Das Geheimnis des Vollmonds

Warmes Sonnenlicht fiel durch das kleine, krumme Fenster und wirbelte winzige Staubpartikel in der Luft auf. Gemächlich wanderte das Licht über den dunklen Holzboden. Die Bretter ächzten ihren Gruß, wenn die Sonne sie auf ihrem Weg durch die kleine Dachkammer bedachte. Sie zog über Kisten und Kartons, die unter ihrer Last in all den Jahren zu schiefen Türmen zusammengesunken waren. Die Strahlen betasteten jede Stelle, die sie erreichen konnten, fuhren über fast verblichene Schriftzüge, spielten mit Staubwirbeln und liebkosten die längst vergessenen Sammelsurien, die sich mit all dem Tand hier angesammelt hatten.
In den Ecken, die die Sonne nicht erreichte, hatten eifrige Spinnen ihre Spuren hinterlassen und ihre filigranen Netze gesponnen. In Gedanken vertieft thronten sie in den Zentren ihrer Meisterwerke und träumten von ihrer Beute, von kleine Fliegen, die sich hier in diesen vergessenen Raum verirrten und in den Netzen verfingen. Die Spinnen würden sterben, bevor ihr Traum wahr würde, doch das wussten sie nicht. Noch waren sie voller Hoffnung, noch wippten sie gedankenverloren in ihren Spinnennetzen vor sich hin.
Auf ihren letzten Zentimetern wanderten die Strahlen der Sonne über eine alte staubige Truhe, deren Schloss verloren gegangen war. Sie stand einen Spalt breit offen, doch so sehr die Sonne versuchte, einen Blick in die Truhe zu erhaschen, es gelang ihr nicht. Geplagt von ihrer Neugier musste sie ein weiteres Mal aufgeben und weiterwandern. Vielleicht hatte sie morgen mehr Glück. Vielleicht gelang es ihr dann, einen Blick hineinzuwerfen. Doch das Geheimnis der Truhe war nicht das Ihrige. Sie war nicht dazu bestimmt, es zu lüften.
Bald darauf verschwanden die Strahlen der Sonne aus dem kleinen Raum und ließen ihn wieder im Dämmerlicht zurück. Nichts rührte sich und nur das Rascheln der Blätter, die das dunstige Fenster streiften, und das Heulen des Windes über die Dachziegel durchbrachen die Stille. Die kleine Dachkammer schlummerte vor sich hin und bewahrte in ihrem Dornröschenschlaf ihre Geheimnisse, bis sie jemand erweckte.

Die Sonne ahnte nicht, dass die Truhe einmal im Monat ihr Geheimnis für jemand ganz besonderen lüftete. Sie ahnte nichts von der Magie, die hier in der kleinen Dachkammer fern aller Augen freigesetzt wurde. 

Kurz vor Mitternacht besuchte ein anderer mit seinem Licht den vergessenen Raum. Auch seine Strahlen durchwanderten den vergessenen Tand, auch er ließ die winzigen Staubpartikel aufwirbeln und die Bodenbretter aufächzen. Die kleinen Spinnen, die sich bei Tags vor der Sonne versteckt gehalten hatten, verließen ihre Netze und suchten sich einen Sitzplatz, von dem aus sie die Truhe genau im Blick hatten. Sie wussten von der Besonderheit dieser Strahlen, wussten, dass dem Licht des Vollmondes eine ganz eigene Magie innewohnte, von der die Sonne nichts ahnte.
Als das Licht des Vollmonds die alte Truhe berührte, öffnete sich lautlos deren Deckel und enthüllte ihr Inneres. Die Strahlen berührten liebevoll die Nadel eines alten Plattenspielers im Inneren, die sogleich auf die Platte sprang und nach einigem Knistern ein altes Klavierstück von sich gab. Und dann geschah, worauf der vergessene Raum und seine Bewohner so lang gewartet hatten.
Aus der Kiste erhoben sich zwei alte, mit zartrosa Seide bezogene Spitzenschuhe. Sie senkten sich auf den alten Holzboden und tanzten zur Melodie ihre Ode an den Mond. Sie wiegten sich zu den melancholischen Tönen, begleitet von den Staubpartikeln, die sie dabei aufwirbelten. Wie zwei Liebende umgarnten die beiden Schuhe umeinander, erzählten ihre Geschichte voller Sehnsucht und Hoffnung, voller Liebe und Schmerz. Könnten Spinnen weinen, hätte jedes der kleinen achtbeinigen Wesen Tränen in ihren vier Augenpaaren.
Mit den letzten Klängen des Liedes setzten beide Schuhe zu ihrem Finale im Licht des Vollmondes an und vollführten ihre letzte Pirouette. Die Musik endete, die Nadel hob sich von der Platte zurück in ihre Ausgangsposition. Die zartrosa Seidenschuhe hielten inne und schwebten behutsam zurück in ihre Truhe, deren Deckel sich unter der letzten Berührung des Vollmondes mit einem Seufzen schloss.
Das Licht des Mondes verschwand und mit ihm die Magie, die diese kleine Dachkammer für einen Moment aus ihrem Schlaf geweckt hatte. Die Spinnen krochen zurück in ihre filigranen Netze, nichts ahnend, dass dies das letzte Mal gewesen war, dass sie die Magie des Vollmondes miterlebt hatten. An ihrer Stelle würden neue Spinnen das kleine Wunder miterleben. Andere würden des Tags davon träumen, wenn ihre hungrigen kleinen Mägen nicht mehr an die nächste Beute denken wollten.
Die Stille senkte sich wieder über den kleinen, vergessenen Raum. Niemand außer seiner Bewohner würde je das Geheimnis des Mondes und der alten Truhe erfahren. Nicht einmal die Sonne.

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6 Gedanken zu “Das Geheimnis des Vollmonds

  1. Das ist toll, Reni! Liebevoll und schön geschrieben; auch die Personifizierung der Sonne und auch des Mondes ist sehr gut gelungen. Und so liebevoll, wie du über die Spinnen schreibst … ich könnte das so nicht … ich mag Spinnen nicht besonders und wenn ich eine drinnen entdecke, nehme ich ein Glas mit Schraubverschluss, wo ich sie hineinkrabbeln lasse und dann setze sie im Garten wieder aus. Dort stören sie nicht, aber im Zimmer muss ich sie nicht haben.
    Durch deine personifizierte Beschreibung bekommen sie niedliche, ganz sympatische Züge; man könnte ihnen nichts zuleide tun. Warum auch? Sie fühlen sich am Dachboden, in ihrem Revier wohl und stören niemanden. Lassen wir sie einfach weiterleben!
    Eine stimmige, zauberhafte Geschichte – mir gefällt sie!

    Liebe Grüße
    Sella

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