Rot ist doch schön

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Autorin:
Lucia Zamolo

Darum geht’s:
Vulvas, Blut, Tampons & Binden, Schmerzen, Vorurteile und lauter so saueklige Sachen, die mit der Menstruation zu tun haben.

Meine Meinung:
Das Tolle an meinem neuen Job ist nicht nur die Arbeit an sich und die tollen Kollegen, es sind auch all die Bücher, die ich jeden Tag entdecken kann, sei es in Vorschauen, in unseren Buchhandlungen oder in den ewig wachsenden Stapeln von Leseexemplaren, die uns die Verlage schicken. Unter den Leseexemplaren fand ich auch Lucia Zamolos kleines rotes Buch, das im Bohem Verlag erschien.

Dieses Buch zeigt den vorherrschenden Tabus über die Menstruation, und damit einem natürlichen Bestandteil der humanen Biologie, den 50 Prozent der Weltbevölkerung mindestens einmal im Monat ertragen, gekonnt den Stinkefinger (nennen wir ihn doch einfach mal beim Namen) und gibt allen Mädchen da draußen, die ihre erste Periode noch vor sich haben, sie gerade durchmachen, oder schon seit ein paar Jahren damit rumquälen einen Ratgeber an die Hand, der Mut macht, hilfreiche Tipps bereit hält und als Erstaufklärung zur Hand genommen werden kann. Daneben bietet das Buch eine stattliche Sammlung an männlichem Humbug,  Vorurteilen und Meinungen sowie Ängsten, die Frauen vor uns, und teilweise auch noch wir und Frauen in weniger wohlhabenden Ländern über sich ergehen lassen müssen.

Neben dem Text, der übrigens handgeschrieben wirkt und einige gestrichene Wörter beinhaltet, untermalen Illustrationen die Fakten und Tipps des Buches. Diese entstanden in einer Mischung aus Buntstiftzeichnungen und Collage-Technik. Dabei orientieren sie sich nicht unbedingt an der Mainstream-Optik, sind aber, wie ich finde, durchaus passend für das Thema des Buches, denn das ist für viele ebenso unbequem wie an manchen Stellen die Ästhetik der Illustrationen.
Versteht mich bitte nicht falsch, ich sage damit nicht, dass die Illustrationen in irgendeiner Weise hässlich, oder künstlerisch primitiv sind. Im Gegenteil. Ich glaube einfach, dass für manche Betrachter diese einfach abschreckend wirken, weil sie nicht der gewohnten Ästhetik entsprechen und manche ihren Töchtern oder sogar Söhnen dieses Buch deswegen nicht kaufen werden (oder aber Jugendlichen gerade deswegen nicht zu diesem Buch greifen) und ich finde es schade, dass sie deshalb ein tolles Buch verpassen oder einer potenziellen Leserin vorenthalten werden, die vom Wissen darin profitieren könnte.

Das Buch bietet neben Tipps, wie man Regelschmerzen reduzieren kann, am Ende auch Empfehlungen für biologische Hygieneprodukte und nennt zwei Anbieter, unter anderem The Female Company. Dieses Stuttgarter Unternehmen fügt zu ihrem Starterset für Mädchen, die zum ersten Mal die Regel bekommen, auch eine Ausgabe des Buches (als 50-seitige Broschur) hinzu. Ähnlich wie Lucia Zamolo steht auch diese deutsche Firma für die Enttabuisierung der Periode und aller Themen, die damit zusammenhängen und in den letzten zwei- bis wer weiß wie vielen tausend Jahren als nicht salonfähig und saueklig galten. Wem das Buch gefällt, dem sei deshalb auch das Magazin (The Vulva Mag) und die Produkte von The Female Company empfohlen (und deren cooles Tampon Book, das ich euch demnächst auch vorstellen werde).

Ich mag dieses mutige und freche Buch sehr und wünschte, so etwas auch in meiner Jugend gehabt zu haben. Auch wenn in meiner Familie offener darüber gesprochen werden konnte, als in vielen anderen Haushalten, habe ich mich selten getraut, wirklich Fragen zu diesem Thema zu stellen, denn irgendwie fühlte dieses Thema sich immer verrucht und verboten an. Ich hasse es, dass ich mich für etwas so natürliches wie die Periode schämen soll und mein Tampon nicht offen durchs Büro tragen kann, sondern im Kopf eher hundert Varianten durchgehe, wie ich es unauffällig aus der Tasche in die Hosentasche befördern kann, um es dann den ganzen Weg zur Toilette panisch zu umklammern, dass es ja nicht runter fällt und es jemand entdeckt. Das ist so irrational und klingt so lächerlich, wenn ich es jetzt niederschreibe, aber leider habe ich mich oft genug schon so aufgeführt.

Bücher wie dieses und Unternehmen wie The Female Company kämpfen dafür, dass unsere Töchter und Enkelinnen und all die Generationen nach ihnen sich nicht mehr dafür schämen müssen, zu menstruieren, und offen darüber sprechen können. Doch damit dies real werden kann, ist es an uns, dieses Thema, so blutig es auch sein mag, aus der Tabuzone zu verbannen und offen darüber zu sprechen.
Ich menstruiere und schäme mich ab heute nicht mehr dafür. Ja, die Periode ist für manche (mich eingeschlossen) von uns nichts, worauf wir uns freuen und bedeutet Bauchkrämpfe und in meinem Fall auch Übelkeit, Kopfschmerzen, Durchfall und jede Menge Pickel. Und ja, das klingt saueklig, aber so ist es nun einmal. Klar nervt es mich, dass es mir einen Tag im Monat so schlecht geht, dass ich nicht arbeiten kann, aber wir haben zumindest die Möglichkeit, Hygieneprodukte zu nutzen und unsere Gesellschaft ist aufgeklärt genug, uns nicht mehr für die monatlichen Blutungen zu verteufeln. Dafür bin ich dankbar, denn ich weiß, wie viele Frauen in anderen Ländern noch immer genau darunter leiden und wie viele Mädchen nicht in Schulen gehen, weil sie sich schämen oder von Männern und oft übrigens auch den eigenen Müttern, Tanten und Großmüttern davon abgehalten werden, weil die Menstruation als etwas Unreines gilt und Männer mit dem Anblick nicht behelligt werden können (diese Memmen sollen sich mal zusammen reißen – was denken die, wo Babys herkommen).

Wer sich mehr für das Thema von Mädchen in anderen Ländern und deren veränderte Situation interessiert, wenn ihre Menstruation einsetzt, und wie Frauen mittlerweile gegen diese Vorurteile Initiative ergreifen, dem sei die Dokumentation Stigma auf Netflix empfohlen, die Frauen in Indien auf ihrer großartigen Mission begleitet.

Übrigens, ich wurde von keinem der oben genannten Unternehmen bezahlt, sie und ihre Produkte zu empfehlen – ich tue das, weil ich teilen möchte, was sie produzieren (und das gilt auch für alles andere auf meinem Blog) und weil ich denke, dass mehr Menschen von ihnen Kenntnis haben sollten. Wenn auch nur einer von euch über meinen Beitrag nachdenkt und vielleicht eines der Bücher oder der anderen Empfehlungen googlet, die ich empfehle, dann ist mein Job schon getan, nämlich Awareness schaffen.


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