Luises Weihnachten

Luise mochte ihre Großmutter nicht. Jedes Mal zu Weihnachten oder an deren Geburtstag schleppten ihre Eltern sie zu ihr, jedes Mal versicherten sie ihr, dass es doch nicht so schlimm sei. Doch das war es. Wirklich, jedes Mal.

Nach drei Stunden Autofahrt hielten sie vor dem Mehrfamilienhaus, dessen ehemals lachsfarbene Hauswand von schlammigen Flecken übersät war. Ihre Großmutter war vor einigen Jahren in die Wohnung im Erdgeschoss gezogen, die über eine Terrasse mit dem dahinter liegenden Garten verbunden war. Während ihre Eltern aus dem Auto ausstiegen, versuchte Luise angestrengt, mit dem Kindersitz zu verschmelzen. Vielleicht klappte es ja dieses Mal. Wenn sie sich nur genügend konzentrierte …
Ihre Mutter klopfte ungeduldig ans Fenster. Nur widerwillig löste Luise den Gurt und öffnete die Tür.
„Jetzt komm schon, Schatz. Du hast Oma doch schon seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen. Sie freut sich doch so auf dich.“
Luise grummelte nur und trampelte hinter ihren Eltern durch den Schnee zur Haustür. Ihre Eltern mussten doch wissen, wie wenig sie ihre Großmutter mochte, dachte Luise und stieß ihren Stiefel nur noch härter in den Schnee. Eine Matschladung landete auf dem Hosenbein ihrer Mutter, die sich sofort umdrehte.
„Luise, also wirklich. Benimm dich bitte.“
Wieder erwiderte sie nichts, ließ nur ihren Kopf sinken und seufzte. Ihr Vater blieb vor der Tür stehen und klingelte. Bitte hab uns vergessen, dachte Luise, bitte sei nicht Zuhause. Doch leider wurde sie enttäuscht, denn nur Sekunden später summte die Tür und ihr Vater trat ein. Ihre Mutter drehte sich zu ihr um, legte Luise die Hand auf die Schulter und schob sie sanft, aber bestimmend vor sich her in den Hausflur. Eine Wohnungstür am Ende des Ganges öffnete sich und traditionelle Weihnachtsmusik, gesungen von blonden Knaben in blauen Anzügen, von der selben knarzenden Weihnachtsplatte, die ihre Großmutter jedes Jahr spielte, drang heraus.
„Da seid ihr ja endlich.“
Mit weit geöffneten Armen trat ihre Großmutter aus der Tür, in die Luises Mutter ihr einziges Kind sofort hineinschob. Die Arme schlossen sich um sie wie zwei Schraubstöcke und drückten sie gegen den üppigen Busen.
„Nun kommt erst mal rein, ihr Lieben.“
Luises Mutter drückte der Großmutter einen Kuss auf die Wange, ihr Vater ging mit einem Lächeln an ihr vorbei in die Wohnung. Luise steckte noch immer zwischen den Brüsten ihrer Oma, als diese die Tür schloss.
„Wie groß du geworden bist, mein Luischen“, trällerte ihre Großmutter, während sie sie aus ihren Armen befreite, nur um ihr sogleich in die Wangen zu kneifen.
„Du könntest mich ruhig öfter besuchen, schließlich bist du ja meine Lieblingsenkelin.“
„Sie ist ja auch deine einzige“, lachte ihr Vater. Luise nutzte die kurze Unaufmerksamkeit ihrer Großmutter und entschlüpfte deren Griff. Sie verkroch sich hinter ihrer Mutter und rieb sich die schmerzenden Wangen.
„Zieh dich endlich aus, Luise. Das ist unhöflich“, ermahnte ihre Mutter sie.
„Jetzt lass doch das arme Kind“, erwiderte Großmutter, „Kommt mit ins Wohnzimmer. Luischen wird sicher gleich nachkommen.“ Sie zwinkerte Luise zu und schob deren Eltern durch die Tür, aus der die Musik kam.
Luise atmete durch. Langsam nahm sie ihre Mütze vom Kopf, bedacht darauf, soviel Zeit wie möglich alleine im Flur zu verschwenden, um nicht ihren Eltern in Großmutters Stube folgen zu müssen. Sie beugte sich nach unten und entwirrte mit besonderer Sorgfalt ihre Schnürsenkel, die sie sonst nur öffnete, wenn sie die Schuhe wieder anzog. Gemächlich schlüpfte sie erst aus dem einen, dann aus dem anderen Stiefel und stellte sie ordentlich nebeneinander, richtete sie sogar parallel zu denen ihrer Mutter aus. Dann begann sie, langsam jeden Druckknopf ihrer Daunenjacke einzeln zu öffnen, bevor sie sich dem Reißverschluss widmete.
„Luise, jetzt beeil dich.“ Ihre Mutter war aus dem Wohnzimmer getreten, um nach Luise zu schauen. „Was soll das Theater, Luise? Willst du mich ärgern?“
Sie nahm ihr die Jacke aus der Hand, hängte sie auf und zerrte Luise hinter sich ins Wohnzimmer.
„Setz dich hin und benimm dich“, raunte ihre Mutter ihr drohend zu, während sie Luise neben sich auf das rosa Plüschsofa zog.
Der Raum war eine einzige, bunte Weihnachtshölle, fand Luise. Überall standen kitschige Weihnachtsfigürchen: Weihnachtsmänner mit roten Wangen, Porzellanpüppchen in roten und grünen Elfenkostümen, dicke Weihnachtsengel und Schneemänner in jeglichen Positionen. Mehrere Räucherhäuschen gleichzeitig füllten die Luft mit schwerem Weihrauch, während die Weihnachtsbeleuchtung im Fenster im Sekundentakt zwischen blau, rot und grün wechselte. Das Schlimmste jedoch war der weiße Plastikbaum, der über und über mit pastellfarbenen Kugeln und Lametta behangen war. Noch nicht einmal die bunte Lichterkette, die zwischen all dem Flitterkram kaum sichtbar war, konnte dessen Anblick retten.
Luises Vater saß in einem Sessel, ihre Großmutter ihm gegenüber in einem anderen. Zwischen ihnen und dem Plüschsofa stand auf dem Couchtisch ein Teller mit selbst gebackenen Plätzchen. Luise hatte gelernt, die Plätzchen nicht anzurühren, hatte sie doch ihren ersten Milchzahn an diese Gebäckstücke vor ein paar Jahren verloren, so hart waren diese. Im Sommer, wenn sie Großmutter zu ihrem Geburtstag besuchten, stand an dieser Stelle immer eine Schale mit rosa- und türkisgestreiften Pfefferminz-Bonbons.
„Wir haben dir etwas zu Weihnachten mitgebracht, Margarete“, sagte ihr Vater zu ihrer Oma und reichte ihr ein Paket aus dem Beutel neben sich.
„Das war doch nicht nötig von euch“, strahlte Großmutter ihn an, „Ihr wisst doch: Das größte Geschenk, dass ihr mir machen könnt, ist vorbeizukommen.“ Aus dem Augenwinkel sah Luise, wie ihre Mutter ihre Lippen zu einem schmalen Strich zusammen zog. So ähnlich schaute sie Luise auch immer an, wenn diese etwas tat, was sie nicht mochte.
„Wir machen das doch gerne, nicht war Schatz?“, lenkte ihr Vater ein, bevor ihrer Großmutter das Gesicht ihrer Mutter auffallen konnte.
„Aber sicher“, erwiderte Luises Mutter, „Das weißt du doch.“ Sie verzog ihren Mund zu einem Lächeln, doch Luise sah, dass es nicht echt war.
Die Großmutter öffnete die rote Schleife des Paketes und entfernte dann sorgfältig das Papier, ohne es zu zerreißen. Luise wusste, dass sie es noch einmal benutzen würde, was ihre Mutter jedes Mal, wenn sie wieder auf dem Heimweg waren, bemängelte.
„Oh, Pralinen. Und auch noch die Guten“, lächelte Großmutter. „Aber nun seid ihr dran. Ich hab natürlich auch etwas für euch.“ Mit diesen Worten wuchtete sie sich aus ihrem Sessel und ging mit den Pralinen in der Hand zum Weihnachtsbaum. Die Schachtel Schokolade tauschte sie gegen drei Geschenke aus, die sie darunter platziert hatte, und reichte das größte der drei ihrer Tochter.
„Das ist für dich und deinen Mann.“
„Danke, Mutter.“ Mit flinken Fingern riss sie das Papier und das Geschenkband weg und zerknüllte es zu einem Ball, den sie zwischen sich und Luise platzierte. Luise sah zu ihrer Großmutter und bemerkte, wie sehr sie die Handlung ihrer Mutter verletzte. Doch ebenso schnell, wie ihre Mutter das Paket ausgepackt hatte, verschwand auch der Gesichtsausdruck und wurde wieder durch ein Lächeln ersetzt.
„Ich musste sofort an euch denken, als ich die entdeckt habe“, kommentierte Großmutter ihr Geschenk, „Du hast Katzen doch früher schon immer so gemocht und jetzt wo ihr das neue Sofa habt…“
Aus einer Pappkiste holte Luises Mutter zwei Kissen, nebst Bezügen, die mit jeweils drei Kätzchen bestickt waren, die mit einem Wollknäuel spielten. Luise wusste, dass diese Kissen niemals auf dem teuren, neuen Sofa ihrer Eltern landen würde, sondern zusammen mit allen anderen Geschenken ihrer Großmutter in einer Ecke im Keller.
„Danke, Mutter“, wiederholte sie. Das war alles, was ihre Mutter herausbrachte.
„Und nun zu dir, Luischen“, sagte Großmutter und reichte ihr das erste Paket. Luise machte es sorgsamer auf, als ihre Mutter vor ihr, und schob das Papier vorsichtig auseinander. Darin tauchte ein roter Schlafanzug mit weißen Rentieren auf. Luise war überrascht. Normalerweise lag ihre Großmutter immer völlig daneben, wenn es um Geschenke für sie ging.
„Danke, Oma. Der ist schön“, sagte Luise vorsichtig.
„Das freut mich, mein Mäuschen.“ Sie lächelte Luise zu. „Und das ist auch noch für dich. Dein Großvater, Gott hab ihn selig, wollte, dass du es bekommst, wenn du alt genug bist.“

Großmutter reichte ihr ein kleines, längliches Päcken, eingepackt in braunes Packpapier. Vorsichtig nahm Luise es entgegen. Es war schwerer als vermutet. Bedächtig entfernte sie das Schleifenband vom Geschenk. Unter dem Papier kam eine blaue Schachtel zum Vorschein, die mit einem kleinen goldenen Scharnier verschlossen war. Auf den Deckel war ein Stern geprägt worden, den Luise mit dem Finger für einen Moment nachzog. Behutsam schob sie das kleine Scharnier nach oben und öffnete den Deckel. In der Schachtel, eingeschlagen in ein blaues Samttuch, lag eine filigrane Armbanduhr. Das Zifferblatt war mit goldenen Sternen verziert, der Stundenzeiger mit einem kleinen Halbmond, der Minutenzeiger mit einer Sonne. Luise konnte die Augen nicht abwenden.
Die Uhr hat der Schwester deines Opas gehört. Es war ihr Hochzeitsgeschenk. Nach ihrem Unfall war die Uhr das einzige, was er von ihr behalten wollte. Sie geht leider nicht mehr, der Uhrmacher konnte sie nicht reparieren.“ Luise sah zu ihrer Großmutter und sah eine Träne an deren Wange herunter laufen.
„Ich nehme sie dir ab, Schatz, dann verlierst du sie nicht“, sagte ihre Mutter und versuchte, ihr die Uhr abzunehmen.
„Nein!“, erwiderte Luise und rutschte von ihrer Mutter weg, „Ich werde alleine darauf aufpassen und ich werde sie nicht verlieren.“ Entschlossen sah sie ihrer Großmutter in die Augen: „Versprochen.“
Großmutter lächelte sie an und nickte. „Das weiß ich, mein Mäuschen, das weiß ich.“
Luises Mutter schnaubte und Luise wusste, dass sie die Auseinandersetzung mit ihrer Mutter noch lange nicht gewonnen hatte, diese nur nicht vor Großmutter ausfechten wollte.
„So“, sagte ihre Großmutter, um Luises Mutter abzulenken, „Wer möchte Kaffee und Stollen?“

Als Luise und ihre Eltern die Wohnung ein paar Stunden später wieder verließen, flüsterte ihre Großmutter ihr beim Abschied noch etwas zu. Später im Auto auf dem Rücksitz packte Luise die Uhr noch einmal aus und betrachtete sie im vorbei blitzenden Licht der Straßenlaternen.
„Die Uhr hat etwas Magisches, Luischen. Behüte sie gut“, hallten die Abschiedsworte ihrer Großmutter in ihrem Kopf nach. Das werde ich, dachte Luise. Ihre Augen wurden schwer und in den letzten Sekunden, bevor sie einschlief, war ihr, als wenn der Minutenzeiger eine Position weitergerückt wäre.

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