Teil 1: Der Unfall

Menschen mit Regenschirmen streiften sie, eilten an ihr vorbei, ohne auf sie zu achten. Sie wollten nur eins: Schnell an ihr Ziel kommen ohne allzu nass zu werden vom schweren Regen, der auf sie herab fiel, als ob er die Welt fluten wolle. Doch Una nahm ihre Umgebung nicht wahr, zu sehr waren ihre Gedanken damit beschäftigt zu erfassen, was geschehen war. Wie hatte es nur dazu kommen können? Wie hatte dieser kurze Moment ihr Leben so aus der Bahn werfen können?
Tränen liefen an ihren Wangen herunter. Sie zitterte und brach auf dem nassen Asphalt zusammen. Ihr weißer Rock sog sich mit dem Blut auf der Straße voll und färbte sich rosa.
Neben ihr lag Demetrius seltsam gekrümmt auf der nassen Straße. Sie beobachtete, wie ihre Finger durch seine braunen Locken fuhren. Blut floss zischen den einzelnen Strähnen, verklebte die Härchen und fand seinen Weg über die Stirn in sein Gesicht. Sie versuchte, das Blut wegzuwischen, verschmierte es jedoch nur noch mehr. Zu viel rann aus seiner Kopfwunde, als dass der Regen stark genug war, um es hinweg zu waschen.
Sie zog Demetrius Körper an sich, wiegte ihn in den Armen und vergrub ihr Gesicht in seiner Brust. Sie wollte in ihm verschwinden, wollte, dass er aufwachte, wollte mit ihm gehen. Hatte er ihr nicht versprochen, sie nie zu verlassen?
Sirenen erklangen und wenig später war sie in das blaue Licht der Rettungswagen getränkt, doch schob sie die Außenwelt von sich. Sie wollte nicht wahrhaben, was geschehen war, konnte es nicht glauben. Glauben hieße, akzeptieren und dazu war sie noch nicht bereit.
Starke Hände griffen ihre Schultern und schüttelten sie, während andere nach ihm langten und ihn ihr wegnehmen wollten.

„Sie müssen sich zusammenreißen!“

Doch Una wollte nicht hören. Sie klammerte sich nur noch enger an ihn, konnte ihn nicht gehen lassen. Wenn sie den Griff lockerte, würde sie ihn nie wieder sehen.

„Stehen sie auf“, sagte die Stimme streng, „Sie behindern unsere Arbeit.“

Zwei weitere Hände griffen nach seinem leblosen Körper, während der Griff um ihre Schultern sie in die entgegengesetzte Richtung drängte. Una blickte auf und versuchte, denjenigen durch den Tränenschleier zu erkennen, der sie von ihm trennen wollte. Ein Mann mit ausdrucksloser, cremefarbener Maske, verziert mit feinen dunklen Punkten, starrte sie an.

„Reißen Sie sich zusammen“, sprach er sie erneut mit ernster Stimme an, „Das ist ja widerlich.“

Una schrie und versuchte sich aus seinem Griff zu entwinden. Sie wollte nur zu Demetrius, zu ihm, den sie über alles liebte. Warum verstand man sie nicht, warum hielt dieser Mann sie davon ab.
Doch statt von ihr zu lassen, schlug ihr der Mann ins Gesicht, um sie zu Vernunft zu bringen.

„Benehmen Sie sich, um Himmels Willen! Erinnern Sie sich daran, was man von Ihnen erwartet. Sie sind eine Schande für unsere Gesellschaft. Gehen Sie, oder ich muss die Ordnungskräfte rufen, um Sie zu entfernen.“

Hilflos musste sie mit ansehen, wie die Sanitäter Demetrius auf eine Trage legten und in einen Rettungswagen luden. Sie konnte nicht zu ihm, nicht mit ihm wegfahren, denn noch immer hielten die Männer sie fest in ihrem Griff. Erst als der Wagen losfuhr, ließ man von ihr ab.
Sie beobachtete, wie die Lichter des sich entfernenden Wagens immer kleiner wurden, bis er schließlich um eine Ecke bog und endgültig verschwand.
Una kniete mitten auf der Straße und weinte. Das Leben um sie herum ging weiter, als wenn nie etwas geschehen wäre. Die Passanten machten einen Bogen um sie, zischten ermahnende Worte oder warfen ihr angewiderte Blicke zu.
Einer der Aufräumkräfte kam auf sie zu und zog sie an ihrem Arm auf die Beine.

„Sie müssen jetzt gehen“, forderte er sie auf, „Sie stören den Alltag der anderen.“

 

 

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