Reasons To Stay Alive

IMG_2901

Darum geht’s:

Dieses Buch handelt von Depression, davon, wie es ist, wenn sie mit voller Wucht auf einen einprallt. Matt Haig berichtet autobiographisch, wie er den Tiefpunkt erreichte, wie er gegen seine Dämonen kämpfte und wie schwierig es für ihn war, wieder zur „Normalität“ zurückzukehren. Es ist ein Buch, dass es eigentlich nicht hätte geben dürfen, denn mit 24 wollte Matt Haig nur noch eins: Sterben.

Hauptfigur:

Die Hauptfigur ist in dieser Biografie Matt Haig selbst, der von seinen schlimmsten Tagen berichtet. Mit 24 war er Student und im Urlaub auf Ibiza, als er eine Panikattacke bekommt und für mehrere Tage nicht mehr das Bett verlassen kann. Mit aller Wucht fällt die Depression über ihn ein, gepaart mit Angstzuständen. Als er endlich aufsteht, will er nur eins: Sterben. Doch er schafft es, sich im letzten Moment zu stoppen, entscheidet sich für das Leben. Mit der Unterstützung seiner Freundin erlebt er in den nächsten Jahren die schlimmsten Tage seines Lebens. Er berichtet von Tagen, in denen er ohne sie nicht das Haus verlassen kann, Tage, in denen er weinend zusammenbricht. Nur langsam kehrt die Hoffnung zurück, erst nur sekundenweise, dann für mehrere Momente.
Am Ende wird die Depression ein Begleiter, mit dem er lernt zu leben, einer, der ihn zu dem gemacht hat, der er heute ist. Ohne die Depression wäre er kein Autor, betont er, denn mit dieser Krankheit gibt es kein „trotz“, nur ein „weil“. Er wurde nicht Autor trotz Depression, er wurde es, weil er daran erkrankte.

Bechdel-Test:

Dieses Buch besteht den Bechdel-Test nicht. Zwar gibt es mehr als zwei weibliche Figuren im Buch, die einen Namen haben, doch unterhalten sich diese nicht. Beachtet man jedoch, dass dieses Buch eher eine Biografie ist, statt ein Roman, und die Hauptperspektive auf dem Autor und dessen Krankheit liegt, versteht man auch warum. In Reasons To Stay Alive berichtet er von sich und davon, wie die Menschen mit ihm in dieser Zeit umgegangen sind. Andere Erzählperspektiven sind nicht relevant für die Handlung und damit nicht vorhanden.

Meine Meinung:

Matt Haigs Buch Reasons To Stay Alive berichtet ungeschönt, wie es ist, mit Depression und Angstzuständen leben zu müssen. Ehrlich erzählt er von seinen Tiefpunkten, dem Selbsthass, der Unfähigkeit Hoffnung zu empfinden. Er beschreibt seine Angstzustände, wie es ist, wenn man nicht mehr alleine Butter kaufen oder nicht mal mehr alleine vor die Haustür treten kann.
Depression ist eine Scheißkrankheit! Doch das Schlimmste daran ist, dass viele Menschen immer noch denken, sie sei eben keine Krankheit, sei einfach nur eine Schwäche oder aber eine Ausrede, um Aufmerksamkeit zu erhalten. Dinge, die Nichtbetroffene zu depressiven Menschen sagen, würden sie nicht äußern, hätten sie sichtbarere Krankheiten. Niemand würde zu einem, der Krebs hat, sagen, dass er sich zusammenreißen oder nicht ständig darüber reden soll oder ihm unterstellen, er würde ja nur die Aufmerksamkeit suchen.
Selbstkritisch schreibt Matt Haig über seine Krankheit, fügt Kapitel ein, in denen er eine Konversation mit seinem damaligen Ich führt. Es gibt Kapitel, in denen er sachlich die Symptome von Depression nennt, Kapitel, die beispielsweise Kommentare aufzählen, mit denen man während dieser Zeit leben muss, sei es von Menschen denen man begegnet oder dem eigenen Kopf. Er gibt Gründe, warum man durchhalten sollte, warum es sich lohnt, nicht aufzugeben und stark zu bleiben, seine eigenen und die anderer Betroffener. Er zählt Dinge auf, die Angehörige für Betroffene tun können, um ihren Liebsten zu helfen, und Dinge, für die es sich lohnt am Leben zu bleiben.

Ich habe dieses Buch innerhalb von zwei Tagen verschlungen, konnte es nicht aus der Hand legen. Es ist immer wieder interessant zu lesen, wie andere mit dieser Krankheit umgehen, die so viele Gesichter hat und die jeder Erkrankte anders erlebt. Ich habe am eigenen Leib erfahren, wie es ist, die Tiefpunkte dieser Krankheit zu durchleiden, und wie schwer, wieder Licht zu finden. Allein schon deshalb finde ich dieses Buch so wichtig. Es erzählt Betroffenen und Außenstehenden, wie furchtbar Depression ist und macht diese durch seine Perspektive greifbar. Er verharmlost sie nicht, berichtet ehrlich und ab und an mit  Humor. Er gibt Betroffenen Mut und bietet Angehörigen eine Hilfe, diese Krankheit zu verstehen. Denn das ist Depression: Eine Krankheit, die rund ein Fünftel der Weltbevölkerung irgendwann in ihrem Leben durchleidet.

Er endet das Buch, indem er für sich alle Momente aufzählt, die er seitdem genossen hat, Momente, von der er am Anfang nie gedacht hätte, dass er sie jemals wieder erleben würde. Ich bin froh, über dieses Buch gestolpert zu sein. Es tut gut zu wissen, dass man nicht alleine ist mit dieser Krankheit, denn das ist die größte Gefahr. In den schlimmsten Phasen der Depression ist man selbstzentriert und kann nicht außerhalb des eigenen Kopfes denken. Dazu hat man keine Kraft, denn zu stark ist der Griff der Krankheit. Ein Buch wie dieses dann zur Hand zu nehmen, dass einem erzählt, dass auch andere da draußen sind, die genauso leiden, hilft mehr als Ratschläge von irgendwelchen Psychologen oder Klugscheißern, die selbst nie unter Depression gelitten haben. Schon allein deshalb kann ich dieses Buch absolut empfehlen.

Alles Liebe,
eure Reni.

P.S. Das Buch ist übrigens unter dem Titel Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben auch auf Deutsch erschienen beim dtv-Verlag.

Werbeanzeigen

3 Gedanken zu “Reasons To Stay Alive

  1. Ich finde es immer sehr bewundernswert, wenn Leute auf diese Weise so offen über sich selbst sprechen. Ich meine jeder Roman und alles was man schreibt ist intim, aber sowas ist natürlich nochmal eine ganz andere Ebene. Der Aufbau der biografie klingt sehr gut! Und ich bewundere immer wieder die Menschen, die sowas mit ihren liebsten gemeinsam durchstehen, denn ich finde, das ist keine Selbstverständlichkeit… Aus persönlicher Erfahrung kenne ich die überforderung als Angehöriger… Was seine Frau für eine Stärke haben muss, dass mit ihm durchzustehen, ist auch unglaublich…

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s