Eine Coerder Weihnachtsnacht

Weihnachten steht vor der Tür und nachdem ihr letzte Woche eine Kurzgeschichte zu diesem Thema von mir bekommen habt, folgt hier nun auch noch eine von meiner Freundin Eleonore. Wir wünschen Euch fröhliche Weihnachten!

Im weit entfernten Westdeutschland liegt eine kleine Stadt namens Münster, ein unscheinbares Örtchen, das sich still und verwunschen irgendwo in Nordrhein-Westfalen zwischen Hier und Dortmund eingenistet hat.
Nach außen hin ist nichts Ungewöhnliches festzustellen, wenn man durch Speicher 12 in der Speicherstadt Coerde geht, lange Gänge, hohe Regale und viele, viele graue Pappschachteln voller Scherben. Spärliche Zeichenpulte mit altmodischen Lampen und unordentlich sortierten Zeichenwerkzeugen auf weißen Bögen Papier und Stapeln Pergamentpapier. Offene Bürotüren mit Blick auf Zettelberge und Aktenstapel, achtlos beiseitegestellte Kaffeebecher und schwarze Computerbildschirme mit kleinen, gelben Notizzetteln. In einer Ecke im fünften Stock steht eine kleine Krippe und kündigt das bevorstehende Weihnachtsfest an, mit kleinen Plastikfigürchen von Maria und Josef und einem Jesuskind. Irgendwo zwischen den hohen Regalen und Zeichentischen verharrt eine recht ungewöhnliche Gemeinschaft: Die Drei Heiligen Könige stehen, gefolgt von einem kleinen, grauen Plastikelefanten und, in recht typischem Archäologenhumor, den Figürchen zweier Neandertaler, einer Frau und einem Mann, aber ansonsten ist hier nichts entgegen der Norm, nichts Ungewöhnliches gibt es zu entdecken.
Und doch – wenn das letzte Licht in Speicher 12 erlischt und der letzte Zeichner sein Pult verlassen hat, dann geschieht etwas Magisches. Etwas Unerwartetes. Etwas, von dem alle Archäologen  wissen, aber es hüten wie ein kostbares Kleinod.

 „Öhm…“ Ein leises Hüsteln durchbrach die nächtliche Stille. Ein kleiner Kopf lugte um den Türrahmen eines Büros hinaus in den Flur. Dieser Kopf gehörte einer recht ungewöhnlichen Person. Er ragte ungefähr fünf Zentimeter über den staubigen Flurboden und blickte sich nun mit scharfen Augen um.
„Und? Was siehst du?“ Ein zweiter, etwa genauso großer Kopf blickte nun der ersten Figur über die Plastikschulter. Der Angesprochene verengte die Augen zu winzigen Schlitzen in dem Bemühen, in der Dunkelheit besser sehen zu können. Schließlich schüttelte er den Kopf.
„Nichts. Sieht aus, als hätten wir sie abgehängt.“
Caspar atmete erleichtert aus. Diese affenähnlichen Geschöpfe, die ihnen seit ihrer Ankunft im Speicher beinahe überall hin folgten, waren ihm leicht unheimlich gewesen. Sie konnten nicht sprechen, sondern starrten ihn und seine Begleiter nur immer mit großen, schwarzen Augen an. Äußert unangenehm. Er winkte seinem Hintermann zum Aufbruch. Als dieser jedoch kein Zeichen der Zustimmung von sich gab, wandte Caspar sich irritiert um. In der Finsternis konnte er den Umriss seines anderen Begleiters ausmachen, der sich gegen die Wand gelehnt hatte und nun anscheinend fest schlief, den regelmäßigen Atemzügen nach zu urteilen. Caspar gab dem Schlafenden einen Tritt in die Seite, woraufhin dieser abrupt aus dem Schlaf fuhr. Melchior war der Jüngste in ihrer kleinen Gruppe, und die beiden anderen Könige hatten nicht selten ihre liebe Müh mit ihm. Er war mit einem Schlag hellwach, als ihm seine Begleiter eröffneten, sie hätten nun freie Bahn.
„Können wir Aufzug fahren?“, quietschte er aufgeregt. Caspar rollte mit den Augen. Baltasar, der wieder wachsam den Flur beobachtete, beschloss die Frage zu ignorieren.
„Immer noch nichts zu sehen. Dann kommt, lasst uns gehen und … Halt!“, rief er, „Wo ist Ambrosia?“ Die Anderen sahen sich um. Tatsächlich, die kleine Elefantin fehlte.
Irritiert sah sich Caspar um. „Wo steckt sie denn jetzt schon wieder? Ambrosia?!“
Ein fröhliches Trompeten antwortete ihm. Die Könige blickten sich verwundert um, und schließlich nach oben. Auf einer niedrigen, grauen Schachtel, die die Archäologen immer für ihre seltsamen Scherben verwendeten, stand die junge Elefantendame und winkte mit ihrem kurzen Rüssel.
„Ambrosia! Komm her, Kleine!“, lockte Baltasar sanft. Die kleine Elefantin trötete noch einmal beglückt über ihre gelungene Überraschung, sprang von der Kiste und plumpste etwas unsanft auf den Boden.

 In ihrer Krippe seufzte Maria schwer und richtete sich aus der sitzenden Position auf.
„So langsam könnte Josef aber echt mal zurück kommen“, murmelte sie. Wozu hatte man schließlich einen Mann, wenn der nie da war? Seitdem sie hier bei den Archäologen von Speicher 12 untergekommen waren, hatte die junge Frau ihren angetrauten Ehemann kaum noch zu Gesicht bekommen. Stattdessen lief Josef lieber stundenlang in der Gegend herum und bekam ganz glänzende Augen beim Anblick all der Schätze, wie er sie nannte. Maria konnte sich mit dem ganzen Krempel nicht wirklich anfreunden. Wenn es nach ihr ginge, hätte sie die Hälfte weggeworfen. Diese ganzen nutzlosen Scherben und rostigen Metallsachen. Hier fehlte einfach die weibliche Note. Männer waren so schrecklich unordentlich.
Sie seufzte erneut und begann, ein wenig Ordnung in ihre kleine Holzhöhle zu bringen.
In diesem Moment kam Josef freudestrahlend angelaufen. In seinen kleinen Armen hielt er eine Münze.
„Maria, Liebes, schau mal, was ich habe!“ Er hielt die für ihn viel zu große Münze hoch, damit Maria sie sehen konnte und keuchte unter der Anstrengung. Maria ignorierte ihn. Baby-Jesus lag in seinem Schaukelbettchen und krähte vergnügt, als er seinen Papa sah. Maria ging zu ihm hinüber, und strich ihm eine dunkle Locke aus der Stirn.
„So schau doch, Liebling!“
„Ja, Schatz…“
„Eine echte römische Münze!“
„Sehr schön, Liebling…“
„Und so gut erhalten!“, staunte Josef.
„Ja, Schatz…“ Maria hörte kaum noch zu. Vorsichtig hob sie Baby-Jesus aus seiner Krippe und begann ihn zu stillen.
„Mit einem Bild von Cäsar!“
„Sehr schön, Schatz…“ Sie unterdrückte ein Seufzen und warf einen resignierten Blick gen Decke.

„Wo. Sind. Wir!“ Caspar wurde langsam ungeduldig. Die Umgebung um sie herum kam ihnen nicht bekannt vor, und auch der Lageplan, über den sie schon eine gefühlte Ewigkeit gebeugt standen, gab ihnen keine Auskunft darüber, wo sie sein könnten.
„Wir könnten nach dem Weg fragen“, schlug Klein-Melchior vor. Baltasar, der Älteste und Weiseste, schüttelte den Kopf.
„Wen sollten wir denn fragen? Die Menschen würden uns nicht hören, selbst wenn sie hier wären, und die Neandertaler können nicht sprechen“, seufzte er.
Melchior blinzelte verwirrt. „Die was?“
Bevor er seinen kleinen Kollegen aufklären konnte, stutzte der weißbärtige König und sah auf zu einem kleinen Schild, dass etwa eineinhalb Meter über dem Boden neben einer Bürotür festgenagelt war.
„Wenn ich das lesen könnte…“, murmelte er. „Wir müssen versuchen, da irgendwie auf das Regal zu klettern!“ Er deutete auf ein schwindelerregendes Gerüst, das in gewaltigen Höhen ragte.
„D-da rauf?“ stotterte Melchior schockiert. „Nie im Leben!“

Maria wischte sich den Schweiß von der Stirn und betrachte ihr Werk. Nach mehreren Stunden des Putzens, Polierens, Sauberwischens und Sortierens hatte sie es endlich geschafft, so etwas wie Ordnung in ihren Stall zu bringen. Unterdessen war Josef wieder losgezogen. Maria hörte in regelmäßigen Abständen aus irgendwelchen Richtungen Ausrufe des Entzückens, wenn ihr Mann wieder irgendeinen verstaubten, verdreckten oder verrosteten Gegenstand fand. Sie kam nicht dahinter, warum er so ein Theater um ein paar Scherben machte, bloß, weil man sie mit ein paar weißen Kennziffern am unteren Rand versehen hatte.

 „N-n-nie wieder klettern wir auf s-so ein Ding!“ Melchior zitterte am ganzen Leib, als sie schließlich nach über einer Stunde des Kletterns das oberste Regalbrett erreichten.
„Ach komm, Kleiner, so schlimm war es nun doch nicht!“, versuchte Caspar ihn zu beruhigen.
„Stell dir nur vor, da müssen wir auch wieder RUNTER!“
Baltasar trat mit ihrem kleinen Lageplan an den Rand des Regalbretts und versuchte das Schild an der Wand zu entziffern. Er schnalzte mit der Zunge.
„Tja, es scheint so, als wären wir hier…“, er deutete auf den Lageplan, „…falsch aus dem Aufzug gestiegen. So was kann halt mal passieren.“
„Bloß weil unser Kleiner wieder Aufzug fahren wollte“, grummelte Caspar und warf Melchior einen wütenden Blick zu. „Und wohin müssen wir dann?“
„Öhm…wir müssen jetzt eigentlich runter in die … Restaurierung… und von da… lass mich sehen… ja, dann hier wieder hoch…“, sagte Baltasar nach einem Blick auf die Karte.
„Können wir Aufzug fahren?“ Melchiors Augen leuchteten auf. „BIIITTTEE!“
Caspar deutete nach unten, wo Ambrosia, das Elefantenkind, fröhlich umhersprang und versuchte, Staubkörner mit ihrem Rüssel zu fangen.
„Wenn wir es heile wieder bis nach unten schaffen…“

Draußen begann es bereits zu dämmern.
Genau um fünf vor sieben kam ein silberner Opel vor den großen Eingangstüren von Speicher 12 zum Stehen und ein Mann mittleren Alters mit dunklen Haaren und Brille stieg aus. Mit schleppenden Schritten erklomm er die Stufen zum Gebäude, denn es war noch früh am Morgen und recht kalt.
Er schloss die abgesicherten Türen auf und trat in den Eingangsflur, während er im Gehen sich der Mütze und den Handschuhen entledigte. Seine Schritte hallten laut nach auf dem Weg zum Aufzug.

Klein-Melchior war der erste, der das Rauschen des Aufzuges hörte.
„Hört ihr das?“, fragte er. Momentan hing er zwischen zwei Regalstreben auf halber Höhe auf dem Weg abwärts und hatte Mühe, sich festzuhalten.
Caspar, der gerade Baltasar half, hielt inne. Als er ebenfalls den Aufzug hörte, wurde sein dunkles Gesicht ganz weiß, und auch der alte Baltasar schien nicht auf diese Wendung der Ereignisse vorbereitet zu sein. Melchiors Atem beschleunigte sich in einem plötzlichen Anfall von Panik und seine Hände wurden ganz klamm. Unten trötete Ambrosia unsicher und tänzelte nervös auf der Stelle. Wie gebannt starrten sie alle auf die noch verschlossenen Aufzugtüren.

In Gedanken abwechselnd bei seinem gemütlichen Bett, in dem die Freundin noch tief schlummerte, und einer heißen Tasse Kaffee, die er sich gleich erstmal ansetzen würde, fuhr der Archäologe mit dem Aufzug hoch in die fünfte Etage. Dabei tippte er mit dem Fuß auf den Gummiboden. Der Fahrstuhl war wirklich langsam.
Schließlich war er oben angekommen. Der Aufzug wurde langsamer, kam dann ganz zum Stehen und die Fahrstuhltüren glitten schnurrend auf.

„Ich kann mich nicht mehr halten!“ Melchior war den Tränen nahe. Seine Arme schmerzten, wie er so da hing. Jeden Augenblick konnte der Mensch hereinkommen, und dann wäre es das gewesen. Ambrosia trötete panisch.
„Halt durch, Melchior!“ Caspars Stimme war dringlich und fordernd, aber auch er verspürte Angst um seinen kleinen Kameraden.
Melchior schluchzte. Das Surren des Aufzugs wurde langsamer. Ambrosia hatte aufgehört zu tröten und war ganz still geworden.
„Hilfe“, konnte Melchior nur noch sagen, als die Kraft in seinen Händen ganz nachließ und er spürte, wie er den Halt verlor. Im Fallen hörte er die Rufe seiner Freunde.

Die Fahrstuhltüren glitten schnurrend auf.
Der Archäologe trat aus dem Aufzug und ging, in Gedanken immer noch bei der Tasse Kaffee, die in diesem Moment doch erreichbarer war als seine Freundin, an dem Rollregal vorbei in sein Büro. Dann stutzte er. Er wandte sich um und sah zwei kleine Plastikfigürchen auf dem zweiten Regalbrett von oben stehen, und ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Dann fiel sein Blick auf die dritte, am Boden liegende Plastikfigur, neben der ein kleiner Plastikelefant stand.
„He, na so was“, murmelte der Archäologe, hob die beiden Figuren hoch und stellte sie zu den anderen. Die Plastikneandertaler waren nirgends zu sehen. „Wo habt ihr denn die anderen gelassen?“
Er warf einen letzten Blick auf die reglosen Figürchen und betrat dann, immer noch lächelnd, sein Büro im fünften Stock des Speichers 12.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s