Die drei Stufen des Coverwahnsinns

Meinem Umfeld ist es bereits schmerzlich bewusst, und dennoch muss ich es hier wohl noch einmal erwähnen, um die Umstände dieses Beitrages (und vermutlich auch Zukünftiger) zu erklären. Gerade schreibe ich meine Masterarbeit zum Thema Buchcover, was soviel bedeutet, wie ich rede über nichts anderes, ich sehe nichts anderes mehr und jeder der mit mir unterwegs ist, muss mit mir einen Umweg durch den Buchladen machen, wo ich erstmal die nächsten drei Stunden beschäftigt bin.

Und wie es sich mit jedem guten Studienthema verhält, für das man echtes Interesse aufbringt, statt nur die nötigen Zeichen zusammenzukratzen, um zu bestehen, fallen viele Themen unter den Tisch, die man eigentlich gerne unterbringen wollte. Sei es nun, weil das Thema plötzlich zu ausufernd würde (ist mir gerade erst passiert) oder, wie in diesem Fall, es absolut nicht unter den Deckmantel der Wissenschaft gehört. Würde ich Psychologie studieren, könnte man es vielleicht tatsächlich als Thema durchbringen, als einfache Kunstgeschichtsstudentin habe ich allerdings nur in der Theorie mit psychisch Kranken zu tun oder besser gesagt, während die Psychologen versuchen, ihre Patienten zu therapieren, brauchen wir Kunsthistoriker unsere Patienten so therapielos wie möglich. Aber ich schweife ab.

Heute geht es auch um verschiedene Formen des Wahnsinns, allerdings um die verschiedenen Stadien, die sich bei Leuten zeigen, die ihre Bücher auf ästhetischer Grundlage beurteilen. Genauer gesagt ,gibt es drei Stufen, auf die ich nun genauer eingehen möchte.

Stufe 1 (grüner Bereich): Der Coverkäufer
Wir alle haben mal unsere Phasen, in denen wir uns dazu hinreißen, ein Buch zu kaufen, was uns vor allem optisch anspricht. Und das ist auch ganz normal, ist das Cover doch einer der größten Käufermagnete und wird dementsprechend in Szene gesetzt, um möglichst viel Aufmerksamkeit von der richtigen Zielgruppe zu bekommen. Das Erste, was ich an einem Buch sehe, ist das Cover. Von da aus entscheide ich, ob ich das Buch in die Hand nehme und ihm mehr Aufmerksamkeit widme. Gefällt mir der Klappentext und weckt der Gesamteindruck mein Interesse genug, kaufe ich es.
Coverkäufer stehen dabei im Gegensatz zu den Konsumenten, deren Augenmerk eher auf Autoren liegt oder den Bestsellerlisten.
Ein wenig extremer, aber immer noch harmlos ist die Sorte Coverkäufer, der den ein oder anderen Blindkauf auf dem Cover basierend macht und erst während des Lesens feststellt, ob das Buch was ist. Kann funktionieren, muss aber nicht. Ich rede aus Erfahrung.

Stufe 2 (gelber Bereich): Der Coverleser
Hier wird es schon ein wenig seltsamer. Der Coverleser setzt zum Coverkäufer nämlich noch einen drauf. Ähnlich wie der Coverkäufer lässt er sich jedoch nicht nur im reinen Kaufverhalten von Covern beeinflussen, sondern passt sein Leseverhalten darauf an. Bei mir passiert es zum Beispiel, dass ein Cover mich an ein anderes Cover erinnert. Während ich also ein Buch lese, schweife ich gedanklich bereits zu Büchern mit ähnlichen Covern und kann es meist nicht mehr erwarten, das andere Buch zu lesen. So lese ich mal schnell einen Monat nur blaue Bücher oder ein anderes Mal drei Bücher hintereinander, die alle ein Blumenmuster tragen.
Hierfür ein Beispiel: Immer wieder greife ich gerne zu den Harry Potter-Bänden. Fange ich mit dem ersten Band an, haben wir in der ersten Bloomsbury Edition Harry mit dem Hogwartsexpress abgebildet. Der Zug erinnert mich an Der Polarexpress und spätestens nachdem Harry auf dem Gleis 9 3/4 steht, liegt das Buch auch schon auf meinem Stapel ganz oben. Vom Polarexpress lande ich wegen des fallenden Schnees gedanklich plötzlich bei japanischen Kirschblüten, die genau wie Schnee aussehen. Und schon muss ich an dieses Cover denken, was ich letztens im Buchladen gesehen habe. Wie hieß es noch gleich? Ach ja, 64 von Hideo Yokoyama. Während ich mich also eigentlich wieder in Weihnachtsstimmung lese, ertappe ich mich dabei, wie ich mich über das Buch informiere. Ein schwacher Moment im nächsten Buchladen und das neue Buch bringt meinen SUB gefährlich zum Schwanken. Aber war da nicht noch was anderes auf dem Cover von 64? Stimmt, eine Skyline. Und unwillkürlich wandert mein Blick zur City of Bones– Reihe (man kann über die Bücher sagen, was man will, aber die Cover sind in beiden deutschen Ausgaben mehr als gelungen). Seufzend ergebe ich mich bereits und während ich alten Teeniesünden fröhne und ich mich frage, was ich damals eigentlich für einen Buchgeschmack hatte, fasziniert mich die symmetrische Anordnung mit den Säulenornamenten immer mehr und die Fabelwesen im unteren Coverteil sehen schon ein klein wenig wie Hippogreife aus, oder …?
Ihr seht, der Coverleser lebt in seiner eigenen Blase, in der Bücher farbig sortiert werden, Reihen um jeden Preis stilistisch übereinstimmen müssen und alles danach getacktet wird, welches Cover einen gerade anspricht.

Stufe 3 (roter Bereich): Der Coverfetischist
Wenn ihr dachtet, der Coverleser sei bereits ein Extrem, wartet erst einmal ab, was es über den Coverfetischisten zu erzählen gibt. Wie heißt es so schön? Schlimmer geht immer.
Dem Coverfetischisten ist es nämlich egal, was es für Bücher sind, ob ihn der Inhalt interessiert oder nicht, denn es zählt nur eins: Das Cover (oder im weiteren Sinne, die Kunst des Buches allgemein, wozu auch Schnittverzierung, Illustrationen und Vorsatzpapier gehören können.) Für den Coverfetischisten werden keine Bücher gekauft sondern Kunstwerke. Das Bücherregal zu Hause ist ein Museum und ausgestellt wird im Stile der Petersburger Hängung. Natürlich wird auch noch gelesen, aber sollte einmal ein gutes Buch auch ein gutes Cover besitzen, muss ein zweites Exemplar besorgt werden. Eines zum Lesen, eines zum Konservieren. Wenn es nach dem Coverfetischisten ginge, gehören Buchumschläge in versiegelte Schutzhüllen, die bestmögliche Bedingungen bieten und in Schränken so aufbewahrt werden, dass kein Licht die empfindlichen Farben ausbleichen könnte.
An dieser Stelle mag ich vielleicht ein wenig übertrieben haben, aber es geht ums Prinzip und einige Cover sehen halt auch einfach wunderschön aus und würden sich richtig gut im Bücherregal machen oder etwa nicht?

Bevor, die Frage aufkommt: Nein, ich sehe mich noch nicht im roten Bereich. Ich denke, ich pendle irgendwo im gesunden orangeroten Bereich vor mich hin und wenn ich mich selbst dabei ertappe, wandere ich auch manchmal gerne wieder verschämt in den grünen Bereich zurück.
Und wie sieht es bei euch aus? Kommen euch bestimmte Verhaltensmuster bekannt vor oder habt ihr eigene Geschichten zu erzählen?

Alles Liebe,
Anna


4 Gedanken zu “Die drei Stufen des Coverwahnsinns

  1. Unheimlich amüsanter Beitrag! Weil ich mich selbst quasi noch unterhalb des grünen Bereiches befinde und schon froh bin, wenn ich in meinen Regalen nach einem Buch suche und mich an die Farbe des Einbands noch erinnern kann, fand ich diese Einteilung mit ihren Abstufungen wirklich spannend 🙂

    Alles Liebe

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  2. Cover- und Titelkäufer wobei auch der Autor eine Rolle spielt. Ja, und ich gebe es zu, mit leichtem Hang zum Coverfetischisten. Wobei ich jedes Buch nur einmal habe und die Bücher durchaus gelesen aussehen dürfen (Knicke im Buchrücken usw.). Kaufe fast nur gebrauchte Bücher und achte dabei sehr auf die Ausgabe, damit das Cover zu den anderen Büchern aus der Reihe/des Schriftstellers, die ich bereits habe, passt … Schöner Beitrag. LG

    Gefällt 1 Person

  3. Das ist ja ein interessanter Beitrag. Ich zähle hier ganz klar zur grünen Stufe und das mit vollem Herzen. Die gelbe Stufe habe ich bei mir noch nie fest gestellt, ist aber mal eine witzige Beobachtung. Da achte ich jetzt, wo ich deine Gedanken dazu gelesen habe, in Zukunft vielleicht drauf. 🙂
    Die rote Stufe werde ich vermutlich nie erreichen, Bücher müssen gelesen (und geliebt) werden, da bringt es nichts, wenn sie hübsch aussehen & verstauben 😀

    Liebst, Lara.

    Gefällt 1 Person

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