Nur ein Schritt …

Achtzehnter Stock. Brüstung. Ich stehe und schaue in die mondlose Nacht. Alles ist still. Keine Wolke verhängt den Himmel. Ein leichter Wind weht und fährt durch die Blätter der Bäume, doch ihr Rascheln dringt nicht zu mir hoch. Unten fährt ein einsames Auto über die Straße, doch die Scheinwerfer erreichen mich nicht. Die Welt zu meinen Füßen sieht so klein aus, so fern, so unerreichbar. Ich fühle mich unsichtbar, so weit weg von allem. Als stände ich an einer Scheibe und könne nur zuschauen, nicht aber dahinter treten. Oder wie in einer Schneekugel, mittendrin, ein Spielball der anderen und doch unfähig teilzuhaben. Könnte ich sie nur Zerbrechen diese Scheibe, sie zu Fall bringen. Ein Schritt nur. Nur ein Schritt.

Ich habe nicht geschlafen, oder nur wenig. Der Wecker reißt mich aus meinen Gedanken und erinnert mich an den Alltag, den ich zu meistern habe, bevor ich mich wieder verkriechen kann. Ich stehe auf und stolpere ins dunkle Bad. Die heiße Dusche wärmt meinen Körper. Der Dampf nebelt durch das kleine Zimmer und legt sich auf alle glatten Flächen. Ich trete aus der Dusche und wickle mich ins Handtuch ein, ein zweites für die Haare. Der Spiegel ist beschlagen. Als der Dunst verdampft und mein Ebenbild darin freilegt, drehe ich mich mit der Zahnbürste von ihm weg. Ich weiß, wie fertig ich aussehe. Ich brauche den Spiegel nicht, um mich dessen zu vergewissern.

Ich schlüpfe in das Erste, was mir im Kleiderschrank in die Hand fällt. Es wird sowieso keiner bemerken, was ich anhabe. Ein Blick in den Kühlschrank verrät mir, dass ich gestern wieder vergessen habe, einzukaufen. Vielleicht denke ich ja heute daran. Ich greife nach meinem Rucksack und verlasse die Wohnung.

Der Tag zieht an mir vorbei wie jeder andere. Die Arbeit ist monoton. Ich tippe Zahlen in den Computer vor mir, gehe ans Telefon, wenn es klingelt. Zwischendurch esse ich einen Keks, den ich verloren und einsam in meinem Schubfach finde. Besser als nichts. Kollegen kommen und gehen, wollen etwas von mir. Wir wechseln Floskeln doch am Ende verschwimmen sie alle zu einer anonymen Masse. Mein Kopf dröhnt und mir wird schlecht. Ich will nur noch weg.

Nach Ende meiner Schicht fahre ich nach Hause. Die Kopfhörer im Ohr übertönen die Geräusche meiner Umgebung, zumindest teilweise. Eine Frau neben mir schreit ihr Kind an, hinter mir pöbeln zwei Jugendliche und lachen laut. Ein älterer Mann staucht die beiden zusammen, verschlimmert damit die Situation aber nur. Endlich hält der Bus und ich steige aus.

Hinter mir fällt die Haustür ins Schloss. Ich lasse den Rucksack an der Tür fallen und schlüpfe aus meinen Schuhen. Mit dem Gesicht voraus lasse ich mich auf das Sofa fallen und ziehe in einer mittlerweile automatisierten Handbewegung die Decke über mich. Ich will nur verschwinden, mich ausradieren, abschalten.

Ich muss eingeschlafen sein, denn als ich die Decke vom Kopf ziehe, ist es bereits dunkel. Ich trotte zum Kühlschrank, doch der ist noch immer leer. Ich werfe einen Blick auf die Uhr, nur um festzustellen, dass der Supermarkt um die Ecke seit drei Minuten geschlossen hat. In der Küche finde ich noch eine Packung Asia Nudeln und koche sie mir auf. Vor dem Fernseher löffle ich sie in mich hinein in Gesellschaft einer Serie, bei der ich längst vergessen habe, um was es geht. Doch sie lenkt mich von meinen Gedanken ab, also schaue ich weiter.

Ich nicke ein und als ich wieder aufschrecke ist es weit nach Mitternacht. Der Fernseher läuft noch immer. Ich greife nach der Steuerung und schalte ihn ab. Die Wohnung verfällt ins Dunkel. Ich bin munter und müde zugleich. Schlafen kann ich nicht, doch wach sein fühlt sich auch unmöglich an. Ich nehme den Schlüssel vom Haken und verlasse barfuß die Wohnung.

Achtzehnter Stock. Brüstung. Ich stehe wieder hier und schaue in die mondlose Nacht. Alles ist still. Keine Wolke verhängt den Himmel. Ein leichter Wind weht und spielt mit den Blättern der Bäume. Unter mir fährt ein einsames Auto über die Straße, bleibt an der Ampel stehen und fährt wieder ab. Die Welt zu meinen Füßen sieht so klein aus, so unerreichbar, so fern. Der Wind fängt sich in meinem Oberteil. Ich greife mit der Hand an die kühle Hauswand, um Halt zu finden. Ich fühle nichts und doch alles. Fühle die Last, die immer mehr zunimmt. Ich könnte loslassen, einfach so. Loslassen, es enden. Jetzt. Ein Schritt nur. Nur ein Schritt. Nur ein …


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