Teil 10: Ein neuer Morgen

Una wachte auf und tastete mit noch geschlossenen Augen nach Demetrius. Doch statt die andere Seite des Bettes zu fühlen, griff ihre Hand ins Nichts. Una öffnete die Augen und war für einen Moment orientierungslos. Es dauerte eine Weile, bis ihr klar wurde, dass sie auf der Couch im Wohnzimmer lag. Vor ihr auf dem Couchtisch stand ein Teller mit noch einer halben Pizza. Sie musste eingeschlafen sein, als sie in der Nacht alleine das Abendessen zu sich genommen hatte.
Sie stand auf, nahm den Teller und stellte ihn auf den Küchenschrank. Es würde noch ein paar Stunden dauern, bis der Lieferdienst mit ihrer Bestellung kommen würde, rechnete sie mit einem Blick auf die Digitaluhr am Ofen aus. Hunger hatte sie auch noch nicht, deswegen hob sie sich die Pizza lieber für später auf.
Sie ging hinüber zum Fenster und zog die Vorhänge auf. Die Sonne strahlte ihr entgegen und warf ihr warmes Licht auf Unas Haut.
Ein kleines Lächeln stahl sich in Unas Gesicht und sie fühlte sich, als erwache sie aus einem langen Winterschlaf. Sie öffnete das Fenster und ließ die frische Luft hinein. Sie atmete tief durch und spürte, wie jede Pore ihres Körpers aufwachte und nach dem Leben lechzte.
Una ließ das Fenster geöffnet und ging ins Bad um zu duschen. Heiß ließ sie das Wasser über ihren Körper fließen.
Wann hatte sie zu letzten Mal so geduscht? In den letzten Wochen – oder waren es Monate – hatte sie sich diesen Luxus nicht erlaubt. Nur kaltes Wasser, nur das Nötigste an Pflege für sich selbst, schließlich hatte sie es nicht anders verdient.
Doch jetzt genoss sie das Wasser auf ihrer Haut, fühlte, wie die Taubheit von ihr abfiel und sie endlich wieder frei atmen ließ.
Sie stellte das Wasser ab und hüllte sich in ihren weichen Bademantel. Vor dem Spiegel blieb sie stehen und erlaubte sich einen Blick auf ihr maskenloses Gesicht. Sie hatte den Spiegel gemieden, seit sie zum ersten Mal den Verlust ihrer Maske bemerkt hatte, hatte alle Tätigkeiten im Badezimmer nur im Dunklen verrichtet, um der Versuchung zu widerstehen. Doch nun nahm sie sich Zeit, studierte jede Rundung, jede Falte, jede Linie und Sommersprosse.
Dies war also ihr wahres Ich.
Es war ungewohnt für Una sich so zu sehen, doch je länger sie sich betrachtete, desto mehr Dinge entdeckte sie, die ihr gefielen. Sie mochte ihre Lippen, ihre dunklen Wimpern, die ihre blauen Augen umrahmten und besser zum Ausdruck brachten als die scharfen Ränder einer Maske. Ihre Wangen waren noch etwas gerötet vom Duschen, doch wirkte sie dadurch lebendig.
Ihr ganzes Leben hatte sie ihr Gesicht hinter einer Maske versteckt. Nein, wurde ihr klar, sie hatte sich selbst hinter einer Maske versteckt, so wie jedes andere Mitglied der Gesellschaft. Sie hatte deren Regeln befolgt, hatte gefühlt, was von ihr erwartet wurde, und sich nicht erlaubt mehr zu sein. Wann hatten die Menschen angefangen zu vergessen, wer sie waren? Wann hatten sie begonnen, ihr wahres Ich zu verstecken?
Hätte Demetrius sie nicht gerettet und wäre er nicht gestorben, hätte sie vielleicht nie ihre Gefühle zugelassen. Ja, sie war Schuld an seinem Unfall gewesen, aber er hätte nicht gewollt, dass sie sich für immer dafür bestrafte. Er hätte nicht gewollt, dass sie sich vor dem Leben versteckte und die Wohnung nicht mehr verließ. Er wollte immer nur, dass sie glücklich war und das war sie ihm schuldig, wenn sie schon seinen Tod nicht rückgängig machen konnte.
Una lächelte ihrem Ebenbild entgegen.
Von jetzt an würde sie das Leben leben, wie es kam, und es in vollen Zügen genießen, versprach sie sich selbst. Und beginnen würde sie damit, sich selbst endlich kennenzulernen.

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. lunaewunia sagt:

    Eine sehr ergreifende Geschichte 🙂 liebe Grüße ❤

    Gefällt 1 Person

    1. Reni sagt:

      Dankeschön 🙂

      Gefällt mir

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