Du bringst mein Leben ganz schön durcheinander

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Autorin:
Claire Christian

Darum geht’s:
Ein schüchterner Junge, ein temperamentvolles Mädchen, Depression, Ängste, Trauer und Poesie.

Meine Meinung:
Du bringst mein Leben ganz schön durcheinander ist das zweite Buch, das ich als Leseexemplar von Thienemann-Esslinger erhalten habe. Anders als bei Lory-X, auf das ich mich echt gefreut habe, dann aber sehr enttäuscht von der Qualität des Buches war, habe ich diesem Buch ein wenig zwiespältig entgegen gesehen. Ich kannte den Hype, der um dieses Buch auf Bookstagram gemacht wurde und war neugierig auf das Buch. Andererseits, und das habt ihr vielleicht schon gemerkt, mache ich einen großen Bogen um Bücher, deren Liebesgeschichte nach Klischee schreit. Für mich gehörte dieses Buch dazu (Mädchen und Junge lernen sich in Nebenjob kennen, er schüchtern, sie beliebt,  aus Freundschaft wird Liebe …. bla bla bla), doch irgendwas in mir wollte, das ich dem Buch eine Chance gebe. Und ich bin froh, dass ich es tat.

Ich kann mich nicht erinnern, dass mich ein Buch jemals an so vielen unterschiedlichen Stellen zum Weinen gebracht hat. Manchmal heule ich am Ende (Screw you Ein ganzes halbes Jahr) oder an bestimmten Stellen im Laufe des Buches (wenn Dumbledore stirbt, Fred stirbt, Hedwig stirbt, Dobby stirbt, Primrose stirbt, Tris stirbt … wieso müssen immer so viele geliebte Figuren sterben?). Claire Christians Roman jedoch ließ meine Tränen an den kleinen, emotionalen Szenen fließen, die so wunderschön waren, so besonders und so intim.

Wir begleiten die beiden Hauptfiguren durch ein sehr emotionales Jahr in diesem Buch. Ava hat ihre beste Freundin verloren (Kelly beging Selbstmord) und muss damit klar kommen, zurück gelassen worden zu sein. In ihrer Trauer trifft sie immer wieder falsche Entscheidungen und hat in all dem Chaos das Gefühl, mit Kellys Tod auch sich selbst verloren zu haben. Gideon ist depressiv und lebt mit Angstzuständen. Die letzten Jahre waren hart für ihn, doch langsam wird es besser, dank seines Therapeuten, seiner Freunde und seinen Gedichten, die er selbst schreibt und bei Poetry-Slams vorträgt. Aus beiden Teenagern werden erst Arbeitskollegen, dann Brieffreunde, dann Freunde und irgendwann entdecken sie, dass sie mehr für einander empfinden. Doch Ava fängt gerade erst an, ihre Trauer zu verarbeiten und traut sich nicht, ohne Kelly glücklich zu sein.

Das Buch ist ehrlich und ohne klassisches Liebesroman-Happy-End, was ich echt begrüße. Es fokussiert sich auf die Unterstützung, die die beiden Jugendlichen sich geben, schließt aber auch ihr Umfeld nicht aus. Die Autorin nimmt Depression und Trauer sehr Ernst in dieser Geschichte und zeigt, dass es keine Schande ist, um Hilfe zu bitten und zur Therapie zu gehen. Ich fand es toll, dass sie auch erwähnte, dass man manchmal mehrere Therapeuten besuchen muss, bis man den Richtigen für sich findet, schließlich soll man sich wohl bei dieser Person fühlen, der gegenüber man sich öffnet.

Der Schreibstil und die Ich-Perspektive der beiden Figuren lassen einen als Leser mit beiden in engen Kontakt treten. Wir erleben ihre Höhen und Tiefen mit, dürfen hinter die Fassade schauen und erfahren, wie überwältigend die eigenen Gefühle für die beiden sind. Dass beide ihre Fehler haben, falsche Entscheidungen treffen und sich selbst und andere damit verletzten, lässt sie noch realer und intimer werden für uns Leser. Und ich glaube, genau deshalb hat mich dieses Buch so oft zu Tränen gerührt (bzw. in der S-Bahn heulen lassen – danke vielmals). Das Buch ist so ehrlich, dass ich mich in vielen Situationen selbst wiedererkannt habe und genau wusste, wie sich die beiden fühlen und wie überwältigend Depression sein kann. Zu sehen, dass es den beiden ebenso geht wie einem selbst, aber auch dass sie es überleben und es ihnen irgendwann besser geht, gibt einem Hoffnung.

Mein liebstes Zitat aus diesem Buch stammt von Gideons Therapeut Robbie:

„Weißt du, was die Japaner über zerbrochene Dinge sagen?“ Robbie sieht mich an. „Kintsukuroi nennen sie sie. Sie nehmen die Porzellanscherben und flicken die Sprünge mit Gold. Sie stellen das her, was war, aber auch etwas Neues. Sie glauben, dass Sprünge eine Sache schöner machen können, wertvoller.“
(Seite 184, 1. Auflage 2019)

Ich liebe dieses Zitat. Es lässt mich lächeln und ich mag den Gedanken, so über mich zu denken. Trotz Depression kann das Leben schön sein. Wichtig ist, dass man sich ihr nicht ergibt, sondern aktiv versucht, sich immer wieder selbst zu reparieren.

 

Claire Christians Buch ist wunderschön und besonders und absolut lesenswert. Es setzt die kleinen Momente in Szene, zeigt, dass diese fast immer mehr zählen als die Großen und Lauten. Das Leben ist nicht immer einfach, aber wenn man Hilfe sucht und sich mit Menschen umgibt, die einem gut tun, kann man alles meistern.

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