Project Semicolon – your story isn’t over

Ich habe Angst. Angst vor Veränderung, Angst vor Stillstand, vor Menschen, vor dem Alleinsein. Ich will keine Angst haben, doch ich schaffe es nicht, sie abzuschütteln.Sie blockiert mich und macht, dass ich von dunklen Gedanken geplagt werde. Ich hasse das. Ich will mich nicht so fühlen. Ich will keine Angst vor der Zukunft haben und ich will nicht immer weinen.

Wie einfach wäre es loszulassen. So einfach wie das Platzen einer Seifenblase. Wenn ich sterbe, dann wäre das okay. Dann wäre wenigstens alles endlich vorbei.

Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letze Mal glücklich war und mich richtig wohl gefühlt habe. Ich mache mir alles selbst kaputt, manipuliere mich selbst. Wie soll mich jemand mögen, wenn ich es nicht mal selbst tue?

Ich schaffe es nicht, nicht depressiv, hyperkritisch und selbstzerstörerisch zu sein. Bei der kleinsten Kritik von anderen kommen mir die Tränen und ich fühle mich minderwertig, obwohl ich es nicht bin. Ich trau mich nicht, aus Angst Fehler zu begehen.

Wieso kann ich nicht stolz sein, ich zu sein? Und wieso bin ich nicht einfach so, wie ich sein will? Ich sehe alles schwarz, und das seit Jahren. Ich bin in einem tiefen Loch gefangen und finde keinen Ausweg. Oder besser: Ich bin in einer Glaskugel und sehe, wie ich sein könnte, kann aber nicht ausbrechen. 

Mein Kopf hört nicht auf, mich fertig zu machen. Ich hab einfach angefangen zu weinen und kann nicht mehr aufhören. Sobald ich versuche, mich zu entspannen und einschlafen will, tauchen die Gedanken wieder auf und ich beginne, erneut zu weinen. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Ich brauche Hilfe … hilf mir, bitte … ich schaff das nicht alleine … nein, ich springe nicht, versprochen … ich will leben …

Ich bin todmüde und kann nicht aufhören zu weinen. Das Schlimmste an der Sache: Ich bin in der Schule … Hilfe … Ich bin nicht mal mehr in der Lage, anderen etwas vorzuspielen … ich will mich nur noch verkriechen … einfach verschwinden … Hilf mir, bitte … jetzt …

(Auszüge aus meinem Tagebuch)

 

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1998 findet sich in meinen Tagebüchern das erste Mal der Satz „Ich will nicht mehr leben“. Damals war ich sieben. Warum ich den Satz geschrieben habe, weiß ich heute nicht mehr, denn mein damaliges ICH hat es versäumt, ein WARUM zu ergänzen.
In der Grundschule wurde ich gemobbt, habe nie dazu gehört, war immer irgendwie anders. So wirklich Hilfe bekam ich nicht, weil niemand verstand, wie schlimm das für mich war. Ich war ein Kind, ich übertrieb eben. Als ich aufs Gymnasium kam, bestand meine Klasse aus Kindern aus meiner Grundschule und das Mobbing ging weiter. Ich fühlte mich allein, unverstanden und war völlig überfordert mit der Pubertät, die in dieser Zeit auch noch begann. Unsportlich und flach wie ein Brett, ohne Freunde und scheinbar nie gut genug. Ich bekam psychosomatische Bauchschmerzen und kämpfte gegen Angstzustände. Die Schule, in die ich eigentlich so gerne ging, wurde ein Ort des Grauens.

Eineinhalb Jahre später wechselte ich endlich die Schule. Zwar hörte das Mobbing auf, doch zugehörig fühlte ich immer noch nicht. Ich fand keine Freunde, war immer irgendwie die Außenseiterin, die sich lieber in ihren Büchern versteckte. Je schwieriger es wurde, desto unperfekter fühlte ich mich. Doch ich traute mich nicht, anderen zu sagen, wie es mir ging, fraß alles in mich hinein und bekam nur noch mehr Schmerzen. Am Anfang der 10. Klasse war ich für sechs Monate in einer psychiatrischen Tagesklinik, doch geholfen hat dies nicht. Man konzentrierte sich mehr auf meine Schmerzen und erkannte nicht, dass ich depressiv war.
Als ich zurück in die Schule ging, kam ich in eine Klassenstufe unter meiner, weil ich zu viel verpasst hatte. Zum ersten Mal seit langem fand ich so etwas wie Freunde, die die Selben Interessen hatten wie ich und die mich ablenkten von meinen Grübeleien und Gedanken.

Nach meinem Abitur und einem Praktikumsjahr am Theater begann ich meine Ausbildung in Dresden. Ich wohnte zum ersten Mal allein, fühlte mich frei und alles war gut. Doch nach dem ersten Jahr folgte ein Praktikum in einem Hotel. Dies war das Schlimmste, das ich je gemacht habe. Nach nur zwei Wochen war ich vollkommen fertig, körperlich und seelisch. Zur Selbsttherapie begann ich, wieder intensiv Tagebuch zu schreiben, doch hielt dies die Gedanken nicht auf.
Ein halbes Jahr später brach ich in der Schule zusammen, bekam einen Heulkrampf und konnte nicht mehr aufhören. Ich war hilflos und wusste nicht mehr weiter. Wochen zuvor hatte ich immer wieder am Fenster im achten Stock meines Wohnhauses gestanden und springen wollen. Ich schaute nicht mehr nach links und rechts, wenn ich eine Straße überquerte, in der Hoffnung einer würde nicht schnell genug reagieren und mich überfahren. Lange habe ich mich dafür geschämt, habe dies nicht mal in mein Tagebuch geschrieben. Heute bin ich stolz auf mich, mir nichts angetan zu haben.

Ich war nach meinem Zusammenbruch in Therapie, doch geholfen hat mir die Therapeutin nicht. Sie behandelte mich nach Lehrbuch und ging nicht auf mich ein. Nach jeder Sitzung fühlte ich mich schlechter und brach die Therapie irgendwann ab. Meine Familie hat zu mir gehalten und das Theater in Dresden war meine Rettungsleine. Ich war in einem halben Jahr 49 mal im Theater, habe mich von Vorstellung zu Vorstellung gehangelt, immer mit dem Ziel bis dahin zu überleben. War ich aus einer Vorstellung raus, habe ich mir sofort die nächste Karte gekauft.
Mein Praktikum am Theater hat mich dann gerettet. Ich hatte zu viel zu tun, hatte wieder keine Zeit für Grübeleien und sammelte Mut, mich für ein Studium zu bewerben.

Ich zog nach Leipzig und war voller Hoffnung. Doch nach einem halben Jahr erlitt ich wieder einen Rückfall. Zum Glück hatte ich eine Freundin bei mir, die mir zur Seite stand und mich nicht fallen ließ in diesem Moment. Und dann tat ich, was mir das Leben retten sollte: Ich adoptierte eine Katze. Luna ist mein Anker, der Grund, warum ich überleben muss. Sie ist meine Krankenschwester, meine Beschützerin, meine Trösterin. Sie fängt mich auf, wenn die Wolke mich überwältigt und holt mich immer wieder zurück. Ohne sie hätte ich vielleicht aufgegeben.
Es ist drei Jahre her, dass ich den letzen Rückfall hatte und mir geht es gut. Ich habe keine Schmerzen mehr, kämpfe jeden Tag gegen meine Ängste und sehe endlich eine Zukunft. Ich beginne, meine Vergangenheit zu akzeptieren und das Positive zu sehen. Und ich fange an, mich selbst zu akzeptieren, wie ich bin und mich nicht zu hassen, auch wenn dies das Schwerste von allem ist. Ich muss mich jeden Tag daran erinnern, das auch ich wichtig bin und es Wert, geliebt zu werden. Nicht jeder Tag ist einfach, nicht jeder gut. Aber ich gebe nicht auf, entscheide mich immer wieder neu für das Leben. Als Zeichen dafür habe ich mir 2018 auch das Semikolon als Tattoo stechen lassen zur Erinnerung daran, dass ich die Wahl habe.

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In Project Semicolon – your story isn’t over  geht es um Geschichten wie meine. Es ist eine Sammlung von Aufsätzen, Statements und Fotos von Menschen, die mit mentalen Störungen hadern, jeden Tag neu anfangen und überleben. 2013 wurde das Projekt von  Amy Bleuler gestartet, die leider letzten März verstorben ist. Sie wählte das Semikolon als Symbol für das Projekt, denn Autoren setzen Semikolons dann, wenn ein Satz eigentlich zu Ende sein könnte, sie aber entscheiden, dass er es noch nicht ist.
Das Projekt soll psychisch kranken Menschen Hoffnung geben, Mut machen, ihnen Beistehen, Hilfe bieten und ihnen das Gefühl geben, nicht alleine zu sein. Außerdem ermutigt es Betroffene, darüber zu sprechen, denn mentale Störungen sind immer noch zu wenig in unserer Gesellschaft anerkannt und werden als „nicht so schlimm“, „ach, hab dich mal nicht so“ und „der/die will doch nur Aufmerksamkeit“ abgetan. Dabei verdienen diese Menschen unsere Hilfe und Anerkennung. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, jeden Morgen aufzustehen und jedem Tag eine Chance zu geben, auch wenn man sich nicht danach fühlt.
Es ist wichtig, darüber zu reden, mentalen Krankheiten eine Lobby zu geben und auf solche Projekte aufmerksam zu machen. Project Semicolon hat schon so vielen geholfen und jedes Jahr kommen Dank Social Media Plattformen so viele mehr dazu. Viele Betroffene haben sich ein Semikolon als Tattoo stechen lassen, um sich daran zu erinnern, dass es ihre Entscheidung ist, weiter zu machen, und teilen diese Bilder unter dem Hashtag #projectsemicolon mit der ganzen Welt. Einige dieser Fotos und ihre Geschichten finden sich in diesem Buch wieder.

Nicht nur für Betroffene ist das Buch eine absolute (wenn auch eingeschränkte) Empfehlung; auch Angehörige und Interessierte an diesem Thema werden hier viele schockierende, zu Tränen rührende und Mut machende Berichte finden. Tut mir nur einen Gefallen, wenn ihr damit durch seid:

Gebt es weiter, sprecht darüber, macht es bekannt. Bietet Hilfe an, wenn ihr jemanden mit diesen Problemen kennt. Manchmal reicht ein Lächeln, ein Kompliment oder eine Umarmung schon aus. Lasst sie spüren, dass sie wichtig sind und dass ihr an sie denkt. Das reicht vielleicht manchmal schon – mir hätte es.

 

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2 Gedanken zu “Project Semicolon – your story isn’t over

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