Maskenlos

Menschen mit Regenschirmen streiften sie, eilten an ihr vorbei, ohne auf sie zu achten. Sie wollten nur eins: Schnell an ihr Ziel kommen ohne allzu nass zu werden vom schweren Regen, der auf sie herabfiel, als ob er die Welt fluten wolle. Doch Una nahm ihre Umgebung nicht wahr, zu sehr waren ihre Gedanken damit beschäftigt zu erfassen, was geschehen war. Wie hatte es nur dazu kommen können? Wie hatte dieser kurze Moment ihr Leben so aus der Bahn werfen können?
Tränen liefen an ihren Wangen herunter. Sie zitterte und brach auf dem nassen Asphalt zusammen. Ihr weißer Rock sog sich mit dem Blut auf der Straße voll und färbte sich rosa.
Neben ihr lag Demetrius seltsam gekrümmt auf der nassen Straße. Sie beobachtete, wie ihre Finger durch seine braunen Locken fuhren. Blut floss zischen den einzelnen Strähnen, verklebte die Härchen und fand seinen Weg über die Stirn in sein Gesicht. Sie versuchte, das Blut wegzuwischen, verschmierte es jedoch nur noch mehr. Zu viel rann aus seiner Kopfwunde, als dass der Regen stark genug war, um es hinweg zu waschen.
Sie zog Demetrius Körper an sich, wiegte ihn in den Armen und vergrub ihr Gesicht in seiner Brust. Sie wollte in ihm verschwinden, wollte, dass er aufwachte, wollte mit ihm gehen. Hatte er ihr nicht versprochen, sie nie zu verlassen?
Sirenen erklangen und wenig später war sie in das blaue Licht der Rettungswagen getränkt, doch schob sie die Außenwelt von sich. Sie wollte nicht wahrhaben, was geschehen war, konnte es nicht glauben. Glauben hieße, akzeptieren und dazu war sie noch nicht bereit.
Starke Hände griffen ihre Schultern und schüttelten sie, während andere nach ihm langten und ihn ihr wegnehmen wollten.

„Sie müssen sich zusammenreißen!“

Doch Una wollte nicht hören. Sie klammerte sich nur noch enger an ihn, konnte ihn nicht gehen lassen. Wenn sie den Griff lockerte, würde sie ihn nie wiedersehen.

„Stehen sie auf“, sagte die Stimme streng, „Sie behindern unsere Arbeit.“

Zwei weitere Hände griffen nach seinem leblosen Körper, während der Griff um ihre Schultern sie in die entgegengesetzte Richtung drängte. Una blickte auf und versuchte, denjenigen durch den Tränenschleier zu erkennen, der sie von ihm trennen wollte. Ein Mann mit ausdrucksloser, cremefarbener Maske, verziert mit feinen dunklen Punkten, starrte sie an.

„Reißen Sie sich zusammen“, sprach er sie erneut mit ernster Stimme an, „Das ist ja widerlich.“

Una schrie und versuchte sich aus seinem Griff zu entwinden. Sie wollte nur zu Demetrius, zu ihm, den sie über alles liebte. Warum verstand man sie nicht, warum hielt dieser Mann sie davon ab.
Doch statt von ihr zu lassen, schlug ihr der Mann ins Gesicht, um sie zu Vernunft zu bringen.

„Benehmen Sie sich, um Himmels willen! Erinnern Sie sich daran, was man von Ihnen erwartet. Sie sind eine Schande für unsere Gesellschaft. Gehen Sie, oder ich muss die Ordnungskräfte rufen, um Sie zu entfernen.“

Hilflos musste sie mit ansehen, wie die Sanitäter Demetrius auf eine Trage legten und in einen Rettungswagen luden. Sie konnte nicht zu ihm, nicht mit ihm wegfahren, denn noch immer hielten die Männer sie fest in ihrem Griff. Erst als der Wagen losfuhr, ließ man von ihr ab.
Sie beobachtete, wie die Lichter des sich entfernenden Wagens immer kleiner wurden, bis er schließlich um eine Ecke bog und endgültig verschwand.
Una kniete mitten auf der Straße und weinte. Das Leben um sie herum ging weiter, als wenn nie etwas geschehen wäre. Die Passanten machten einen Bogen um sie, zischten ermahnende Worte oder warfen ihr angewiderte Blicke zu.
Einer der Aufräumkräfte kam auf sie zu und zog sie an ihrem Arm auf die Beine.

„Sie müssen jetzt gehen“, forderte er sie auf, „Sie stören den Alltag der anderen.“

*******

Una wachte in ihrem Bett auf und tastete mit noch geschlossenen Augen nach Demetrius. Doch sie fand ihn nicht. Sie öffnete die Augen und schaute sich um. Er war nicht da.
Vielleicht war er schon im Bad oder machte Frühstück in der Küche. Es gelang ihm am Morgen viel besser aus dem Bett zu kommen als ihr. Oft ließ er sie schlafen und weckte sie erst mit einer heißen Tasse Tee. Das liebte sie so an ihm. Er hatte nie versucht, sie zu ändern, akzeptierte, wie sie war und liebte sie dafür.
Una krabbelte aus dem Bett und griff nach einem dicken Pullover, der auf dem Sessel neben dem Kleiderschrank lag. Sie zog ihn über und trottete noch schlaftrunken zur Küche. Doch das Wohnzimmer mit der offenen Küche war dunkel und leer, die Vorhänge zugezogen und die Herdplatte kalt. Die Kaffeemaschine brühte keinen Kaffee für Demetrius und der Wasserkocher sprudelte nicht vor sich hin.
Sie drehte sich um und ging zum Badezimmer. Vielleicht war er noch nicht so weit und putzte sich noch die Zähne oder duschte. Doch als sie die Tür öffnete, war auch dieser Raum leer und unbeleuchtet.
Die Erinnerungen an Demetrius im Regen fielen wieder über sie ein. Das Blut in seinem Gesicht, die Sanitäter, die ihn ihr weggenommen hatten, die kleiner werdenden Lichter.
Mit ihren Armen umklammerte Una ihre Körpermitte, als sie zu schluchzen begann. Das konnte alles nicht wahr sein. Das war nie passiert. Demetrius konnte nicht tot sein. Das war alles nur ein Traum. Vielleicht, wenn sie wieder ins Bett ginge …
Una stützte sich an der Wand ab und stolperte zurück ins Schlafzimmer. Sie setzte sich auf die Bettkante und schaute sich in ihrem gemeinsamen Schlafzimmer um. Alles lag noch genauso da, wie an dem Tag, als sie und Demetrius das letzte Mal zusammen die Wohnung verlassen hatten und doch wirkte der Raum, als hätte alles Leben ihn verlassen. Das triste, graue Licht des Himmels vor ihrem Fenster entzog dem Raum den Rest an Wärme und Geborgenheit.
Una krabbelte zurück unter die Bettdecke und schloss die Augen. Sie wollte alles vergessen, wollte zurück zu dem Morgen vor dem Unfall, bevor Demetrius sie verlassen hatte. Es dauerte eine Weile, doch dann übermannte sie endlich der Schlaf.

*******

 Una wachte in ihrem Bett auf und tastete mit noch geschlossenen Augen nach Demetrius. Doch sie fand ihn nicht. Sie öffnete die Augen und schaute sich um. Er war nicht da.
Sie rollte sich auf seine Seite und vergrub ihre Nase in seinem Kissen. Doch statt dem gewohnten Geruch nach ihm, nahm sie nur den Geruch von altem Bettzeug wahr. Tränen tropften auf das Kissen und durchnässten den Bezug. Una schniefte.
Wie viel Zeit war seit dem Unfall vergangen? Wie oft war sie schon ohne ihn neben sich aufgewacht? Una konnte sich nicht mehr erinnern.
Sie stand auf und schlurfte in das dunkle Badezimmer. Sie stützte sich mit den Händen am Waschbeckenrand ab.
Wie sollte sie nur ohne ihn leben? Er war ihr bester Freund gewesen, ihr Geliebter, ihr sicherer Hafen. Nie wieder würde er sie anlächeln, nie wieder in den Arm nehmen, nie wieder mit ihr rumalbern.
Sie drehte den Wasserhahn auf und hielt ihre Hände darunter. Das Wasser war kalt, zu kalt, doch sie zog die Hände nicht weg, auch wenn die Kälte schmerzte. Schmerz bedeutete, dass sie noch lebte, noch da war.
Sie formte ihre Hände zu einer Kuhle und ließ sie volllaufen. Sie beugte ihren Kopf hinunter und spritzte sich das kalte Wasser ins Gesicht. Sie ließ die Hände auf ihren Wangen liegen, ihre Fingerspitzen auf den Augenlidern.
Wie lange sie so da stand, wusste sie nicht, doch irgendwann befiel sie das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Irgendetwas war anders als sonst.
Sie ließ die Hände sinken und griff nach dem Lichtschalter an der Wand. Kurz war sie geblendet von dem Licht der Lampe, doch dann starrte sie auf ihr Ebenbild im Spiegel. Diejenige, die ihr entgegenblickte, war nicht sie, konnte nicht … Das war nicht möglich.

Una sah zwei verheulte Augen, eine zerwühlte, braune Mähne auf ihrem Kopf und ungesund grau wirkende Haut, die sich über ihr Gesicht spannte. Ihre Finger tasteten ihre Konturen nach, konnten nicht glauben, was sie fühlten.
Wo war ihre Maske? Wo waren die bunten Sprenkel auf hellblauen Grund, wo die Schmetterlinge und die kleinen, zarten Blüten, die diese schmückten? Wie hatte sie sie verlieren können? Das durfte nicht sein, das war unmöglich. Ohne ihre Maske konnte sie nicht nach draußen gehen, war nicht Teil der Gesellschaft.
Verzweifelt zog sie an ihrer Haut, in der Hoffnung, darunter verstecke sich ihre Maske. Doch vergebens. Ihre Maske war verschwunden, ob ihr das gefiel oder nicht. Aber das hieß noch lange nicht, dass sie dies akzeptieren würde, beschloss sie. Sie konnte zwar Demetrius nicht zurückholen, aber ihre Maske würde sie um jeden Preis wiederbekommen.

*******

„Sie verstehen mich nicht. Ich brauche diese Maske und das wissen Sie“, schrie Una den Beamten vor ihr hinter der Glasscheibe beinahe an.
Nachdem sie vor dem Spiegel ihren Entschluss gefasst hatte, hatte sie sich fertig gemacht und war zum Bürgeramt geradelt, um dort um eine neue Maske zu bitten. Fast zwei Stunden hatte sie warten müssen, bis endlich ihre Nummer aufgerufen wurde. Die Wartenden auf den Sitzplätzen neben ihr hatten versucht, soviel wie möglich Abstand zwischen sich und sie zu bringen. Ohne Maske galt man als Abschaum und Außenseiter. Una verstand ihr Verhalten. Wenn sie könnte, würde sie sich auch meiden.
Als sie endlich aufgerufen wurde und vor dem Schalter stand, hatte der Beamte sie nur gleichgültig angestarrt, so als wäre es ihm egal, wer vor ihm stehe. Seine Augen sahen Una nur ausdruckslos unter seiner grau melierten Maske an.
„Sie wünschen?“, hatte er mit monotoner Stimme gefragt und Una hatte ihm von dem Verlust ihrer Maske und dem Wunsch nach einer Neuen erzählt. Doch er schien ihr nicht helfen zu wollen.
„Miss, ich kann es nur immer wieder wiederholen“, antwortete er mit immer noch monotoner Stimme, „Jeder Mensch hat nur eine Maske und mit der wird er geboren. Es ist Ihre Schuld, wenn Sie sie verlieren. Wenn Sie Ihre Emotionen nicht beherrschen können, kann Ihnen auch der Staat nicht weiterhelfen. Beruhigen Sie sich bitte, Miss, und wahren Sie die gesellschaftliche Ordnung.“
„Aber es muss doch einen Weg geben, eine Maske zu bekommen“, schrie sie ihn nun wirklich an, „Denken Sie, ich will so weiterleben? Denken Sie, ich will ein Außenseiter sein, will, dass die Leute mich anstarren und hinter meinem Rücken über mich tuscheln?“
„Wie ich bereits sagte, Miss, jeder Mensch hat nur eine Maske und mit der wird er geboren. Es ist Ihre Schuld, wenn Sie sie verlieren. Wenn Sie Ihre Emotionen nicht beherrschen können, kann Ihnen auch der Staat nicht weiterhelfen.“
Una stöhnte.
Am liebsten würde sie ihm irgendwas gegen den Kopf werfen, doch nicht nur gab es nichts am Schalter vor ihr, dass sie für diesen Zweck nutzen konnte, auch die Glasscheibe zwischen ihr und dem Beamten verhinderte dies.
„Wie können Sie von sich behaupten, Sie würden den Menschen helfen, wenn Sie doch nicht mal die Anstalt machen, eine Lösung für mich zu finden? Nach den gesellschaftlichen Regeln sind Sie doch verpflichtet, Ihren Job bestmöglich auszuführen und damit Ihren Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Also tun Sie dies gefälligst auch und helfen Sie mir endlich.“
Una war wütend. Erst recht, weil der Beamte hinter der Glaswand immer noch ruhig blieb und sich nicht anmerken ließ, dass sie sich vollkommen daneben benahm nach den gesellschaftlichen Regeln.
„Miss, ich kann Ihnen nichts anderes sagen, als dass jeder Mensch nur eine Maske hat und mit der wird er geboren. Es ist Ihre Schuld, wenn Sie sie verlieren. Wenn Sie Ihre Emotionen nicht beherrschen können, kann Ihnen auch der Staat nicht weiterhelfen. Und jetzt gehen Sie bitte, wenn Sie nicht noch ein anderes Anliegen haben, oder ich sehe mich gezwungen, den Sicherheitsdienst zu rufen und Sie aus dem Gebäude entfernen zu lassen.“
Una sah ein, dass er ihr nicht weiterhelfen würde. Sie warf ihm einen zornigen Blick zu, drehte sich um und ging. Sie ignorierte die Menschen in der Vorhalle, die sie angewidert anstarrten. Eine Frau legte sogar ihrem Sohn eine Hand über die Augen, als würde er bei ihrem Anblick einen Schaden fürs Leben bekommen.

*******

Ein helles Glöckchen erklang, als sie die schwere Ladentür öffnete und eintrat. Staub tanzte im Sonnenlicht, das durch die Schaufenster hereinschien und erhellte die aufgeräumte Werkbank in der Mitte des Ladens. Stühle standen mit dem Rücken zum Schaufenster für wartende Kunden, doch bis auf Una war kein anderer im Raum.
„Einen Moment, bitte“, ertönte eine Stimme aus dem hinteren Teil des Ladens, der von einem Regal mit Werkzeugen vom vorderen Teil abgetrennt war. „Ich bin gleich bei Ihnen.“
Wenige Momente später trat eine Frau mittleren Alters um die Ecke, die sich die Hände an ihrer olivfarbenen Schürze sauber rieb. Sie blickte auf und erstarrte mitten in der Bewegung, als ihr Blick auf Una fiel.
Una betrachtete die Maske der Frau. Der Braunton des Untergrundes war über und über mit Blättern in den verschiedenen Farben des Herbstes geschmückt. Eine schöne Maske, dachte Una bei sich, aber nicht ganz ihr Stil. Und doch würde sie nicht ablehnen, wenn sie eine solche angeboten bekäme, solange sie nur wieder eine Maske tragen könnte.
Die Frau fing sich endlich und räusperte sich, um ihren Schock zu überspielen und Haltung zu bewahren.
„Wie kann ich Ihnen … ähm … helfen, Miss?“, fragte sie Una.
„Ich habe mich gefragt“, antwortete diese, „ob Sie mir eine neue Maske anfertigen könnten.“
„Sie wollen, dass ich Ihnen … aber Miss, Sie wissen doch, dass das unmöglich ist. Jeder Mensch hat nur eine Maske und mit der wird er geboren.“
„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach Una sie, „aber können Sie nicht irgendwas tun? Bitte, helfen Sie mir.“
„Ich weiß nicht, wieso Sie Ihre Maske verloren haben, Miss, aber ich kann Ihnen keine Neue anfertigen. Ich verziere Masken, aber ich stelle keine her. Das kann keiner. Man wird mit seiner Maske geboren, man macht sich keine Neue.“
„Bitte“, flehte Una, „bitte, versuchen Sie es.“
„Ich weiß ja noch nicht einmal, wie“, antwortete die Maskenverziererin nur traurig. „Es tut mir Leid, Miss, aber ich kann Ihnen nicht helfen.“
„Bitte, ich zahle Ihnen alles, was Sie wollen. Es ist mir auch egal, wie die Maske aussieht, nur bitte, fertigen Sie mir eine an.“
Una schluchzte. Wenn die Frau ihr nicht helfen konnte, wer dann? Kein anderer kannte sich besser mit Masken aus als eine Maskenverziererin.
„Bitte“, flehte Una erneut die Frau an, „Bitte. Es muss doch irgendetwas geben, was Sie für mich tun können.“
„Nein, Miss. Ich kann Ihnen nicht helfen“, antwortete die Maskenverziererin. Sie kämpfte damit, ruhig zu bleiben, versuchte, ihre Gefühle zu beherrschen, so wie es sich gehörte. „Es tut mir Leid, Miss, aber ich kann nichts für Sie tun. Wenn Sie Ihre Maske verlieren, weil Sie Ihre Gefühle nicht unter Kontrolle halten können, dann kann Ihnen niemand helfen. Jedem Menschen steht nur eine Maske zu und mit der wird er geboren. Und nun gehen Sie bitte, ich muss mich um meine Arbeit kümmern.“
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verschwand die Maskenverziererin wieder im hinteren Teil des Ladens.

*******

Una rannte zur Bushaltestelle, an der gerade ein Bus zum Stehen kam. Sie schaffte es gerade noch so und stieg erleichtert in den Bus ein.
„Ich muss Sie bitten, den Bus zu verlassen, Miss“, sagte der Busfahrer, als sie einen Fahrschein bei ihm erstehen wollte.
„Aber ich bin doch gerade erst eingestiegen“, antwortete Una verwirrt, „Und ich will auch ein Ticket kaufen.“
„Bitte machen Sie hier keine Szene, Miss. Steigen Sie einfach aus.“
„Mein Fahrrad wurde geklaut und es sind mehrere Kilometer bis zu meiner Wohnung“, erwiderte sie, „Hier ist das Geld für den Fahrschein. Sehen Sie? Ich bezahle die Fahrt.“
„Bitte steigen Sie aus, Miss“, erwiderte der Busfahrer jedoch nur erneut.
„Und wieso, bitte, wenn ich fragen darf, wollen Sie mich nicht mitnehmen?“, fragte Una wütend. Sie hatte keine Lust mehr, sich zu beherrschen. Zu viel war heute nicht nach Plan gelaufen.
„Es ist meine Aufgabe, für eine ruhige und ereignislose Fahrt meiner Passagiere zu sorgen. Sie hingegen sind eine Gefahr für diesen Zustand, deswegen darf ich Ihnen die Mitfahrt verweigern. Bitte verlassen Sie meinen Bus.“
Mittlerweile hatte die kleine Diskussion zwischen Una und dem Fahrer Aufmerksamkeit erregt und nicht nur die Passagiere beobachteten sie, wie Una bewusst wurde. Auch auf der Straße waren einige Passanten stehen geblieben. Den Busfahrer schien dies jedoch nicht zu stören. Er blieb ruhig.
„Ich bin keine Gefahr für andere, glauben Sie mir“, flehte Una ihn an und versuchte, soweit wie möglich die Zuschauer zu ignorieren, „Ich will einfach nur nach Hause.“
„Tut mir Leid, Miss. Aber Sie hatten einmal Ihre Gefühle nicht unter Kontrolle. Wer sagt mir, dass Sie nicht einen Gefühlsausbruch in meinem Bus bekommen und die gesellschaftliche Ruhe stören. Unsere Busgesellschaft duldet deshalb keine Passagiere ohne Maske. Bitte verlassen Sie meinen Bus.“
Una hätte ihn am liebsten angeschrien, doch realisierte, dass sie dann genau das machen würde, was er erwartete. Stumm drehte sie sich um und verließ den Bus.
Hinter ihr schloss der Fahrer die Tür und fuhr ab.

*******

Sie knallte die Wohnungstür lautstark hinter sich zu und warf den Schlüssel in die Schüssel auf dem Schrank, die dabei zerbrach. Sie zog ihre Jacke aus und schleuderte sie wütend gegen die Wand. Sieben Kilometer hatte sie nach Hause laufen müssen. Sieben!
Sie hatte es noch zwei weitere Male versucht, in einem Bus mitgenommen zu werden, doch beide Male hatten die Busfahrer sich geweigert.
Den ganzen Heimweg über war sie von den Leuten angestarrt worden. Mütter hatten mit ihren Kindern die Straßenseite gewechselt, ein paar Passanten hatten ihr böse Worte hinterher gezischt. Una hatte sich noch nie in ihrem Leben so ausgeschlossen gefühlt, so mies, so allein.
Una war sauer. Sauer auf den Beamten, sauer auf die Maskenverziererin, auf die Busfahrer und auf die Leute, die sie angestarrt hatten, als wäre sie kein Mensch mehr. Doch vor allem war sie sauer auf Demetrius. Sie war sauer darauf, dass er sich hatte überfahren lassen, dass er sie alleine gelassen hatte. Wäre er nicht gestorben, wäre sie nicht auf der Straße zusammengebrochen und hätte ihre Maske noch. Wie hatte er ihr dies antun können?
Sie griff nach einem der Sofakissen und warf es durch den Raum.
Dämliche gesellschaftliche Ordnung, dämliche Ruhe. Warum musste sie sich beherrschen, warum war es so schlecht, Gefühle zu zeigen. Sie griff nach einem weiteren Kissen und schleuderte es mit einem Schrei durchs Zimmer. Es tat gut, ihre Wut rauszulassen, gut, die anderen zu hassen für das, was ihr geschehen war.
Ein weiteres Kissen segelte durch den Raum, ein weiteres Mal schrie sie sich die Wut aus dem Leib. Mit einer Handbewegung fegte sie die Magazine und die dekorativ angeordneten Kerzen vom Couchtisch, die mit einem Poltern auf dem Boden landeten.
Warum sollte sie sich an die gesellschaftlichen Regeln halten, wenn die Gesellschaft sie sowieso nicht wollte.
Sie warf eine Vase gegen die Wand, die jemand ihnen zum Einzug geschenkt hatte. Die Scherben fielen zu Boden, doch Una reichte dies nicht. Zu den Scherben gesellte sich bald eine Topfpflanze, eine Porzellanfigur, die was auch immer darstellte, und ein Bilderrahmen mit einem abstrakten Kunstwerk, die ebenfalls Opfer von Unas Wut wurden. Dies waren alles Dinge, die Leute erwarteten, dass man sie besaß oder aber Gastgeschenke waren. Wie sehr sie dies alles hasste.
Sie griff ein Objekt nach dem anderen und warf sie gegen die Wand. Weitere Vasen, Kerzen, Figuren, Dekorationen segelten durch den Raum. Servierschälchen, hässliche Karaffen und Gläser.
Bevor Una es merkte, griff ihre Hand nach einer Schneekugel und warf sie ebenfalls. Erst als sie zu Bruch ging, merkte sie, was sie getan hatte.

*******

Sie sank vorsichtig zu Boden und starrte auf die Überreste der Kugel. Der Teppich sog das Wasser auf und zurück blieben nur winzig kleine Kirschblüten, mit der die Schneekugel statt Schnee gefüllt gewesen war. Mit zitternden Händen griff sie nach dem Sockel, auf dem noch immer das sich küssende Pärchen unter dem Kirschbaum befestigt war.
Demetrius hatte ihr die Schneekugel an ihrem ersten Date geschenkt. Er hatte auf dem Jahrmarkt beim Ringe werfen gewonnen und sie den Preis auswählen lassen. Es war ein perfekter Tag gewesen, der perfekte Anfang für ihre Liebesgeschichte. Doch jetzt war alles vorbei und nicht mal die Schneekugel hatte überlebt.
Das alles war ihre Schuld. Sie hatte es sich nicht eingestehen wollen, aber es war die Wahrheit. Er hatte sie immer gewarnt. Gewarnt, dass ihr irgendwann etwas passieren würde, wenn sie so leichtsinnig war und nicht aufpasste. Doch statt ihr war es ihm passiert.
Sie waren auf dem Weg in ihr Lieblingsrestaurant gewesen und Una hatte ihm von dem Buch erzählt, das sie gerade beendet hatte. Sie war begeisterter von dem Buch gewesen, als sie es vielleicht hätte sein sollen, doch ihn kümmerte es nicht. Er hatte es geliebt, wenn die Leidenschaft sie ergriff und den Funken in ihren Augen entzündete, hatte er ihr einmal gesagt. Sie solle sich nur nicht zu weit von dieser Leidenschaft treiben lassen, denn dies war, wie jeder wusste, gefährlich und konnte zum Verlust der eigenen Maske führen. Doch sie hatte seine Warnung nicht hören wollen, dachte, sie hätte ihre Gefühle unter Kontrolle.
An dem Abend des Unfalls hatte sie im Laufen von dem Buch geschwärmt und war rückwärts gegangen, um ihm besser in die Augen dabei zu schauen und deren Lächeln für sie einzufangen. Sie hatte nicht gemerkt, dass ein Auto um die Ecke gebogen kam, als sie die Straße betrat. Demetrius schubste sie im letzten Moment weg und rettete sie. Doch der Preis dafür war sein eigenes Leben. Der Autofahrer hatte nicht rechtzeitig genug bremsen können und Demetrius erwischt.
Sie hatte mit ihrer Leichtsinnigkeit nicht nur ihr Leben für immer zerstört, sie hatte auch seins beendet. Wie hatte sie es da verdient, eine neue Maske zu bekommen? Wie hatte sie es verdient, glücklich zu sein? Sie hatte alles kaputt gemacht.
Tränen flossen an ihren Wangen herunter.

*******

Die Tage vergingen, zogen ins Land und verschwammen zu einer einzigen, grauen Masse. Sie wachte auf in der Hoffnung, alles wäre nur ein Traum gewesen, doch jedes Mal holte die Realität sie wieder ein. Sie zwang sich zurück in den Schlaf, in die Taubheit des Nichts.
Una verließ das Bett nur, um auf Toilette zu gehen, sich etwas zu Essen zu machen oder Lieferungen des Großhändlers entgegen zu nehmen, bei dem sie online alles bestellte, was sie brauchte. Den Müll entsorgte sie nachts im Müllschacht auf dem Flur, um niemanden zu begegnen, der sie wegen ihrer fehlenden Maske anstarren könnte.
Sie hatte das Chaos im Wohnzimmer weggeräumt, doch für mehr hatte sie keine Kraft, konnte sich nicht motivieren. Zu schwer lastete die Schuld auf ihren Schultern. So bestand ihr Tag daraus zu schlafen oder daraus, vom Bett aus dem Fenster in ihrem Schlafzimmer zu starren.
Doch der Ausblick war fast noch trister als ihre Stimmung. Eine Wüste aus grauen Wolkenkratzer erstreckte sich bis zum Horizont, alle identisch, alle wie der, in dem sie wohnte. Auf grauen Himmel folgten graue Wolken, folgte Regen oder Dunkelheit.
Die Welt versank im grauen Nichts und Una mit ihr.

*******

Una wachte auf und tastete mit noch geschlossenen Augen nach Demetrius. Doch statt die andere Seite des Bettes zu fühlen, griff ihre Hand ins Nichts. Una öffnete die Augen und war für einen Moment orientierungslos. Es dauerte eine Weile, bis ihr klar wurde, dass sie auf der Couch im Wohnzimmer lag. Vor ihr auf dem Couchtisch stand ein Teller mit noch einer halben Pizza. Sie musste eingeschlafen sein, als sie in der Nacht alleine das Abendessen zu sich genommen hatte.
Sie stand auf, nahm den Teller und stellte ihn auf den Küchenschrank. Es würde noch ein paar Stunden dauern, bis der Lieferdienst mit ihrer Bestellung kommen würde, rechnete sie mit einem Blick auf die Digitaluhr am Ofen aus. Hunger hatte sie auch noch nicht, deswegen hob sie sich die Pizza lieber für später auf.
Sie ging hinüber zum Fenster und zog die Vorhänge auf. Die Sonne strahlte ihr entgegen und warf ihr warmes Licht auf Unas Haut.
Ein kleines Lächeln stahl sich in Unas Gesicht und sie fühlte sich, als erwache sie aus einem langen Winterschlaf. Sie öffnete das Fenster und ließ die frische Luft hinein. Sie atmete tief durch und spürte, wie jede Pore ihres Körpers aufwachte und nach dem Leben lechzte.
Una ließ das Fenster geöffnet und ging ins Bad um zu duschen. Heiß ließ sie das Wasser über ihren Körper fließen.
Wann hatte sie zu letzten Mal so geduscht? In den letzten Wochen – oder waren es Monate – hatte sie sich diesen Luxus nicht erlaubt. Nur kaltes Wasser, nur das Nötigste an Pflege für sich selbst, schließlich hatte sie es nicht anders verdient.
Doch jetzt genoss sie das Wasser auf ihrer Haut, fühlte, wie die Taubheit von ihr abfiel und sie endlich wieder frei atmen ließ.
Sie stellte das Wasser ab und hüllte sich in ihren weichen Bademantel. Vor dem Spiegel blieb sie stehen und erlaubte sich einen Blick auf ihr maskenloses Gesicht. Sie hatte den Spiegel gemieden, seit sie zum ersten Mal den Verlust ihrer Maske bemerkt hatte, hatte alle Tätigkeiten im Badezimmer nur im Dunklen verrichtet, um der Versuchung zu widerstehen. Doch nun nahm sie sich Zeit, studierte jede Rundung, jede Falte, jede Linie und Sommersprosse.
Dies war also ihr wahres Ich.
Es war ungewohnt für Una sich so zu sehen, doch je länger sie sich betrachtete, desto mehr Dinge entdeckte sie, die ihr gefielen. Sie mochte ihre Lippen, ihre dunklen Wimpern, die ihre blauen Augen umrahmten und besser zum Ausdruck brachten als die scharfen Ränder einer Maske. Ihre Wangen waren noch etwas gerötet vom Duschen, doch wirkte sie dadurch lebendig.
Ihr ganzes Leben hatte sie ihr Gesicht hinter einer Maske versteckt. Nein, wurde ihr klar, sie hatte sich selbst hinter einer Maske versteckt, so wie jedes andere Mitglied der Gesellschaft. Sie hatte deren Regeln befolgt, hatte gefühlt, was von ihr erwartet wurde, und sich nicht erlaubt mehr zu sein. Wann hatten die Menschen angefangen zu vergessen, wer sie waren? Wann hatten sie begonnen, ihr wahres Ich zu verstecken?
Hätte Demetrius sie nicht gerettet und wäre er nicht gestorben, hätte sie vielleicht nie ihre Gefühle zugelassen. Ja, sie war Schuld an seinem Unfall gewesen, aber er hätte nicht gewollt, dass sie sich für immer dafür bestrafte. Er hätte nicht gewollt, dass sie sich vor dem Leben versteckte und die Wohnung nicht mehr verließ. Er wollte immer nur, dass sie glücklich war und das war sie ihm schuldig, wenn sie schon seinen Tod nicht rückgängig machen konnte.
Una lächelte ihrem Ebenbild entgegen.
Von jetzt an würde sie das Leben leben, wie es kam, und es in vollen Zügen genießen, versprach sie sich selbst. Und beginnen würde sie damit, sich selbst endlich kennenzulernen.

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