Teil 4: Der Beamte

„Sie verstehen mich nicht. Ich brauche diese Maske und das wissen Sie“, schrie Una den Beamten vor ihr hinter der Glasscheibe beinahe an.
Nachdem sie vor dem Spiegel ihren Entschluss gefasst hatte, hatte sie sich fertig gemacht und war zum Bürgeramt geradelt, um dort um eine neue Maske zu bitten. Fast zwei Stunden hatte sie warten müssen, bis endlich ihre Nummer aufgerufen wurde. Die Wartenden auf den Sitzplätzen neben ihr hatten versucht, soviel wie möglich Abstand zwischen sich und sie zu bringen. Ohne Maske galt man als Abschaum und Außenseiter. Una verstand ihr Verhalten. Wenn sie könnte, würde sie sich auch meiden.
Als sie endlich aufgerufen wurde und vor dem Schalter stand, hatte der Beamte sie nur gleichgültig angestarrt, so als wäre es ihm egal, wer vor ihm stehe. Seine Augen sahen Una nur ausdruckslos unter seiner grau melierten Maske an.
„Sie wünschen?“, hatte er mit monotoner Stimme gefragt und Una hatte ihm von dem Verlust ihrer Maske und dem Wunsch nach einer Neuen erzählt. Doch er schien ihr nicht helfen zu wollen.
„Miss, ich kann es nur immer wieder wiederholen“, antwortete er mit immer noch monotoner Stimme, „Jeder Mensch hat nur eine Maske und mit der wird er geboren. Es ist Ihre Schuld, wenn Sie sie verlieren. Wenn Sie Ihre Emotionen nicht beherrschen können, kann Ihnen auch der Staat nicht weiterhelfen. Beruhigen Sie sich bitte, Miss, und wahren Sie die gesellschaftliche Ordnung.“
„Aber es muss doch einen Weg geben, eine Maske zu bekommen“, schrie sie ihn nun wirklich an, „Denken Sie, ich will so weiterleben? Denken Sie, ich will ein Außenseiter sein, will, dass die Leute mich anstarren und hinter meinem Rücken über mich tuscheln?“
„Wie ich bereits sagte, Miss, jeder Mensch hat nur eine Maske und mit der wird er geboren. Es ist Ihre Schuld, wenn Sie sie verlieren. Wenn Sie Ihre Emotionen nicht beherrschen können, kann Ihnen auch der Staat nicht weiterhelfen.“
Una stöhnte.
Am liebsten würde sie ihm irgendwas gegen den Kopf werfen, doch nicht nur gab es nichts am Schalter vor ihr, dass sie für diesen Zweck nutzen konnte, auch die Glasscheibe zwischen ihr und dem Beamten verhinderte dies.
„Wie können Sie von sich behaupten, Sie würden den Menschen helfen, wenn Sie doch nicht mal die Anstalt machen, eine Lösung für mich zu finden? Nach den gesellschaftlichen Regeln sind Sie doch verpflichtet, Ihren Job bestmöglich auszuführen und damit Ihren Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Also tun Sie dies gefälligst auch und helfen Sie mir endlich.“
Una war wütend. Erst recht, weil der Beamte hinter der Glaswand immer noch ruhig blieb und sich nicht anmerken ließ, dass sie sich vollkommen daneben benahm nach den gesellschaftlichen Regeln.
„Miss, ich kann Ihnen nichts anderes sagen, als dass jeder Mensch nur eine Maske hat und mit der wird er geboren. Es ist Ihre Schuld, wenn Sie sie verlieren. Wenn Sie Ihre Emotionen nicht beherrschen können, kann Ihnen auch der Staat nicht weiterhelfen. Und jetzt gehen Sie bitte, wenn Sie nicht noch ein anderes Anliegen haben, oder ich sehe mich gezwungen, den Sicherheitsdienst zu rufen und Sie aus dem Gebäude entfernen zu lassen.“
Una sah ein, dass er ihr nicht weiterhelfen würde. Sie warf ihm einen zornigen Blick zu, drehte sich um und ging. Sie ignorierte die Menschen in der Vorhalle, die sie angewidert anstarrten. Eine Frau legte sogar ihrem Sohn eine Hand über die Augen, als würde er bei ihrem Anblick einen Schaden fürs Leben bekommen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s