La Siren

Er hörte das Glucksen des Wassers zuerst in seinem Traum. Hörte das Schlagen der Wellen gegen die hölzerne Bordwand und das seichte Plätschern von Gegenständen, die auf der Wasseroberfläche auf und ab tanzten. Nur schleppend dämmerte seinem Unterbewusstsein, dass er letzteres Geräusch nicht hören sollte. Erschrocken fuhr er hoch und wäre fast von der Bank gefallen, auf der er sich ausgestreckt hatte. Im letzten Moment griff er nach dem Bootsrand der Siren, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Sein noch verschlafener Blick wanderte über die unruhigen Wellenberge auf der Suche nach der Küste, doch nirgendwo entdeckte er den rettenden Landstrich.
Nun vollends wach tastete er nach dem Ankerseil, doch, wie er schon vermutet hatte, war keine Spannung darauf. Der Anker hatte Bodenkontakt verloren und das kleine Boot abtreiben lassen. Er holte den Anker ein, um nicht auch noch ihn zu verlieren. Seine Angel, die noch an der Bordwand lehnte, als er die Augen geschlossen hatte, war bereits verschwunden.
Wie viel Zeit war seitdem vergangen? Eigentlich hatte er nur ein wenig in der Sonne dösen wollen. Doch dabei musste er eingeschlafen sein. Statt der Sonne hingen über ihm grünliche und purpurne Wolken, die die Wellen anspornten sich ihnen entgegen zu recken. Einige Wellen waren gar so euphorisch, dass sie auch an Bord der Siren hüpften.
Des Mannes Hand glitt in das Wasser in seinem Boot auf der Suche nach den Rudern. Er verdrängte den Gedanken daran, dass er nicht wusste, in welche Richtung er zu rudern habe, um das Land zu erreichen. Einen Schritt nach dem anderen, dachte er sich, und nur nicht nervös werden. Er brauchte einen klare Kopf, wenn er dies lebend überstehen wollte.
Endlich fand seine Hand, wonach sie suchte. Während er mit der anderen weiter nach dem zweiten Ruder tastete, fädelte er das bereits Gefundene in die Halterung an der Bordwand. Gerade als seine Hand sich um das Zweite geschlossen und es aus dem Inneren des Bootes gefischt hatten, krachten die Wolken über ihm aneinander und das Ruder entglitt ihm in das offene Meer. Verzweifelt versuchte er noch, es zu erreichen, doch die Wellen hatten es schon mit sich gerissen und fortgetragen.
Ein weiteres Mal krachten die Wolken aneinander und erhellten in ihrer Freude den Himmel mit einen Lichtblitz. Dann brach die Wolkendecke auf und Regentropfen rasten auf dem Weg nach unten um die Wette, bevor sie vom Salzwasser des Meeres willkommen geheißen wurden.
Der Mann hakte das Ruder aus der Halterung und ließ das Ruderblatt ins Wasser gleiten. Er drückte das Wasser nach hinten, hob das Ruder über das Boot und wiederholte den Vorgang auf der anderen Seite. Links, eintauchen, durchziehen. Rechts, eintauchen, durchziehen. Erst die eine Seite, dann die andere. Er legte all seine Kraft in die Ruderzüge, doch so sehr er auch gegen die Wellen ankämpfte, die Siren ließ sich lieber mit ihnen treiben, statt sich gegen sie führen zu lassen. Die Wellen hatten Erbarmen mit dem kleinen Boot und entrissen dem Mann beim nächsten Krachen der Wolken auch sein verbliebenes Ruder.
Die Wellen umspielten die Siren, wiegten sie in ihrem Rhythmus und ließen sie tanzen. Sie sprangen in sie hinein, spielten Verstecken zwischen ihren Sitzbänken und kosteten die Beine des Mannes, der sich darin mit der einen Hand an der Bordwand festklammerte, mit der anderen einen kleinen Eimer nutzte, um die Wellen zurück ins Meer zu schöpfen.
Solange er im Boot blieb, solange war er sicher, dachte er. Er musste nur den Sturm überstehen, dann könne er sich Gedanken machen, wie er nach Hause käme. Ein Schritt nach dem anderen, sagte er sich im Kopf, und nur nicht nervös werden.
Doch er war nervös, wusste nicht, was er tun sollte, hatte Angst. Wenn er nicht eingeschlafen wäre … Wenn er nur auf das Bitten seines Sohnes gehört und ihn mitgenommen hätte … Doch er hatte seine Ruhe beim Angeln haben wollen. Ruhe, vor dem unerschöpflichen Redefluss dieses kleinen Jungen. Wie sehr wünschte er sich, er hätte ihn nicht zurückgelassen. Dann wäre er nicht eingenickt, hätte das Lösen des Ankers bemerkt, und das heraufziehende Unwetter. Rechtzeitig wäre er an Land gerudert, zurück an den rettenden Strand. Dann stände er jetzt dort und würde fasziniert dieses Schauspiel der Natur betrachten, statt verloren in einem Boot zu sitzen und im Hauptakt mitzuspielen.
Das Holz der Siren ächzte unter der Kraft der Wellen und würde ihr nur allzu gern nachgeben, doch die Nägel in den Blanken hielten sie gefangen. Der Mann verkeilte seine Beine unter den Bänken, krallte sich mit beiden Händen an die Bordwand des kleinen Bootes und bohrte seine Fingernägel in das Holz. Das Schöpfen des Wassers aus dem Inneren des Bootes hatte er aufgegeben, zu viel schwappte über den Bordrand, zu viel Wasser fiel vom Himmel. Über ihm tanzten die Blitze und krachten die Becken des Wolkenorchesters. Unter ihm brodelte die tiefgrüne See und reckte ihre Wellenberge immer höher gen Himmels.
Zwischen dem Crescendo des Sturms vernahmen seine Ohren noch etwas anderes, etwas Liebliches, Reines, etwas Unvergleichliches: Eine Melodie, süßer als alles, was er je gehört hatte und wohlklingender als von jedem Instrument, das er kannte. Sie erzählte von Sehsucht, versprach ihm Rettung und ein Ende seines Leids. Die Melodie webte ihn ein und er vergaß, wo er sich befand. Er vergaß die Wellen und den Sturm, vergaß die bedrohlichen Tiefen unter ihm und die Siren. Er wollte nur noch der Melodie folgen, wollte ihr nah sein, sie nie wieder verlieren.
Ohne es zu merken, hatte er sich über die Bordwand gelehnt, die Hände suchend nach der Wasseroberfläche ausgestreckt. Er sah eine heller werdende Lichtkugel, die größer wurde, je weiter sie aus den dunkelgrünen Tiefen aufstieg. Mit jedem Meter wurde die Melodie klarer, mit jedem Meter lauter und verführerischer. Er beugte sich noch mehr über den Rand, seine Finger durchbrachen die Wasseroberfläche und griffen gierig nach dem Licht, das sie doch nicht erreichen würden.
Eine Welle stieß gegen die Bordwand der Siren und half dem Schicksal des Mannes nach. Er verlor das Gleichgewicht und tauchte kopfüber unter. Die Melodie hieß ihn willkommen, umspülte ihn und zog ihn mit sich in die Tiefe. Ein letztes Mal holte er Luft, spürte das Wasser in seinen Lungen, versuchte zu husten, doch da war es bereits zu spät. Als letztes sah er messerscharfe Zähne, die sich auf ihn zubewegten, bevor er das Bewusstsein verlor und die Dunkelheit für immer von ihm Besitz ergriff.

 

Inspiration zu dieser Geschichte war der „365 Fünf – Minuten – Texte: 106“ von Schreiberlebentipps.

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