Cami

Hier ist ein kleiner Ausblick auf meinen NaNoWriMo-Roman bzw. auf eine meiner Nebenfiguren daraus. Denn dieser ist älter als die Idee zu diesem Buch und aus einer Geschichte, die in meinem Ideenfriedhof gelandet ist. Die Figur jedoch blieb mir bis heute im Kopf und wollte in meinem neuen Buch mitspielen. Da ich den kleinen Dämon so sehr liebe (und er perfekt zur neuen Geschichte passt), darf er das nun auch. Ihr dürft gespannt sein.

„Mach, was ich dir sage, Cami.“
„Aber Meister, ihr wisst nicht, was ihr mit diesem Zauber anrichtet. Vielleicht solltet ihr lieber …“
„Bist du der Meister oder bin ich es?“ Zornesröte stieg in Meister Corvens Gesicht. Er konnte es nicht leiden, wenn dieser Feigling von einem Dämon ihm widersprach.
Dass Magie unberechenbar war, wusste er selbst, schließlich rieb ihm der Anblick von Cami es doch jedes Mal unter die Nase. Er hatte einen mächtigen Hausdämon heraufbeschwören wollen, einen mit mehr Magie, die er für seine Pläne benötigen würde. Stattdessen musste er mit Cami vorlieb nehmen, einem Dämon, der gerade genug Magie hatte, um eine Kerze zu entzünden.
Der Dämon drückte sich mit dem Rücken gegen einen der großen Steine, die die beiden kreisförmig umgaben. Er wimmerte vor sich hin, während sein Schwanz nervös zuckte.
Meister Corven beachtete den Dämon nicht weiter. Er würde ihn erst später benötigen. Konzentriert wendete er sich wieder dem alten Buch zu, welches vor ihm im fast schon verwelkten Gras lag. Die Sonne ging langsam zwischen den Steinen unter, doch noch spendete sie genug Licht, sodass Meister Corven die alten Beschreibungen aus dem Buch lesen und die Zeichnungen mit einem Ast in den Boden übertragen konnte. Nach und nach entstand aus den Linien ein kompliziertes Muster aus sich immer wiederholenden Kreisen und Pentagrammen in der Mitte des Steinkreises. Wenn er alles richtig angeordnet hatte, würden die Linien seine Beschwörung stabilisieren und damit seinen Zauber unterstützen. Dann wäre er mächtiger, als jeder Zauberer vor ihm, mächtiger sogar als die naturverliebten Wächter. Niemand würde sich dann mehr trauen, an ihm zu zweifeln, im Gegenteil. Endlich anerkennen, das würden sie ihn. Dann würden sie zu ihm kommen und ihn um Hilfe bitten und er hätte die Freiheit, es ihnen abzuschlagen und nicht sie.
Er beendete sie Zeichnungen platzierte an den dafür vorgesehenen Stellen fünf schwere goldene Kerzenständer mit jeweils einer schwarzen Kerze. Sein Dämon musste nur noch mit seiner Magie die Kerzen entzünden, eine Notwendigkeit um sich die Unterstützung der dunklen Mächte während der Beschwörung zu sichern.
„Komm her, du verdammter Bastard“, schnauzte er den Dämon an, „Du weißt, was du zu tun hast.“
Widerwillig trottete der kleine Dämon aus seiner Deckung auf den Rand des Beschwörungskreises zu, so langsam wie er konnte. Er wollte das hier nicht machen.
„Mach hin, du Nichtsnutz, wir haben nicht die ganze Nacht Zeit.“
Zitternd hob Cami seine Pfoten. Er wusste, welches Unheil sein Meister mit diesem Zauber anrichten würde, wusste auch, dass der Meister selbst davon keine Ahnung hatte. Er mochte seinen Meister nicht, doch das, was heute Nacht geschehen würde, wünschte er keinem. So, wie die Beschwörung im Buch beschrieben war, würde sie nicht wirken. Cami kannte sie jedoch, konnte sich auch denken, wie sie zwischen die Seiten gelangt war.
Magische Bücher wurden von Meister zu Meister weitergereicht und viele hatten einen Dämon. Einer dieser Dämonen musste die Beschwörung dem Buch hinzugefügt haben, einer, der dem Schattenlord treu ergeben war. Dass kein anderer Meister vor seinem den Zauber ausprobiert hatte, schien Glück oder Zufall gewesen zu sein.
Ungeduldig scharrte Meister Corven mit den Füßen in der Erde, während er wartete, dass Cami endlich die Kerzen entzündete. Selbst diese einfache Aufgabe schien den nichtsnutzigen Dämon schon zu überfordern. Dass dies an seinen beschränkten Kenntnissen zur Dämonenbeschwörung gelegen haben könnte, wollte sich der Meister nicht eingestehen. Doch sobald er diesen Zauber vollbracht hatte, würde sowieso niemand mehr an ihm zweifeln.
Endlich entzündete sich der erste Docht der ersten Kerze.
„Wenn du in diesem Tempo weitermachst, stehen wir morgen früh noch unverrichteter Dinge hier, du Nichtsnutz“, brummte der Meister.
Cami wusste, dass er seine Aufgabe nicht ewig herauszögern konnte. Er hatte den Meister nicht wissen lassen, dass er mehr Magie besaß, als die meisten Dämonen, doch war ihm die schwarze Magie zu wider. Es graute ihm vor den Auswirkungen des Zaubers, graute vor der Zerstörung, die er anrichten würde. Dass er daran Mitschuld tragen würde, verbesserte das Ganze nicht gerade. Hätte er nicht bei einem harmlosen Zauberer landen können, einem, der sich lieber auf die Studien der Pflanzen- oder Tierwelt konzentrierte, seinetwegen auch auf die Erforschung von Steinen, auch wenn er für seinen Geschmack in seinem Leben genug von Steinen hatte? Er hätte etwas Sinnvolles mit seinem Dasein anfangen können, anstatt solches Unheil über die Welt bringen zu müssen.
Die zweite Kerze flammte auf.
Er hatte gehofft, sein Meister würde die Beschwörung in seiner Werkstatt durchführen mit einem Beschwörungskreis aus Kreide oder Kohle. Es wäre ihm ein leichtes gewesen, einen Teil davon unbemerkt zu verwischen, um den Zauber wirkungslos zu machen. Hier jedoch hatte der Meister ganze Arbeit geleistet. Zu tief waren die Einkerbungen im Erdreich, als dass er einfach so eine Stelle unauffällig zuschütten konnte. Der Meister würde es sofort merken, wenn er den Zauber manipulierte. So blieb ihm nur, seine Aufgabe stumm auszuführen und sich so viel Zeit wie möglich zu lassen. Doch bis zum nächsten Morgen konnte er es nicht mehr hinauszögern.
Flackernd erglomm die dritte Kerze.
„Blieben noch zwei“, murmelte Meister Corven vor sich hin. Was sein ehemaliger Lehrmeister nun wohl von ihm denken würde, wo er kurz davor stand, der mächtigste Zauberer aller Zeiten zu werden? Sicherlich würde er nur kurz von seinen Büchern aufblicken, „Schön, schön“, murmeln und sich wieder seinen Studien widmen. Er hatte nie Ehrgeiz besessen, Größeres anzustreben. Nicht einmal einen Dämon hatte er als Diener gehabt. „Wissen …“, hatte er er immer gepredigt, „Wissen ist die größte Macht, die du jemals erlangen kannst, mein junger Schüler.“ Pah, was sollte er mit Wissen, wenn er es nicht anwendete, wenn die anderen Zauberer ihn nur belächelten, weil er kaum eine Beschwörung ordentlich hinbekam aus Mangel an praktischer Übung.
Die vierte Kerze leuchtete auf und ihr oranger Schein erhellte die Erde um sie herum. Die Sonne verabschiedete sich hinter dem Horizont und die Nacht senkte sich auf sie herab. Um sie herum zirpten die Grillen und ab und an glomm am Rand des Steinkreises ein Glühwürmchen auf. Was für eine schöne Nacht, dachte sich Cami. Was für ein furchtbares Ende würde sie nehmen. Nun konnte er keine Zeit mehr herausschinden, nun konnte er nicht mehr aufhalten, was geschehen würde.
Bedrohlich entfachte sich die Flamme der fünften Kerze.
Die Linien des Beschwörungskreises erglommen in einem weißen Leuchten, welches die beiden und den Steinkreis in ein unheimliches Licht tauchte. Der Meister lächelte, während er die Beschwörungsformel murmelte. Cami machte sich so klein wie möglich und verfolgte mit Schrecken, was geschah. In der Mitte des Kreises begann die Luft zu flimmern und dann schlug aus heiterem Himmel ein Blitz genau in die Mitte ein und ein Riss in der Luft entstand.
Verwirrt hatte der Zauberer seine Beschwörung unterbrochen. Den Beschreibungen des Buches nach hätte in der Mitte des Kreises eine Lichtkugel entstehen müssen, die ihm dann mit der gewünschten Macht versorgt hätte, nicht aber ein Riss in der Luft. Irgendetwas lief schief. Sicherlich war dieser Idiot von Dämon Schuld daran.
Aus dem Riss, der unheimlich von innen zu leuchten schien, schälte sich eine schwarze Masse heraus, die zähflüssig zu Boden glitt. Langsam bewegte sich die Masse auf Meister Corven zu, der, in Schock erstarrt, nicht wusste, was er tun sollte. Die Welt um ihn herum schien still zu stehen, es gab nur noch ihn, den Riss und die sich windende Flüssigkeit. Das Gras, welches durch sie berührt wurde, blieb schwarz und leblos zurück, alles Leben aus ihm heraus gesaugt. Immer näher kam sie und schlussendlich umfloss die Masse seine Füße und stieg seine Beine hinauf. Erst da erwachte er aus seiner Starre und versuchte verzweifelt, die Flüssigkeit abzuschütteln. Doch diese schien sich an seinen Beinen festgesaugt zu haben. Mit seinen Fingern versuchte er, sie abzustreichen, doch die Masse saugte sich nur auch an diesen fest und zog sich von seinen Händen über seine Arme hoch zu seinem Kopf. Meister Corven versuchte, um Hilfe zu schreien, doch sobald er den Mund aufgemacht hatte, kroch die schwarze Flüssigkeit in diesen und erstickte jedweden Schrei. Seine aufgerissenen Augen waren das letzte Zeichen von Widerstand, welches er leisten konnte, bevor auch diese von der schwarzen, zähflüssigen Masse überdeckt wurden und nichts mehr von ihm übrig blieb.
Cami hatte alles mit angesehen, während er sich zitternd an einen der großen Steine drückte, die den Beschwörungskreis und den Riss umringten. Er wusste, dass der Schatten, was die Masse in Wirklichkeit war, ihm nichts anhaben würde und doch jagte er ihm Angst ein. Dass er mitgeholfen hatte, die Schattenwelt zu öffnen und damit das Leben in dieser Welt dem Untergang weihte, tat ihm unglaublich Leid, doch er hatte alles versucht, seinen Meister davor zu warnen.
Die schwarze Masse, die seinen ehemaligen Meister umschlossen hatte, formte sich zu einem schlanken Schattenmann. Er drehte sich zu dem verängstigten Cami und öffnete seine Augen, die rot in die Nacht leuchteten.
„Ich danke dir, Cami. Du hast uns geholfen. Das wird der Herr der Schatten dir nicht vergessen.“ Mit langen Schritten verließ die schwarze Gestalt den Steinkreis, bereit die neue Welt zu zerstören.

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