Den Weihnachtsmann gibt es nicht!

Für Anna, die Cami liebt. Und für meine Mama, weil sie Kurzgeschichten „so gerne“ hat.

„Was um Teufels Willen trägst du da“, fragte Lilith geschockt und starrte Cami an.
„Ally nannte es Weihnachtsmannmütze“, antwortete Cami festlich, der in Gestalt eines schottenkarogemusterten Waschbärs auf sie zukam. „Ich finde, sie steht mir sehr gut, meinst du nicht auch?“
„Du siehst eher aus wie einer dieser albernen Weihnachtselfen, die immer in der Werbung auftauchen.“
„Ich mag sie, basta. Du kannst manchmal ein ganz schöner Grinch sein, weißt du das?“
„Ich bin gar kein Grinch“, schmollte Lilith, „Es kann ja nicht jeder so verrückt nach Weihnachten sein, wie du und Ally. Ich hab immer noch Glitzer im Fell von den Geschenkanhängern, die sie gebastelt hat. Den krieg ich nie wieder raus.“
„Hihi, aber dafür schimmerst du jetzt sehr weihnachtlich“, schmunzelte Cami.
„Ja, super. Darauf kann ich echt verzichten. Ich kann es kaum erwarten, dass Weihnachten vorbei ist und der ganze Blinkerkram und Flitter wieder weggepackt wird. Wie soll man denn bitte schlafen, wenn diese nervigen Lichter die ganze Nacht hindurch flimmern. Und dann dieser furchtbare elektrische Weihnachtsmann“, Lilith schüttelte sich, „Der ist ja wohl mega gruselig. Und jedes Mal fängt er an zu dudeln und sich zu bewegen, wenn man aus Versehen vorbei geht. Nein, danke.“
„Sag ich doch: Grinch.“
Lilith holte mit der Pfote aus, doch Cami war schneller und wich aus. Er streckte ihr die Zunge raus, sie brummte ihn an.
„Ich geh zu Ally. Wir wollen den Teller für Santa rausstellen. Willst du mitkommen?“, fragte Cami und Lilith sah das Funkeln in seinen Augen. Er glaubte an Santa, das wusste sie nur zu gut, denn er hatte sie die letzten Wochen fast täglich damit genervt. Und immer hatte sie ihm das Selbe gesagt, wie sie ihm jetzt auch antwortete.
„Santa gibt es nicht. Es ist Hannah, die nachts das Plätzchen anbeißen und einen Schluck aus dem Milchglas nehmen wird, um Allys Glaube an ihn aufrecht zu erhalten, mehr nicht. Und du als Dämon solltest das auch wissen, oder hast du ihn in all deiner Zeit jemals gesehen.“
„Nur weil ich ihn bisher noch nie gesehen habe, heißt das nicht, dass er nicht existiert. Glauben heißt sehen, sagen doch alle immer. Wenn du deinen Kopf nicht für das Unmögliche und Magische offen hältst, wird es nie passieren.“
Voller Vertrauen in seinen Glauben an Santa Claus lächelte Cami sie an und ging dann in die Küche.
Lilith streckte sich im Erkerfenster und schaute nach draußen. Sie verstand, warum Ally an Santa Claus glaubte, aber Cami? Manchmal war er wirklich komisch und sie konnte einfach nicht nachvollziehen, wie Cami so anders sein konnte als jeder Dämon, den sie kannte.
Sie schaute aus dem Fenster und beobachtete das Treiben draußen auf der Straße und dem Park gegenüber. Es war bereits dunkel und leise fielen dicke Flocken vom Himmel, was relativ selten war in England zu dieser Zeit im Jahr. Die wenigen Menschen, die draußen unterwegs waren, waren in warme Jacken und Schals gehüllt, einige mit Mützen, andere wiederum mit hochgeschlagenen Kapuzen oder ganz ohne Kopfbedeckung. Viele trugen Papiertüten mit den letzten Einkäufen vor den Feiertagen mit sich rum oder zogen Kinder hinter sich her auf dem Weg in die Kirche.
Den Park auf der anderen Seite der Straße konnte sie kaum erkennen, zu dicht fiel der Schnee. Die Straßenlaternen, die die Wege im Park beleuchteten, verliehen ihm etwas Magisches. Wie in Doktor Who, in dieser einen Weihnachtsfolge, dachte sich Lilith. Hannah hatte diese am Vorabend gesehen. Für die Serie hatte Lilith eine regelrechte Vorliebe entwickelt und verpasste keine Folge, wenn Hannah sie schaute.
Sie hörte, wie in der Küche die Ofentür geöffnet wurde und Sekunden später erfüllte der Duft von frisch gebackenen Weihnachtsplätzchen die Luft. Er mischte sich mit der Weihnachtsmusik aus dem Radio und für einen kurzen Moment fühlte sich auch Lilith in Weihnachtsstimmung.
Doch sie verdrängte diese Stimmung sofort wieder. Ein Dämon feierte keine Weihnachten, basta. Sie war zwar gerade eine Katze, aber das hieß noch lange nicht, dass sie vergaß, wer sie war.
Ally kam mit einem Teller frischer Plätzchen um die Ecke und stellte ihn auf den Kaminsims. Diesen hatte sie am Vormittag mit Hannah mit Tannenzweigen und Bändern verziert und vier Socken daran befestigt. Eine für Ally, eine für Hannah, eine für Cami und eine für Lily. Lilith hatte sich an diesen Namen gewöhnt, auch wenn sie Cami immer noch böse anfunkelte, wenn er sie so nannte. Doch auch, wenn sie Weihnachten nicht mochte, sie war gerührt, dass Hannah und Ally auch an sie dachten. Denn wer bekam nicht gerne Geschenke?
Neben den Teller mit Plätzchen stellte Hannah ein Glas Milch, dann nahm sie ihre Tochter in den Arm und gab ihr einen Kuss auf die Stirn.
„Glaubst du, er kommt dieses Jahr wieder?“, fragte Ally ihre Mutter.
„Solange du an ihn glaubst, wird er auch kommen, mein Schatz“, antwortete Hannah.
„Lizzy aus meiner Klasse sagt, Santa gibt es nicht, und dass die Geschenke ihre Eltern unter den Baum legen“, sagte Ally ernst, „Nur Babys würden an Santa glauben, sagt sie.“
Hannah drehte ihr Tochter so, dass sie ihr in die Augen schauen konnte.
„Niemand kann dir vorschreiben, was du glauben sollst, Ally. Wenn du fest daran glaubst, dass es Santa gibt, dann existiert er auch. Das ist wie mit den Feen in Peter Pan.“
Ally sah ihre Mutter einen Moment an und Lilith erkannte, wie es hinter der Stirn des Mädchens arbeitete. Dann nickte sie ihrer Mutter zu.
„Ich will nicht, dass er nicht existiert. Dafür mag ich ihn zu sehr.“
Hannah lächelte ihre Tochter an.
„Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“, fragte Hannah sie.
Ally nickte.
„Ich glaube auch ganz fest an ihn.“
Mutter und Tochter lächelten sich an, dann kuschelte sich Ally in die Arme von Hannah.
„Ich hab dich lieb, Mommy.“
„Ich dich auch, mein kleiner Weihnachtsengel.“
Gemeinsam gingen die beiden zurück in die Küche, um das Abendessen zu kochen. Lilith streckte sich und sprang dann von der Fensterbank, um ihnen zu folgen. Hannah hatte mittlerweile akzeptiert, das Lilith einfach kein Katzenfutter fraß und kochte mittlerweile auch für sie mit. Cami bekam auch eine Portion ab, auch wenn er eigentlich Futter nicht wirklich benötigte als Dämon.
Während Ally und Hannah am Esszimmertisch Platz nahmen, aßen Cami und sie ihr Essen in der Küche. Heute gab es Nudeln mit Bolognesesoße, die Lilith besonders mochte, da diese sie immer an das erste Essen erinnerte, das Ally für sie zubereitet hatte. Genüsslich schleckte sie den Teller bis zum letzten Soßenfleck ab und widmete sich dann ihren Schnurrhaaren, sodass nicht ein Tropfen der Soße verloren ging. Cami hingegen hatte wie immer seine halbe Portion auf den Boden um seinen Teller herum verteilt und wischte nun mit seinen Pfoten die Reste auf, bevor er sich diese ableckte. Lilith versuchte ihn so weit wie möglich zu ignorieren. Es hatte sowieso keinen Sinn, ihn zu belehren.
Nach dem Abendessen machte die kleine Familie es sich im Wohnzimmer gemütlich, Cami zwischen Ally und Hannah, Lilith mit gebührenden Abstand auf der Fensterbank. Obwohl sie ihre Familie sehr mochte, ließ sie sich immer noch nicht gern anfassen und schmusen erst recht nicht.
Hannah stellte den Fernseher an und gemeinsam schauten sie sich „Eine Weihnachtsgeschichte“ von Charles Dickens an. Ally hielt sich die Augen zu, als der Geist der zukünftigen Weihnacht auftauchte und schluchzte, als nur noch die kleine Krücke von Timmy zu sehen war und kuschelte sich Trost suchend an ihre Mutter. Hannah schlang lächelnd den Arm um sie und drückte sie an sich.
Nach dem Film ging Ally ins Bett, jedoch nicht ohne das sie darum bettelte, noch ein wenig aufbleiben zu dürfen. Doch Hannah erinnerte sie daran, dass Santa nur kommen würde, wenn sie fest schlief. Ally gab sich geschlagen und stapfte die Treppe nach oben. Hannah räumte die Teller vom Abendessen weg und wusch sie ab. Danach schaltete sie die Lichter des Weihnachtsbaums ab, der am Übergang zum Esszimmer stand. Liliths Kratzbaum hatte dafür weichen müssen, doch da sie ihn in letzter Zeit kaum noch genutzt hatte, störte sie das nicht weiter. Außerdem war der Weihnachtsbaum das Einzige, was sie an der Weihnachtsdekoration wirklich mochte. Hannah hatte eine echte Tanne besorgt. Er roch so gut und sie konnte nur schwer die Augen von all den glänzenden Kugeln ablenken, mit denen er geschmückt war. Manchmal kam doch die Katze in ihr durch, so sehr sie diese Instinkte auch versuchte zu unterdrücken.
Cami ging gemeinsam mit Hannah nach oben. Er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, noch ein paar Stunden in der Bibliothek zu lesen, bevor er sich auf den Lesesessel einkuschelte und einschlief. Manchmal leistete Lilith ihm dort Gesellschaft und schlief auf ihrem Kratzbaum, an anderen Tagen machte sie es sich mit Ally in deren Bett gemütlich. Doch jetzt im Winter verbrachte sie die Nächte lieber im Wohnzimmer, da es hier immer etwas wärmer war als in der oberen Etage. Sie fror einfach nicht gerne.
Lilith kuschelte sich in eines der besonders weichen Kissen auf der Fensterbank und lauschte, wie langsam die Geräusche im Haus verklangen. Hannah machte sich im Bad fertig, ging dann in ihr Zimmer und schloss die Tür hinter sich. Etwas später erlosch der Lichtkegel auf der Straße, der aus Hannahs Zimmer kam. Dann war nur noch Cami zu hören, der alle paar Minuten die Seite eines Buches umblätterte, doch auch dieses Geräusch verstummte zu später Stunde.

Lilith erwachte, als die Uhr auf dem Kamin zwölf schlug. Sie war eingenickt. Einzig das Licht der Laternen auf der Straße erhellte das Zimmer und warf lange Schatten in den Raum. Auf den Fensterscheiben hatten sich Eisblumen gebildet, die sich filigran über das Glas zogen. Bis auf das Ticken der Uhr und das Brummen des Kühlschrankes war kein Geräusch im Haus zu hören.
Lilith sprang vom Fensterbrett und ging in die Küche, um ein wenig Wasser zu schlecken. Auf dem Rückweg setzte sie sich an die Gartentür und schaute nach draußen. Wie verwandelt erstreckte sich der Garten vor ihr. Alles war mit einer weißen Schneeschicht bedeckt, die sich von der dunklen Nacht abhob. Es hatte aufgehört zu schneien und der Mond brachte die Schneelandschaft draußen zum Funkeln. Ob der Nachbarshund bei diesem Wetter wohl in seiner Hundehütte schlafen musste, oder hatten die Nachbarn ihn vielleicht doch reingelassen? Verdient hätte er es, wenn er bei dieser Kälte draußen schlafen müsste, nach allem was er ihr fast angetan hatte, dachte sie.
Ein Rumpeln und Poltern riss Lilith aus ihren Gedanken. Vorsichtig schlich sie ins Wohnzimmer, um die Quelle des Geräusches zu erkunden. Aus dem Kamin stob eine Rußwolke, kurz darauf landeten zwei schwarze Stiefel darin. Ein Husten erklang.
Lilith traute ihren Augen nicht. Das kann doch nicht wahr sein, dachte sie und versteckte sich unter dem Weihnachtsbaum. Das durfte nicht wahr sein. Ich träume, ganz bestimmt.
Aus dem Kamin kletterte ein Mann in rotem Anzug, mit einem Bart, der ein wenig grau war vom Ruß. Auf dem Kopf trug er eine ähnliche Mütze, wie die von Cami. Er klopfte seine Kleidung ab und ging dann zum Weihnachtsbaum. Lilith presste sich dicht an den Stamm, um nicht entdeckt zu werden, doch umsonst.
„Komm vor, Lilith“, grollte die tiefe Stimme von Santa Claus durch den Raum, „Ich tu dir schon nichts.“
Zitternd kroch Lilith unter dem Baum hervor.
„Du bist doch sonst nicht so ängstlich“, lachte er.
„Du … du existierst nicht“, war das Erste, was Lilith hervor stottern konnte.
Santa lachte wieder und hielt sich den Bauch.
„Würde ich hier vor dir stehen, wenn ich es nicht täte?“
Lilith schluckte und schüttelte vorsichtig den Kopf.
„Du warst sehr tapfer dieses Jahr und hast dich sehr gebessert, Lilith. Ohne dich und deinen kleinen Freund wären dieser Familie viele schlimme Dinge zugestoßen. Doch ihr habt sie davor bewahrt. Ich bin stolz auf dich.“
Hätte Lilith rot werden können, in diesem Moment wäre sie es geworden.
„Danke“, stotterte sie.
„Du hast deine Familie gefunden und nicht nur einmal beschützt. Und du hast die Liebe in dein Leben gelassen. Nur die wenigsten Dämonen sind dazu fähig. Mach weiter so, Lilith“, sagte er und streckte vorsichtig seine Hand nach unten, um ihr über den Kopf zu streichen. Lilith stand so unter Schock, dass sie es einfach geschehen ließ.
Santa stand vor ihr. Der echte Santa. Und er kannte ihren Namen. Und nicht nur das: Er wusste, wer sie war und was sie in den letzten Monaten alles getan hatte. Wenn sie das Cami erzählen würde, er würde ihr kein Wort glauben.
Santa zog seine Hand wieder zurück und griff nach einem kleinen Beutel an seinem Gürtel. Er stellte ihn auf den Boden und zog einen Zauberstab aus seinem Stiefel, mit dem er den Beutel berührte. Dieser wuchs plötzlich auf das achtfache seiner Selbst an. Als Santa mit dessen Größe zufrieden war, steckte er den Zauberstab wieder weg und griff hinein. Heraus nahm er zwei Geschenke und legte sie unter den Weihnachtsbaum. Dann zog er vier kleinere nacheinander heraus und füllte die Socken am Kamin.
„Ich beschenke nur noch die, die an mich glauben“, sagte er zu Lilith mit einem Zwinkern, „Das erleichtert die Arbeit ungemein, weißt du?“
Erneut holte er den Zauberstab aus dem Stiefel und tippte den Beutel wieder an, der auf seine vorherige Form zurück schrumpfte. Er hing ihn zurück an seinen Gürtel und ließ den Stab wieder an seinen Ort verschwinden.
„Ich wünsche dir ein schönes Weihnachtsfest, Lilith“, sagte er, bevor er zum Kamin ging. Dort nahm er eins von Allys Plätzchen und biss hinein.
„Hm“, machte er genüsslich, „Allys gehören zu den Besten auf meiner ganzen Tour.“
Er zwinkerte Lilith noch einmal zu, dann kletterte er zurück in den Kamin und war im nächsten Moment verschwunden.
Lilith starrte ihm verwirrt nach und folgte ihm in den Kamin. Neugierig schaute sie den Schacht hinauf, doch sie sah niemanden. Sie glaubte, Glöckchen zu hören, hunderte oder so, dann war das Geräusch weg und das Haus wieder so still wie zuvor.
Lilith kam wieder aus dem Kamin. Es gab ihn also wirklich. Diesen Schock musste sie erst einmal verdauen.
Verwirrt zog sie sich wieder ins Fensterbrett zurück. Die Uhr auf dem Kaminsims schlug halb eins. Lilith schaute nach draußen. Nichts hatte sich geändert. Noch immer lag die Straße und der Park ruhig vor ihr, die Schneedecke unberührt. Nichts zeugte davon, was gerade geschehen war.
Sie schüttelte ungläubig den Kopf und rollte sich zusammen. Im nächsten Moment war sie wieder eingeschlafen.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte,  war sie fest davon überzeugt, nur geträumt zu haben. Santa Claus? Den gab es nicht.
Nur das Rußfleck in Form eines Schuhabdrucks ließ sie ein wenig daran zweifeln.

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