Teil 5: Die Maskenverziererin

Eine helles Glöckchen erklang, als sie die schwere Ladentür öffnete und eintrat. Staub tanzte im Sonnenlicht, das durch die Schaufenster hereinschien und erhellte die aufgeräumte Werkbank in der Mitte des Ladens. Stühle standen mit dem Rücken zum Schaufenster für wartende Kunden, doch bis auf Una war kein anderer im Raum.
„Einen Moment, bitte“, ertönte eine Stimme aus dem hinteren Teil des Ladens, der von einem Regal mit Werkzeugen vom vorderen Teil abgetrennt war. „Ich bin gleich bei Ihnen.“
Wenige Momente später trat eine Frau mittleren Alters um die Ecke, die sich die Hände an ihrer olivfarbenen Schürze sauber rieb. Sie blickte auf und erstarrte mitten in der Bewegung, als ihr Blick auf Una fiel.
Una betrachtete die Maske der Frau. Der Braunton des Untergrundes war über und über mit Blättern in den verschiedenen Farben des Herbstes geschmückt. Eine schöne Maske, dachte Una bei sich, aber nicht ganz ihr Stil. Und doch würde sie nicht ablehnen, wenn sie eine solche angeboten bekäme, solange sie nur wieder eine Maske tragen könnte.
Die Frau fing sich endlich und räusperte sich, um ihren Schock zu überspielen und Haltung zu bewahren.
„Wie kann ich Ihnen … ähm … helfen, Miss?“, fragte sie Una.
„Ich habe mich gefragt“, antwortete diese, „ob Sie mir eine neue Maske anfertigen könnten.“
„Sie wollen, dass ich Ihnen … aber Miss, Sie wissen doch, dass das unmöglich ist. Jeder Mensch hat nur eine Maske und mit der wird er geboren.“
„Ich weiß, ich weiß“, unterbrach Una sie, „aber können Sie nicht irgendwas tun? Bitte, helfen Sie mir.“
„Ich weiß nicht, wieso Sie Ihre Maske verloren haben, Miss, aber ich kann Ihnen keine Neue anfertigen. Ich verziere Masken, aber ich stelle keine her. Das kann keiner. Man wird mit seiner Maske geboren, man macht sich keine Neue.“
„Bitte“, flehte Una, „bitte, versuchen Sie es.“
„Ich weiß ja noch nicht einmal, wie“, antwortete die Maskenverziererin nur traurig. „ Es tut mir Leid, Miss, aber ich kann Ihnen nicht helfen.“
„Bitte, ich zahle Ihnen alles, was Sie wollen. Es ist mir auch egal, wie die Maske aussieht, nur bitte, fertigen Sie mir eine an.“
Una schluchzte. Wenn die Frau ihr nicht helfen konnte, wer dann? Kein anderer kannte sich besser mit Masken aus als eine Maskenverziererin.
„Bitte“, flehte Una erneut die Frau an, „Bitte. Es muss doch irgendetwas geben, was Sie für mich tun können.“
„Nein, Miss. Ich kann Ihnen nicht helfen“, antwortete die Maskenverziererin. Sie kämpfte damit, ruhig zu bleiben, versuchte, ihre Gefühle zu beherrschen, so wie es sich gehörte. „Es tut mir Leid, Miss, aber ich kann nichts für Sie tun. Wenn Sie Ihre Maske verlieren, weil Sie Ihre Gefühle nicht unter Kontrolle halten können, dann kann Ihnen niemand helfen. Jedem Menschen steht nur eine Maske zu und mit der wird er geboren. Und nun gehen Sie bitte, ich muss mich um meine Arbeit kümmern.“
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verschwand die Maskenverziererin wieder im hinteren Teil des Ladens.

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