Erinnerungen an meine Kindheit zwischen Büchern

Ich bin in der Buchhandlung meiner Großmutter aufgewachsen, habe dort meine Nachmittage mit meiner Schwester verbracht, wenn meine Mama länger arbeiten musste. Wenig aus dieser Zeit ist in meiner Erinnerung hängen geblieben, wie etwa die Erinnerung an einen Bücherständer mit kleinen Märchenbüchern oder einem Würstchenverkäufer an der Ecke der Ladenzeile. Doch eins ist bei mir klar und deutlich hängen geblieben: der riesige verwunschene Dachboden, auf dem meine Schwester und ich Verstecken gespielt und allerlei Abenteuer erlebt haben. Noch bevor diese Erinnerung der Realität weichen konnte, zog meine Großmutter in andere Räumlichkeiten und uns blieb diese verwunschene Kindheit. img_1333
Nicht nur im Buchladen war ich von Büchern umgeben, auch bei uns Zuhause mangelte es an ihnen nicht. Meine Eltern lesen viel und füllten nicht nur die Wohnung, sondern auch unsere Zimmer mit Büchern. Bevor wir in die Schule kamen, las mein Paps uns jeden Abend etwas vor. Das letzte Buch, das er begonnen hatte, war Jim Knopf und der Lokomotivführer. Aus Gründen, an die ich mich nicht mehr erinnern kann, hat er es nie mit uns beendet. Noch heute steht es in meinem Bücherregal mit seinem Lesezeichen an der Stelle, an der er als letztes gestoppt hat.
1997 wurde ich eingeschult. Lesen hatte ich schon vorher gelernt aus dem Wunsch heraus, die Welten in den Büchern um mich herum selbst erobern zu können, ohne darauf warten zu müssen, dass jemand Zeit hatte, mir etwas vorzulesen. Die Schulbibliothek war mein liebster Ort in der Grundschule und ich verschlang, was mir gerade in die Hände fiel. Vor allem Bücher über Pferde und Ponys hatten es mir angetan, aber auch Geschichten über Hexen faszinierten mich schon damals. An vieles, was ich in dieser Zeit gelesen habe, kann ich mich jedoch nicht mehr erinnern.

Dann kam mein neunter Geburtstag und von einer Freundin bekam ich Harry Potter und der Gefangene von Askaban geschenkt. Ich weiß noch, dass mich das Cover damals abgeschreckt hatte, weswegen ich das Buch nicht lesen wollte. Es sollte noch ein dreiviertel Jahr vergehen, bevor mich die Welt von JKR einfing und nie wieder freigeben würde.
Sommer 2000: Meine Familie und ich machten Urlaub in Kroatien und wir fuhren mit einem Segelschiff auf der Adria eine Woche lang von Insel zu Insel. Im Zeitraum von meinem Geburtstag bis zu dieser Reise hatte sich meine Mama alle bisher erschienenen Harry Potter Bücher gekauft und gelesen, der vierte Teil war wenige Tage zuvor in die Buchhandlungen gekommen. Warum sie alle vier Teile auf diese Reise mitgenommen hatte, weiß ich nicht mehr, aber ich kann mich noch genau daran erinnern, dass ich unbedingt den vierten Teil lesen wollte, weil der Drache auf dem Cover mir so gefiel. Allerdings hatte ich nicht mit meiner Mama gerechnet, die, da sie wusste, ich hatte die anderen Teile noch nicht gelesen, mir die Fangfrage stellte, wie Harry im zweiten Teil nach Hogwarts kam. Ich antwortete ganz selbstbewusst: „Na, mit dem Zug“ und tappte voll in ihre Falle. So musste ich erst einmal alle anderen Teile lesen, bevor ich den Vierten beginnen durfte, und ich bin meiner Mama noch heute dankbar, dass sie mich zu diesen Büchern gezwungen hat.

img_1330In den folgenden drei Jahren, in denen kein Harry Potter Band erschien, entdeckte ich Wolfgang Hohlbein. Wir waren campen in der Mecklenburger Seenplatte und fuhren an einem Nachmittag mit einer Draisine. Mir war langweilig und ich griff nach dem erstbesten Buch, das mir aus dem Rucksack meiner Eltern in die Hände fiel: Nach dem großen Feuer von Wolfgang Hohlbein. Dieses Buch markierte das Ende meiner „Kinderbuchphase“  und war der Grund, warum Bücher von Enid Blyton, Astrid Lindgren, Erich Kästner und all die anderen Bücher, die Gleichaltrige in dieser Zeit lasen, an mir zu dieser Zeit vollkommen vorbei gingen. Ich verschlang lieber Märchenmond, Katzenwinter oder aber Dreizehn. Ich folgte Leonie in die Archive der Scriptoren in Das Buch und stand Eric im Krieg der Engel tapfer zur Seite.
Abgelöst wurde diese Phase (natürlich immer wieder unterbrochen durch das Erscheinen neuer Harry Potter Bücher) von meiner Faszination für Romane über das Leben im Dritten Reich, die etwa zwei Jahre anhielt. Mitten in der Pubertät hatte ich dann für ein paar Monate den Drang „Bücher für Erwachsene“ lesen zu müssen. Ich las historische Romane aus der Zeit der Hexenverfolgung und die Liebesromane meiner Mama. Doch lange reizten mich diese Bücher nicht, fehlte ihnen doch die Magie. Die Jahre vergingen und auf der Suche nach guten Büchern las ich vieles durcheinander. Ich entdeckte Kai Meyer, las Paolini, Morton Rhue, Malorie Blackman, sowie Audrey Niffenegger, Karen Duve, Philipp Pullman, Ursula Poznanski und Igor Bauersima. Ich begann, Kinderbuchklassiker nachzuholen, die meine Lieblingsautoren inspiriert hatten, wie Peter Pan, Matilda, Momo, Das kleine weiße Pferd und Der kleine Prinz. Für die Schule las ich die üblichen Klassiker von Goethe und Schiller (mit denen kann man mich heute noch jagen), Werke von Shakespeare, Brecht und Dürrenmatt. Doch vor allem begann ich, Bücher übers Schreiben zu verschlingen, denn in mir begann der Wunsch zu keimen, Autor zu werden. Ich dachte mir Geschichten aus, doch beendete keine einzige – mir fehlte einfach die Geduld.

Während meiner Ausbildung entdeckte ich Dystopien für mich, angefangen von Ally Condie’s Die Auswahl über Die Tribute von Panem zur Selection-Reihe von Kiera Cass. Und obwohl ich auch noch Bücher aus anderen Genres lese, bin ich bei Science Fiction und Fantasy stecken geblieben. Ich brauche die Gedankenexperimente, brauche die Magie, die Möglichkeit das Unmögliche zu erreichen in den Büchern, die ich lese. Wenn ich noch Geschichten schreibe, dann nur für mich und meist auch nur den Plot. Mein Leben gehört den Büchern und dem Veröffentlichen neuer Bücher möchte ich dieses nach meinem Studium widmen. Nur dieser Weg fühlt sich, trotz all meiner Irrwege in den letzten Jahren, richtig an, nur er macht mich glücklich.
Ich habe mich damit abgefunden, nicht alle Bücher der Welt in meinem Leben lesen und meine Leseliste nie abarbeiten zu können. Und doch werde ich es versuchen, denn ein Leben ohne Bücher ist für mich unvorstellbar.

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