Die Tänzerin im Regen

Ein Tropfen landete auf ihrer Nase. Verwundert blieb sie stehen und schaute nach oben. Ein weiterer traf sie auf die Wange, lief an ihrem Gesicht herunter. Sie schloss ihre Augen und atmete tief durch. Um sie herum war es still. Zu dieser Tageszeit waren kaum noch Menschen unterwegs, verbrachten die Zeit lieber auf dem Sofa vor ihren Fernsehern oder waren schon im Bett. Sie war noch im Büro geblieben, musste noch einen Auftrag beenden, der am nächsten Tag fällig war.
Noch einmal atmete sie durch, sog den Geruch des Regens in sich auf, bevor sie die Augen wieder öffnete.
In der Mitte des Platzes, auf dem sie stand, drehte sich einsam im orangen Licht der Straßenlaternen ein Mädchen im Regen. Ihr roter Rock umschmiegte jede ihrer Drehungen, ihre nassen Haare reflektierten das Licht. Die Tropfen des Regens tanzten mit ihr, unterbrachen das monotone Fallen der parallelen Gleichmäßigkeit, um sie zu begleiten. Das Mädchen hatte die Augen geschlossen, ihr Kopf war in Richtung Himmel erhoben. Die Arme zur Seite ausgestreckt, tanzte sie mit dem Regen, schien ihrer eigenen Musik zu folgen und die Welt um sich herum vergessen zu haben. Nichts schien wichtig zu sein, nichts von Belang. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen, während der Regen ihr Gesicht benetzte, ihre Haare und Kleidung durchnässte.
Fasziniert schaute sie dem Mädchen zu. Wie unbeschwert es war. Keine Sorgen schienen es in diesem Moment zu drücken. Sie war frei, glücklich. Noch einmal so sein, dachte sie sich, noch einmal so unbekümmert. So naiv im Hier und Jetzt leben können, so einfach den Moment genießen.
Sie seufzte. Dem Stress konnte sie nicht entkommen, ihrem Leben erst recht nicht. Sie schloss die Augen und massierte sich mit der Hand die rechte Schläfe.
Der Regen hatte zugenommen, als sie wieder die Augen öffnete. Sie griff in ihre Handtasche, deren Rot die Nässe verdunkelt hatte, auf der Suche nach ihrem Schirm, fand ihn und spannte ihn auf. Sie war allein, denn wer würde schon bei diesem Wetter nach draußen gehen.

Advertisements

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Franzi sagt:

    Eine wirklich schöne Geschichte. Die Stimmung hast du ziemlich gut eingefangen, wie ich finde.
    Kann es sein, dass sie sich das Mädchen nur vorgestellt hat?

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s