt ihr Bücherwurm sowieso zwei Tage später mit dem nächsten unglaublich guten Buch um die Ecke, dass man schon wieder gelesen haben muss.

Für uns Bücherwürmer, egal wie viel wir im Jahr lesen, ist dies jedoch sehr frustrierend. Viele von uns wissen natürlich, dass wir unsere Bekannten mit unserem Gerede nerven, aber bei manchen Büchern wächst das Verlangen danach, über das Buch zu reden, in einem drin so stark an, dass man das Gefühl hat zu platzen, wenn man die eigenen Gedanken nicht teilt. Ich gebe ehrlich zu, ich habe keine Ahnung, wie Bücherwürmer ohne Internet dies überlebt haben. Heute kann ich online in Foren, auf Leseseiten wie Lovelybooks, Goodreads und Co., auf Blogs, Social Media oder in Rezensionen auf den Bezugsseiten selbst mich mit anderen Menschen austauschen, die das gleiche Buch gelesen haben. Ich kann an Lesechallenges teilnehmen, mich Buchclubs in der Stadt anschließen oder online.

Doch so richtig befriedigend ist das trotzdem nicht, zumindest geht es mir so. Manche Bücher, beispielsweise The Starless Sea von Erin Morgenstern, will ich jedem zum Lesen geben, will sie zum Buch des Jahres küren, bei jedem Menschen, den ich kenne, einen besonderen Platz in dessen Bücherregal verleihen, sodass sie es genauso lieben, wie ich. Doch ich weiß auch, dass kein zweiter Mensch dieses Buch so lieben kann, wie ich, bzw. nie auf die gleiche Art. So wie jeder von uns seinen eigenen Buchgeschmack hat, nimmt auch jeder etwas anderes aus Büchern mit.
Die Gefahr, dass es dem anderen dann auch noch nicht gefällt, schwingt ebenfalls mit. Und wer von uns will von einem geliebten Menschen hören, dass das eigene Lieblingsbuch so gar nicht sein Fall war? Nicht nur verurteilen wir diesen Menschen unbewusst (auch wenn wir es vielleicht gar nicht wollen), unser Blick auf ihn wird sich für immer verändern. Ebenso sehen wir den Blick in seinen Augen, den skeptischen, „Das gefällt dir? Ernsthaft?“-Blick, den wir dann bekommen, wenn auch er uns eigentlich ganz anders eingeschätzt hat. Manchen Menschen kann man diesen verzeihen, andere Personen kennen uns gut genug, um unseren Geschmack nachzuvollziehen. Doch ein paar werden wir damit vor den Kopf stoßen und der Beziehung einen Knacks verpassen. Wenn wir ein Buch empfehlen, schwingt also immer dieses Risiko mit, und in den seltenen Fällen, in denen unser rationales Denken schneller als das emotionale, buchnerdige ist (naja, vielleicht nicht ganz so selten), überlegen wir es uns bei manchen Menschen vielleicht zweimal, ob wir vor ihm über das Buch reden und es ihm ans Herz legen.

Ihr glaubt gar nicht, wie oft ich die Ausrede „Das muss ich für den Blog/die Arbeit/die Uni/Schule/… lesen“ schon genutzt habe, weil ich den abschätzenden Blick meines Gegenübers auf mir gespürt habe und abmildern wollte. Und oft habe ich mich drei Sekunden später selbst dafür geschämt, weil ich das Buch, das ich gerade liebe, so verleugnet habe. Ich habe eine Seite an mir, die von jedem gemocht werden will, oder zumindest den Erwartungen entsprechen, ebenso wie den Definitionen der Box, in die ich einsortiert werden möchte. Dieses Denken begleitete mich sehr lange und auch, wenn ich mich nicht mehr davon leiten lassen will (denn ich bin verdammt noch mal einzigartig und darf stolz darauf sein!), ist es doch schwer, alten Verhaltensmustern zu entkommen.

Okay, jetzt bin ich ein wenig vom Thema abgekommen. Eigentlich wollte ich sagen, dass es nicht schlimm ist, wenn ein anderer mal nicht das Buch gelesen hat oder kennt, das wir gerade lieben. Es gibt für jedes Buch irgendwo eine kleine Community, mit der man das neuste Lieblingsbuch feiern und analysieren kann. Und wir dürfen stolz auf unsere Lieblingsbücher sein, egal wie peinlich sie für andere scheinen mögen (hört auf euch für eure Lieblingsbücher zu schämen). Wir müssen auch nicht jedes Buch lesen, das uns empfohlen wird, denn ganz ehrlich, wo sollen wir bitte die Zeit dafür hernehmen, wenn wir die eigene Leseliste nicht vernachlässigen wollen, die sowieso ständig weiter wächst. Und selbst wenn wir wissen, dass die Person, mit der wir unbedingt über das Buch reden wollen, das Buch ebenfalls auf dem TBR liegen hat, sollten wir der Person ihre eigene Zeit lassen, ihren TBR durchzuarbeiten, denn eventuell braucht die Person gerade eben nicht dieses Buch sondern ein anderes. Und irgendwann wird dieser Mensch sowieso ankommen und über jenes Buch reden wollen und dann wird das eigene Verlangen sowieso befriedigt.

Irgendwie ist dieser Beitrag jetzt doch chaotischer geworden, als angedacht. Seht es mir nach, denn meine Leidenschaft ist heute ein wenig mit mir durchgegangen. Ich will euch nur mitgeben, dass ihr mit diesem Bedürfnis und diesem Leiden nicht alleine seid. Ich verstehe euch nur zu gut. Jedem von uns geht es so. Und vor allem: Habt ab und an Erbarmen mit euren Zuhörern und verzeiht ihnen, dass sie nicht ganz so leidenschaftlich für ein Buch brennen wie ihr. Und wenn das Bedürfnis überhand nimmt, dann sucht online nach eurer Community oder schreibt eine Rezension oder einen Eintrag in ein Lesetagebuch – das hilft, glaubt mir.

 

Ich wünsche euch einen schönen Dienstag und freue mich, dass ihr uns diesen Advent hier auf RenisBooks begleitet. Genießt die Vorweihnachtszeit, die Weihnachtsmärkte und Dekorationen, Musik und vor allem die Vorfreude. Und lasst euch nicht allzu sehr vom Stress anstecken und greift ab und an zu einem Buch, um dem Stress zu entkommen.

Alles Liebe,
eure, heute etwas zerstreute, Reni.

 

P.S. Wie kann man denn im Jahr nur 36 Bücher lesen – nichts gegen die unter euch, die wirklich nur so wenige schaffen, ich bin stolz auf euch, dass ihr überhaupt lest, aber wenn das schon Vielleser sind, was bin dann bitte schön ich???
Sorry, das musste ich noch loswerden ….


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