Lory-X: Das Spiel Ihres Lebens

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Autoren:
V.T. Melbow

Darum geht’s:
Fünf Gamer, ein Virtual Reality Game und das Spiel um ihr Leben.

Meine Meinung:
Ich habe dieses Buch als Leseexemplar vom Thienemann-Esslinger Verlag erhalten und in den letzten Tage lange überlegt, wie ehrlich ich in dieser Rezension sein soll (wenn ihr meinen Montagsbeitrag diese Woche gelesen habt, dann wisst ihr jetzt schon, warum). Das Buch stand schon eine ganze Weile auf meiner Wunschliste, da mich Themen wie Gaming in Romanen sehr faszinieren und ich vor allem von WarCross sehr begeistert war. Lory-X klang ähnlich und auch das Cover strahlte mich verführerisch an. Als mich Thienemann also fragte, welche Bücher ich aus dem Sortiment lesen möchte, stand dieses Buch ziemlich weit oben.

Der Roman fängt mit dem Ende an, einem kleinen Ausblick auf die Handlung (der leider nicht mehr aufgenommen wird und so ziemlich in Vergessenheit gerät). In den folgenden Kapiteln folgen wir Lory (einer 17-jährigen High-School-Abbrecherin, die unbedingt professionelle Gamerin werden möchte) auf die Y5 (eine GamesCon in L.A.). Sie wird mit vier anderen Gamern eingeladen, ein neues Virtual Reality Game der Firma Nameda zu testen. Doch Nameda verdeckt ein perfides Geheimnis, welches natürlich im Laufe der Handlung aufgedeckt wird.
Die Vision der Autoren klingt in der Theorie toll und das Videospiel, das die Fünf testen dürfen, basiert auf einer coolen Idee. Doch damit habe ich schon alles zusammengefasst, was ich an diesem Buch gut fand. Glaubt mir, ich wünschte es gäbe mehr, aber ich habe schon lange kein so schlechtes Buch mehr gelesen. Im Folgenden werde ich euch meine Gründe für diese Meinung aufzählen. Ihr könnt selbst entscheiden, ob ihr mit diesen leben könnt, denn wenn man sich so auf anderen Rezensionsportalen umschaut, erhält das Buch die unterschiedlichsten Wertungen, von denen aber viele auch sehr positiv ausfallen.

Gleich vorweg noch eine kleine Anmerkung: Die letzten Bücher, die ich gelesen habe, hatten alle feministische Hintergründe (wie ihr in meiner Leseliste sehen könnt). Das meine Meinung von diesen auch beeinflusst wurde, ist also nicht auszuschließen, bzw. fest anzunehmen.

(Ich entschuldige mich schon mal im Voraus für die vielen „natürlich“ – seht einfach darüber hinweg. Hier noch eine Warnung für Leichtgläubige: Die unten stehenden Gründe enthalten Ironie. Medizinische oder sicherheitstechnische Ratschläge bitte nicht ernst nehmen!)


Gründe, warum Lory-X nicht gut ist:

  • Anti-Feministisch: Damit meine ich nicht nur das ständige Erwähnen von „Frauen/Mädchen können keine Gamerinnen sein“, sondern auch die Reduzierung der Gamerin Anastasia auf ihr Äußeres (keine Beschreibung dieser Figur ohne „sexy Dunkelhaarige“, „ziemlich attraktive Schwarzhaarige“…) und die des Love-Interests Tyler (der natürlich nicht nur einen „geilen Hintern“ hat, sondern auch eine Shirtless-Szene bekommt … nicht zu vergessen, dass er natürlich unglaublich „hot“ aussieht, wenn er schwitzt). Jeder männliche Charakter muss natürlich auch Anastasia von oben bis unten abchecken, wenn er sie zum ersten Mal sieht. Und Tyler wird natürlich von allen angehimmelt und seine weiblichen Fans stehen im Publikum nur bekleidet mit rosa BHs.
    Hinzu kommt, dass Lory natürlich Anastasia hassen muss, weil die beiden in Konkurrenz um das Herz von Tyler (der eigentlich das totale Arschlosch gibt, sorry – ich meine natürlich den Bad Boy) stehen. Außerdem setzt Lorys Gehirn immer genau dann aus, wenn Tyler sie berührt oder er gerade eine Bewegung macht – und das auch mitten im Kampf um Leben und Tod. Muss ich noch mehr sagen?
  • Klischees: Gamer sind dick und tragen Hornbrille, oder vollkommen heiß. Gamerinnen verkaufen in ihren Videos vor allem ihren Körper. Jeder männliche Gamer hält Gamerinnen für unfähig. Asiatische Gamer beherrschen asiatische Kampfkünste und die Ruhe tibetischer Mönche. Russen arbeiten für den Geheimdienst und sind natürlich Hacker. Rothaarige, junge Kellner haben Pickel und sind schüchtern (ganz zu schweigen davon, dass sie natürlich zurückgeblieben sind). Die Security nimmt an, dass man Terrorist ist. Ach ja, und Cosplayer haben auf einer GamesCon nichts zu suchen. Und das sind nur einige Beispiele der oftmals fast schon rassistischen Klischees, die in diesem Buch bedient werden.
  • Gamer sind körperlich genauso fit, wie ihre Avatare: Alle fünf Gamer, die hier die Handlung tragen, spielen hauptsächlich am Bildschirm. Darin sind sie exzellent. Ihre Avatare sind durchtrainiert und können mit den kompliziertesten Waffen umgehen (zB. einer mit Diamanten besetzten Peitsche – fragt nicht). Es ist natürlich absolut logisch, dass die Gamer diese Fähigkeiten auch selbst besitzen und anwenden können, wenn sie plötzlich das Virtual Reality Game spielen. Absolut logisch …
  • Keine Backstory zu Nebencharakteren: Als Leser erhält man in diesem Buch nur Backstories zu der Hauptfigur Lory, dem Love-Interest Tyler (obwohl diese auch voller Plotholes ist) und Anastasia (schließlich muss sie natürlich eine echte Konkurrenz für Lory sein und schon viel geleistet haben, damit Lory sich so richtig minderwertig fühlt). Über die anderen beiden Gamer erfahren wir nicht wirklich etwas, was ich echt schade fand, da gerade diese beiden die sympathischsten für mich waren. Da das aber noch immer ein weit verbreitetes Problem ist, drücke ich bei diesem Punkt ein Auge zu.
  • Wenn man reich ist, besteht alles aus Gold oder Mamor. Und wenn man in L.A. lebt, geht man natürlich nur in die hippsten Bars und Pubs und arbeitet in schicken Großraumbüros in den angesagtesten Nachbarschaften. Und man lebt natürlich nur in Loft-Apartments mit privatem Aufzug und einem Mega-Ausblick über Los Angeles. Wenn das Leben nur so einfach wäre …
  • Crush: Das ist nicht nur die Bezeichnung für eine einseitige Verliebtheit, nein … es ist auch der Name von Lorys erstem Freund. Ich sag einfach nix …
  • faszinierender Flugzeugunfall (Achtung Spoiler): Tyler ist natürlich ein Vollwaise (soll ja besonders sexy sein und ist gleichzeitig eine hervorragende Ausrede, sich wie ein Arschloch, sorry, ich meine natürlich Bad Boy, benehmen zu dürfen). Seine Eltern starben bei einem Flugzeugunfall. Sein Vater hatte einen Herzinfarkt im Cockpit und um das Leben seiner Mutter und sich selbst zu retten, übernahm Tyler kurzerhand das Steuer (er ist schließlich Gamer und hat genügend Pilotensimulations-Games gespielt und verfügt damit über ausreichend Erfahrung). Er legte eine Bruchlandung hin, bei der er sich nur ein paar Rippen brach und mit einer Gehirnerschütterung davon kam (und dass, obwohl er nicht angeschnallt war). Seine Mutter jedoch wurde samt Sitz aus dem Flugzeug katapultiert und starb sofort. Was lernen wir daraus: Schnall dich niemals an, sonst stirbst du, wenn der fest verbaute Sitz aus dem Gefährt geschleudert wird. Ist ja auch logisch. Lernt man schon im Kindergarten …
  • stabile Rückenlage: Ihr habt richtig gelesen! Wenn jemand einen Epilepsie-Anfall bekommt, sollte man die Person natürlich nicht mehr in die stabile Seitenlage positionieren, damit sie nicht an ihrer eigenen Zunge, dem Speichel oder sonstigen Flüssigkeiten erstickt. Nein, das ist schon längst aus der Mode. Dreht diese Person einfach auf den Rücken und wartet, bis der Anfall vorüber ist. Macht schließlich viel mehr Sinn.
  • Schreibstil: Das Buch ist in Ich-Perspektive geschrieben, was ja nicht schlecht ist. Viele gute Bücher nehmen diese Erzählperspektive ein, sei es Hunger Games, To All the Boys I’ve Loved Before oder How To Be A Woman. Hat man es aber mit einer von sich selbst überzeugten, öffentlichkeitsgeilen, rassistischen High-School-Abbrecherin zu tun, wie es Lory ist, strotzt der Text nur so von Schimpfwörtern und unnötigen Superlativen. Der Schreibstil hat mich echt genervt und tut nicht wirklich etwas dafür, das man Lory sympathisch findet. Wäre dieses Buch nicht ein Leseexemplar gewesen, hätte ich es nach spätestens der zweiten Seite weggelegt.
  • schlecht recherchiert: Kommen wir zu dem wohl größten Punkt meiner Gründe, warum dieses Buch schlecht ist: der Recherche. Das fängt schon damit an, dass die beiden Autoren immer wieder vergessen, in welchem Land ihre Geschichte spielt: der USA. Hier siezt man sich nicht (es gibt nur YOU) und wenn man unter 21 Jahre alt ist, kommt man weder in eine Bar, noch einen Pub, noch kann man dort Alkohol bestellen. Erst recht nicht darf man eine Leiche identifizieren, wenn man kein Angehöriger ist oder das Polizeipräsidium verlassen, wenn man unter Mordverdacht steht und die eigene Unschuld noch nicht bewiesen ist. Das lernt man alleine schon durch all die Serien und Filme, die auch in unseren Sendern und auf Streamingseiten ausgestrahlt werden.
    Und übrigens: Nur weil ein Raum die Form eines Doughnuts hat, heißt das noch lange nicht, dass man in einem Virtual Reality Spiels nicht gegen die Wand prallen kann. Ein fotografisches Gedächtnis beschränkt sich auf visuelle Wahrnehmungen – das heißt nicht, dass man sich plötzlich auch alle akustischen Informationen merken kann. Luzides Träumen ist ein Phänomen, dass in der REM-Phase im Schlaf vorkommt, nicht in Tagträumen. Außerdem sind Theta-Wellen im EEG  bei Erwachsenen  kein harmloses Anzeichen exzessives Tagträumen, sondern eher ein Anzeichen für Hirnstörungen oder sogar Hirnläsionen und sollten nicht als etwas völlig Harmloses, aber super Besonderes abgetan werden.
    Man kann all diese Fakten bereits auf den üblichen ersten Vorschlägen der Suchmaschinen im Internet nachlesen – nur so als Tipp.

 

Das Buch des Vater-Tochter-Duos liest sich wie ein erster Entwurf, den man so genial fand, dass er keiner Überarbeitung mehr bedurfte. Doch allein bei der Recherche hätten sie in Lory-X noch einiges an Arbeit stecken müssen. Ich zumindest habe mich beim Lesen veralbert gefühlt, so als hätte ich als Leser sowieso keine Ahnung. Warum dann Energie in so was zeitraubendes wie Recherche verschwenden.
Es mangelt bei diesem Buch nicht an Logikfehlern und Plotholes und der Schreibstil sowie die bedienten Klischees haben mich beim Lesen so sauer und aggressiv gemacht, dass ich mir mehrfach wünschte, ich könnte das Buch in die Ecke schmeißen und müsste es nie wieder anfassen (da es ein eBook war und ich mein iPad liebe, ging das aber leider nicht).

Am Ende hatte ich das Gefühl, die beiden Autoren haben sich das Thema Gaming nur gewählt, weil es gerade angesagt ist, nicht aber, weil sie die Szene kennen und lieben (ganz im Gegenteil). Die  Geschichte hatte so viel Potential, aber an der endgültigen Umsetzung haperte es gewaltig.

 

So gerne ich euch dieses Buch empfehlen würde – ich kann es einfach nicht (außer ihr sucht was richtig Trashiges für eine Bad Book Night mit euren besten Freunden). Wenn ihr über all diese Gründe hinweg sehen könnt, ist dieses Buch eventuell gar nicht schlecht, zumindest hat man die 360 Buchseiten schnell hinter sich. Seid ihr aber bis hierher mit dem Lesen meiner Rezension gekommen, tut es mir echt leid, denn ihr werdet meine Anmerkungen nicht mehr übersehen können, solltet ihr das Buch doch einmal zur Hand nehmen wollen.

 

Bücher aus dem Thienemann Verlag, die absolut lesenswert sind:

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3 Gedanken zu “Lory-X: Das Spiel Ihres Lebens

  1. Ich hab mir dazu sehr viele Gedanken gemacht, ob ich die Rezension überhaupt schreibe (am Ende ist ein ganzer Beitrag draus geworden), aber nicht drüber zu schreiben fühlte sich irgendwie falsch an. Loben kann ich dieses Buch nicht, aber am Ende liegt es immer noch am Leser, ob er dem Buch eine Chance gibt oder nicht.

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