Ein ganzes halbes Jahr

In ein paar Tagen feiert die Buchverfilmung von Jojo Moyes Ein ganzes halbes Jahr (Original: Me before you) in den deutschen Kinos ihre Premiere. Grund genug also der Buchgrundlage einmal auf den Zahn zu fühlen.
Wer mich kennt, weiß, dass ich wenig zeitgenössische Belletristik lese, die keine phantastischen Elemente aufweisen kann. Noch seltener lese ich Liebesgeschichten ohne magischen oder dystopischen Hintergrund. Das liegt schon allein daran, dass diese Romane einem nur allzu deutlich vor Augen führen, wie furchtbar es doch ist, allein zu sein. Man fühlt sich danach nur noch schuldiger, Single zu sein, als man von den Massenmedien sowieso schon eingeredet bekommt.
Dass ich dann doch zu diesem Buch gegriffen habe, liegt – und da bin ich ehrlich – einzig und allein am Cast der Verfilmung, allen voran Sam Claflin. Ja, da kommt bei mir das Fangirl durch – wer die Hunger Games Filme und eventuell auch Love, Rosie gesehen hat, wird mich vielleicht verstehen. Auch ist mir Emilia Clarke sehr sympathisch, die ich gerade durch Game of Thrones kennenlerne.
Ich also zur nächsten Buchhandlung, das Taschenbuch (ich bin ein armer Student und muss schon genug wegen meiner Lesesucht hungern) geschnappt und los gelesen.

Nun muss ich noch anmerken, dass ich keine kitschigen Liebesgeschichten mit schmalzigem Happy-End mag – jedenfalls nicht bei Büchern. Kurz nach dem Abi hatte ich meine Nicholas-Sparks-Phase und seine Bücher fand ich damals sehr erfrischend, endeten viele doch eben nicht dem Klischee entsprechend. Dank des Trailers von Ein ganzes halbes Jahr wusste ich auch, dass dieses Buch ebenfalls nicht gut endete, wie sehr mich dies aber mitnehmen würde, hatte ich unterschätzt.
Es gibt wenige Bücher, die mich zum weinen gebracht habe – da bin ich bei Filmen viel anfälliger. Irgendwann habe ich angefangen, diese Bücher auf meine persönliche Bestenliste zu setzen, denn vor Autoren, die diese Gefühle hervorrufen können, habe ich die tiefste Hochachtung. Mit diesem Roman befinden sich allerdings erst zehn Bücher auf der Liste (vielleicht verrate ich euch diese Titel irgendwann einmal), nicht viele also. Bei keinem habe ich jedoch so viele Taschentücher gebraucht, wie bei diesem – mehrmaliges Lesen ausgenommen. Doch von vorn:

Ein ganzes halbes Jahr erzählt die Geschichte von Will Traynor und Louisa Clark, die, welch Überraschung, genau ein halbes Jahr gemeinsam verbringen. Will ist nach einem Unfall vom Hals ab gelähmt und an einen Rollstuhl gefesselt. Da er vorher sein Leben eher in vollen Zügen genossen und alle möglichen Action-Sports betrieben hat, ist dieser Zustand für ihn verständlicherweise nicht gerade besonders toll. Um ihn davon abzulenken, engagiert seine Mutter Louisa, eine arbeitslose Kellnerin. Ihre Liebesgeschichte folgt der klassischen Plotline von Stolz und Vorurteil – beide müssen jede Menge Hindernisse und Vorurteile beiseite schaffen, bevor sie zueinander finden. Allerdings nimmt, wie schon erwähnt, ihre Geschichte im Gegensatz zu der von Elizabeth und Mr. Darcy kein gutes Ende, denn Will wird die aktive Sterbehilfe in einem Hospiz in der Schweiz in Anspruch nehmen.

Was ich an diesem Buch besonders mag neben dem wirklich schönen Plot, sind die Charaktere der Figuren. Einer meiner Lieblingsautoren sagte einmal: „Wenn Figuren so echt sind, dass man ihnen in der S-Bahn begegnen könnte, dann sind sie gut geschrieben.“ Jojo Moyes Hauptcharaktere in diesem Buch fallen für mich unter diese Beschreibung.
Louisa ist einfach liebenswürdig, sieht die Dinge immer positiv und kann aber auch ziemlich dickköpfig sein, wenn sie sich etwas vorgenommen hat. Dabei ist sie schrullig, etwas verpeilt und traut sich vieles nicht zu, da sie im Schatten ihrer kleinen Schwester aufgewachsen ist, doch gerade deshalb ist sie einem beim Lesen so sympathisch. Wie wir alle hat sie ihre Fehler und Macken, doch folgt sie ihrer Intuition und entscheidet mit dem Herz.
Will gibt am Anfang der Story das unnahbare Arschloch (verzeiht den Ausdruck), taut jedoch immer mehr auf, als er seine Gefühle für Louisa zulässt. Das er sich zum Schluss gegen Louisa und für den Tod entscheidet, akzeptiert man am Ende, da seine Entscheidung nachvollziehbar beschrieben wird von Jojo Moyes.

Obwohl ich fast zwei Taschentuchpackungen für dieses Buch benötigt habe, muss ich sagen, dass ich das Buch wirklich sehr mochte und die Verfilmung kaum erwarten kann. Mag das Leben auch Schwarz und Weiß sein, zeigt diese Liebesgeschichte doch, dass die Graustufen dazwischen den Ausschlag geben, ob ein Leben schön war oder nicht und wir diese Momente genießen sollten, solange sie anhalten.
Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen, denn die Autorin hat mit diesem Roman ein faszinierendes Feingefühl für die Manipulation von den Gefühlen ihrer Leser bewiesen, von denen viele Autoren noch was lernen können.

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